Methoden und Erkenntniswege kritischer Stadtforschung

Methoden sind nicht einfach nur das „Handwerkszeug“ unserer Forschung. Im Gegenteil, jede grundlegende Debatte – man denke nur an die Diskussionen rund um „planetary urbanization“ oder um die These von der „Eigenlogik“ – zeigt, wie stark Theorien, Methodologien und Methoden miteinander verwoben sind. Sie legen Möglichkeiten, Perspektiven und Wege offen oder verschließen sie. Bewährte Methoden wie Befragung, Interview oder Ethnographie mögen neue theoretische Perspektiven zutage fördern; zugleich kann das, was theoretisch vielversprechend klingt, methodisch zur enormen Herausforderung werden, wenn vielfältige Verflechtungen, Relationen und Situiertheiten in den Blick genommen werden sollen.

Die Art, wie wir „Stadt“ versuchen zu sehen und zu verstehen, wie wir uns dabei positionieren, welche Perspektiven wir einnehmen und welche Interaktionen wir eingehen, hat unmittelbare Konsequenzen dafür, welches Wissen wir über Städte und urbane Entwicklungen herstellen.

In den vergangenen Jahrzehnten sind viele neue sozial- und raumwissenschaftliche Forschungsansätze und damit auch Sichtweisen auf den Gegenstand entwickelt worden. Der in der positivistischen Tradition angestrebten Neutralität setzen relationale, etwa feministische oder postkoloniale Ansätze Fragen der Situtiertheit von Wissen entgegen; diskursanalytische Zugänge legen Verschränkungen von Wissen und Macht offen und fordern etablierte Verfahren des quantifizierenden Messens, Kategorisierens und Kodierens heraus; partizipative und aktivistische Ansätze wie auch kollektive Mappingverfahren zeigen die Grenzen qualitativer Methoden wie etwa der Fokusgruppe auf und fordern andere Formen der Mitbestimmung im Forschungsprozess. Forschungen zu Migration, Transnationalität und ‚multi-situierten‘ Forschungsbezügen hinterfragen zudem den ‚methodologischen Nationalismus‘ von Ansätzen, die einen klar verorteten und einheitlich kontextualisierbaren Forschungsgegenstand annehmen. Mit neuen theoretischen Strömungen werden neben versprachlichten Daten, Diskursen und Handlungen stärker auch Affekte, Emotionen und Verkörperungen fokussiert; Veränderungen in den Kommunikationstechnologien ermöglichen neue Erfassungs- und Analyseformen in Bild, Ton, Bewegung und digitalen Interaktionen. Zugleich werden in quantitativen Ansätzen neue Formen der Modellierung, der Verwendung von Geoinformationssystemen und der Verarbeitung großer Datenmengen entwickelt, die teilweise – wie in der ‚Critical GIS‘ – auch explizit emanzipatorische Ansprüche verfolgen.

Welche Erkenntniswege und Methoden sind nun besonders geeignet, um kritische Perspektiven in der Stadtforschung zu unterstützen? Wie können wir mit neuen Blicken und Ansätzen gesellschaftliche Machtverhältnisse, soziale Ungleichheiten oder politische Kämpfe sichtbar machen? Wie können Forschende angesichts sich verändernder gesellschaftlicher Konstellationen und Ungleichgewichte immer wieder neu sehen und verstehen lernen? Welche neuen Zugänge und Vorgehensweisen braucht es dafür? Diesen grundsätzlichen, methodologischen und methodischen Fragen möchten wir mit einem fortlaufenden
s u b  \ u r b a n-Themenschwerpunkt nachgehen.

Wir laden Beiträge ein, die sich u. a. mit folgenden Themen und Fragen auseinandersetzen:

  • Positionalitäten: Was heißt es, sich im Feld als kritische*r Stadtforscher*in zu positionieren? Wie beeinflusst dies das eigene methodische Vorgehen und das Verhältnis zu den anderen Beteiligten? Wie kann eine ‚multi-situierte‘ kritische Stadtforschung vorgehen? Welche Anforderungen sind an uns als Forschende damit verbunden? Wie können dekoloniale und provinzialisierende Perspektiven konsequenter als bisher in die methodologischen Debatten und methodischen Diskussionen der kritischen Stadtforschung einbezogen werden? Wo und wie werden queere und feministische Methodologien genutzt und reflektiert? Welche Bedeutung haben kollaborative und partizipative Forschungsansätze von Aktionsforschung bis Citizen Science in der kritischen Stadtforschung?
  • Verflechtungen: Welche globalen und differenzierenden Blicke sind notwendig, um die ökonomischen, politischen, sozialen und kulturellen Macht- und Herrschaftsgefüge und ihre Zusammenhänge zu erforschen? Was erfordert dies methodisch? Wie kann Prozessen von Globalisierung, Migration und Transnationalität methodologisch Rechnung getragen werden?
  • Neue Daten, Technologien und Kommunikationsformen: Wie verändern sich methodische Zugänge der kritischen Stadtforschung im Zusammenhang zunehmender Digitalisierung und veränderter Medienlandschaften? Können uns Twitter, Facebook, Google und Co. helfen, politische Entwicklungen zu verstehen und kritisch zu hinterfragen? Wie können wir mit dem verstärkten Trend zu postfaktischen Diskursen umgehen? Welche neuen, emanzipatorischen Möglichkeiten sind aber auch mit neuen Technologien, Datenformen etc. verbunden?
  • Methodische Interdisziplinarität: Welche Rolle spielen unterschiedliche Disziplinen und deren Logiken, und was bedeutet das für eine interdisziplinäre kritische Stadtforschung? Wie können neue Bezüge aus dieser methodischen Interdisziplinarität aufgegriffen und fruchtbar gemacht werden? Welche methodologischen Herausforderungen ergeben sich aus emotionalen und mehr-als-repräsentativen Ansätzen? Was behindert eine stärkere Integration solcher Methoden?

Für unseren fortlaufenden sub\urban-Themenschwerpunkt suchen wir Beiträge, die

  • die oben aufgeworfenen Fragen und mögliche Antworten darauf diskutieren;
  • anhand spezifischer Forschungsbeispiele zeigen, wie das methodische Vorgehen einen kritischen Zugang zu städtischen Phänomenen unterstützen kann;
  • beispielhaft zeigen, inwiefern das kritische Hinterfragen des eigenen methodischen Vorgehens und der eigenen Situiertheit ein möglicher Weg zur Methodenkritik sein kann;
  • an Forschungsbeispielen diskutieren, wie methodische Zugänge in der kritischen Stadtforschung auch misslingen können und woran sich ein Scheitern festmachen lässt.

Bis zum 20.4.2019 können Abstracts für Aufsätze, Magazinbeiträge oder Debattenvorschläge im Umfang von 300-500 Wörtern mit Angaben zu Fragestellung, methodischem Vorgehen, theoretischem Ansatz und ggf. zur empirischen Basis eingereicht werden. Auch Vorschläge für Rezensionen aktueller Bücher zum Thema nehmen wir gerne entgegen.

Hier finden sich Informationen zu unseren Rubriken Aufsatz, Debatte, Magazin und Rezension, für die wir uns Einreichungen wünschen: http://www.zeitschrift-suburban.de/sys/index.php/suburban/about/submissions.

Wir bitten darum, unbedingt unsere Richtlinien für Autor*innen zu beachten.

Einreichungen als Word-Datei an: info@zeitschrift-suburban.de