Clément Rivière: Lassen Sie uns vom Ende her beginnen: Sie schließen ihr Buch Bourdieu in the city (Wacquant 2023) mit einer Beschreibung Bourdieus als „Soziologen des Urbanen seiner selbst zum Trotz“. Was hat Sie dazu bewegt, Bourdieu gewissermaßen zu urbanisieren, wo doch die Stadt und das Urbane in seinem Werk auf den ersten Blick nicht vorzukommen scheinen?
Loïc Wacquant: In meiner eigenen Arbeit beziehe ich mich seit langem auf Bourdieu und nun war die Idee, die Wurzeln meiner Stadtforschung in seinem Werk zu verdeutlichen. Den Ausschlag dafür gab eine italienische Kollegin [Sonia Paione, Anm. d. Übers.], die basierend auf einem Artikel (Wacquant 2018) ein kleines Buch herausbringen wollte. Ich sammelte weitere Artikel in italienischer Sprache und machte mich dann an die Überarbeitung, woraus letztlich ein eigenständiges Buch entstand. Das unterschied sich zwar vom ursprünglichen Projekt, gab mir aber die Möglichkeit, die Prinzipien einer bourdieuschen Analyse des Urbanen zu verdeutlichen und gleichzeitig – was so nicht geplant war – eine neue Lesart seines Werks durch das Urbane anzuregen.
So kam dieses Projekt zustande und dabei wurde mir klar, dass sich ein Großteil der Forschung Bourdieus mit Raum und Stadtentwicklung als transformativen Formen befasst. Das gilt für seine frühen Arbeiten über die bäuerlichen Gesellschaften der Kabylei im kolonialen Algerien und seines eigenen Dorfes Lasseube im ländlichen Béarn. Diese beiden Gesellschaften auf beiden Seiten des Mittelmeers wurden durch die Sogwirkung der Stadt und das Eindringen von Institutionen, die urbane Institutionen par excellence darstellen, wie Schule, Arbeitsmarkt und politische Macht auseinandergerissen und – man könnte gar sagen zu Tode gebracht. In Le déracinement (Bourdieu/Sayad 1964) wie auch in der Arbeit, die später zu Le bal des célibataires (Bourdieu 2002) wurde, findet sich eine Analyse von Urbanisierung als gesellschaftlicher Kraft, die sich gegenüber individueller Subjektivität, sozialen Beziehungen und historischer Entwicklung als disruptiv erweist.
In Bourdieus Spätwerk, seinen Studien zu den Feldern der Bildung, der Religion, der Politik, der Wissenschaft und der Kunst, konnte ich zudem feststellen, dass all diese Felder in der Stadt entstanden sind – und dies nicht zufällig. Die Herausbildung von Feldern ist das Ergebnis sozialer, räumlicher und kultureller Differenzierung, hervorgerufen durch Urbanisierung, also die Zusammenballung großer, dichter und diverser Bevölkerungen. Die Stadt ist das Vehikel für die Akkumulation und Ausdifferenzierung von Formen der Macht oder – um mit Bourdieu zu sprechen – von Kapitalformen. Das führt zur Entstehung getrennter sozialer Welten, die er microcosmes (Bourdieu 2021) nennt. Und sobald diese verschiedenen Felder entstehen, stellt sich die Frage, wie sie sich zueinander verhalten, aber auch die Frage nach ihrer Hierarchie. Hier sehen wir das Ringen zwischen den Vertreter_innen verschiedener Kapitalformen, die Akkumulation und die gegenseitige Infragestellung unterschiedlicher Kapitalformen. Und wo spielt sich all dies ab? In der Stadt. Sobald man das einmal auf den Punkt gebracht hat, ist es ganz offensichtlich, aber vorher war es das nicht! Es ist die Stadt, in der sich der Bürokrat, der Anwalt, der Künstler, der Politiker, der Wissenschaftler, der Kapitalist – ich benutze das Maskulinum, da all diese Felder bis vor kurzem ausschließlich Männern vorbehalten waren – physisch befinden, in der sich diese Felder, deren Inkarnation sie sind, herauskristallisieren und materialisieren. Also beruht die bourdieusche Soziologie unausgesprochen auf einer Konzeption der Stadt: Nach meinem Verständnis Bourdieus ist das Urbane der Ort, an dem die Kapitalarten akkumulieren, sich ausdifferenzieren und miteinander konkurrieren.
Der erste Baustein ist demnach die Stadt als Nährboden für soziale Felder. Der zweite Baustein sind die Handelnden. Das städtische Umfeld ist der Ort, an dem Menschen mit unterschiedlichen Hintergründen und sozialen Erfahrungen aufeinandertreffen, die folglich verschiedene Habitus in die Stadt bringen (Habitus ist der von Bourdieu entwickelte Begriff zur Bezeichnung der Denk-, Empfindungs- und Handlungsweisen, die gesellschaftlich erworben werden und dadurch unsere sozialen Erfahrungen einbetten). Die Stadt ist der Ort, an dem unterschiedliche Formen des Habitus kollidieren, im Widerspruch zueinander stehen oder nicht miteinander harmonieren. Besonders deutlich wird dies im Vergleich mit der bäuerlichen Gesellschaft, in der der Habitus sehr kohärent ist, da die soziale Konditionierung homogen, aber auch mit der Umwelt kongruent ist. Die Stadt hingegen ist eine Umgebung, in der sich Habitus herausbilden, die man als inkohärent und inkongruent bezeichnen kann. Deshalb schafft das städtische Umfeld soziale Perplexität in dem Sinne, dass wir in unserem Alltag oftmals auf Menschen treffen, die anders sind als wir, die andere Gewohnheiten haben und die uns dazu bringen, unser eigenes Denken, Fühlen und Handeln zu hinterfragen. Und das ist meiner Ansicht nach ein starkes Bild, um die Stadt zu beschreiben. Es gibt also eine doppelte Spezifität des Urbanen – hinsichtlich des Kapitals und hinsichtlich des Habitus.
In Anlehnung an Bourdieu betonen Sie, wie wichtig es ist, die Rolle symbolischer Strukturen bei der Entstehung städtischer Ungleichheiten zu berücksichtigen. Könnten Sie die Hauptmerkmale dessen skizzieren, was Sie als territoriales Stigma in der neoliberalen Ära bezeichnen?
Es gibt viele Arten, Bourdieu zu lesen. Oft wird er anhand der Trias von Habitus, Kapital und Feld zusammengefasst. Tatsächlich halte ich diese Zusammenfassung für unzureichend, da sie die Kategorie außen vor lässt, die meines Erachtens im Zentrum seiner Arbeit steht, nämlich den Begriff der symbolischen Macht. Symbolische Macht ist kurz gesagt die Fähigkeit, die Realität zu verändern, indem man ihre Repräsentationen kontrolliert und umgestaltet. Diese symbolische Macht zeigt sich in Gestalt der Wahrnehmungskategorien, also der Brille, durch die wir die Welt betrachten. Dabei handelt es sich um kollektive, historische Sichtweisen, die wir von staatlichen Institutionen gelernt haben – in Schulen, Familien und den Medien. Was Gesellschaft möglich macht, ist, dass wir in sehr hohem Maße dieselben Denk- und Wahrnehmungskategorien teilen. Gleichzeitig aber unterscheiden sich diese Wahrnehmungskategorien je nach Position, die man im sozialen Raum einnimmt, und so ist das Lesen der Gesellschaft durch verschiedene Brillen umkämpft. Wir können die Gesellschaft durch die Klassenbrille wahrnehmen und sagen, dass sie in soziale Klassen unterteilt sei, dass urbane Konflikte Klassenkämpfe seien, und können so eine politische Mobilisierung auf der Grundlage von Klasse als „Prinzip des Sehens und Einteilens“ – wie Bourdieu es ausdrückt – anstreben. Wir können jedoch auch eine ethnische oder ethnisch-rassifizierte Brille aufsetzen und sagen, dass wir Gesellschaft durch das Prisma von race lesen müssen und dass wir versuchen müssen, Menschen entlang dieser Trennlinie zu mobilisieren. Dann haben wir eine andere Art der Wahrnehmung und schlagen einen anderen Weg zur Veränderung der sozialen Welt ein, indem wir Maßnahmen für diese oder jene, auf die eine oder andere Weise konstruierte Gruppe einfordern. Und so sehen wir, dass symbolische Macht dazu beiträgt, die objektive Realität der Stadt zu konstruieren.
Ich wollte zeigen, dass wir die Stadt als eine konkrete, materielle, objektive Entität sehen müssen, aber auch als Stadt, die wahrgenommen und erfahren wird, und zwar von den Menschen, die dort leben und deren Repräsentationen das Ergebnis einer symbolischen Auseinandersetzung sind. Diese Repräsentationen der Stadt betreffen sowohl den urbanen Raum als auch die Stratifizierung von Orten. Vor allem haben wir ein hierarchisiertes Bild der Stadtviertel, die materiell als eine Verteilung von Ressourcen, Geld, Qualifikationen und Infrastrukturen bestehen, aber auch in den Köpfen der Menschen. Wir alle haben einen Stadtplan im Kopf, mit Quartieren ganz oben oder ganz unten auf der Rangliste, bürgerliche oder Arbeiterviertel, Gewerbe- oder Wohngebiete und so weiter. Während des letzten halben Jahrhunderts kristallisierte sich heraus, dass vormals als Einfache-Leute- oder Arbeiterviertel bezeichnete Quartiere oder Städte der industriellen Peripherie nunmehr negativ oder gar als berüchtigt repräsentiert werden, und zwar in dem Maße, wie sie mit der Deindustrialisierung ihre ökonomische Grundlage verloren und gleichzeitig zu „Eintrittspforten“ für die neue postkoloniale Einwanderung wurden.
Auf diese Viertel wird heruntergeschaut. Ihr abwertendes Image hat sich in der gesamten Gesellschaft verbreitet, ihre Namen lösen Angst und moralische Verurteilung aus und ihre Bewohner_innen werden stigmatisiert – schlicht, weil sie dort leben. Mit der Transformation der politischen und medialen Sphäre ist auch der Begriff des Arbeiterviertels (quartier) verschwunden: Wir sprechen einfach von les quartiers, ohne nähere Bestimmungen – als wären Mittelschichtsviertel plötzlich keine Quartiere im üblichen Wortsinn mehr! An dieser Stelle kombiniere ich Bourdieus Begriff der symbolischen Macht mit dem von Erving Goffman (2010) entwickelten Konzept des Stigmas. Goffman spricht dort von „Techniken der Bewältigung beschädigter Identitäten“. Er definiert Stigma als disqualifizierende Eigenschaft und listet die Strategien auf, mit denen stigmatisierte Menschen auf ihre symbolische Abwertung reagieren.
Hier besteht mein Beitrag zur Stadtsoziologie darin, den Einfluss der symbolischen Macht aufzuzeigen sowie die Tatsache, dass es heute ein Stigma gibt, das sich nicht auf Armut, Klassenzugehörigkeit oder Ethnizität reduzieren lässt, sondern das ein Stigma des Ortes ist, das seine eigene Dynamik und seine eigene Kraft entfaltet, das diese Orte berüchtigt macht und ihre Bewohner_innen herabwürdigt. Wenn wir uns auf die Notwendigkeit von Recht und Ordnung berufen, auf die „Wiederherstellung von Sicherheit“, dann zeigen wir auf diese verarmten und stigmatisierten Arbeiterviertel, die als Brutstätten unzivilisierten Benehmens, des Lasters und der Gewalt wahrgenommen werden. Dieses territoriale Stigma hat eine ganze Reihe von Auswirkungen, zuallererst auf das Selbstwertgefühl der Bewohner_innen, die sich benachteiligt fühlen und sich daher weniger mit ihrem Wohnort identifizieren oder sich gar in die private beziehungsweise familiäre Sphäre zurückziehen – oder aber das Stigma selbst übernehmen, um ihre Nachbar_innen herabzusetzen, was ich als laterale Herabwürdigung bezeichne. Zusammengenommen führen all diese Effekte zu einer Schwächung der sozialen Bindungen. Sie verändern somit die alltäglichen sozialen Beziehungen innerhalb des Quartiers. Es gibt jedoch eine Gruppe, die die Bindung an das Viertel zur Grundlage ihrer Identität gemacht hat: unbeschäftigte junge Menschen, die zudem keinen Zugang zu bedeutenden Orten haben. Sie verteidigen dieses Territorium, das zu ihrem geworden ist, gegen Eindringlinge wie Jugendliche aus anderen Vierteln oder die Polizei. Dennoch bleibt auch für sie das vergiftete Bild des Ortes, an dem sie leben, bestimmend – das, was Goffman als Umkehr des Stigmas bezeichnet.
Wichtig zu betonen ist hier, wie Goffman zeigt, dass keine Eigenschaft aus sich selbst heraus stigmatisierend ist. Das Stigma wird immer dadurch erzeugt, wie wir eine Eigenschaft betrachten. Es ist also der Blick der anderen – insbesondere derer, die die Instrumente der symbolischen Macht kontrollieren. Dieser Blick beeinflusst beispielsweise staatliche Maßnahmen, wie die Streuung von Ressourcen über sogenannte Problem- oder Brennpunktviertel (quartiers prioritaires de la ville oder kurz QPV), die im Visier staatlicher „Stadterneuerungsprogramme“ stehen. Das wirkt sich auch auf Arbeitgeber_innen aus, die genau die Adressen von Stellenbewerber_innen unter die Lupe nehmen, aber auch zögern werden, in diesen Gegenden ein Geschäft zu eröffnen, da das Umfeld als unsicher gilt, den Bewohner_innen mangelnde Arbeitsmoral nachgesagt wird und der öffentliche Raum angeblich von Drogendealern kontrolliert wird. Dadurch verschärft sich die Arbeitslosigkeit und bestätigt sich das Image der Großwohnsiedlungen als Orten, an denen die Arbeitslosen nicht in den Arbeitsmarkt integriert werden können oder wollen, wo Eltern resigniert haben, Familien zerbrechen und die jungen Leute allesamt in den Drogenhandel verwickelt sind. Die Repräsentation der Realität trägt dazu bei, ihre Materialität zu formen, was wiederum die Repräsentation untermauert. Und so schließt sich der Kreis.
In der stigmatisierenden Wahrnehmung verarmter Arbeiterviertel steckt die Vorstellung, sie seien Ghettos, Vektoren eines rassifizierten Separatismus und gehörten quasi nicht mehr zum staatlichen Hoheitsgebiet. Und der wachsende Anteil der dort lebenden Familien anderer Herkunft wird als Beweis dessen angeführt. Diese Quartiere, deren Namen wir alle kennen, sind das, was ich als hypnotische Punkte der öffentlichen Debatte bezeichne. Sie sind hypnotisch, weil sie die Aufmerksamkeit bündeln und uns daran hindern, zu sehen, dass sich die ausländische Bevölkerung beziehungsweise die Bevölkerung postkolonialer Herkunft parallel zum faktischen Anstieg der ethnischen Dichte in diesen Gebieten im gesamten städtischen Raum ausbreitet und die Segregationsindizes über die letzten Jahrzehnte hinweg langsam abgenommen haben, wie uns die Arbeit von Jean-Louis Pan Ké Shon und Gregory Verdugo (2014) zeigt. Es gibt eine räumliche Fixierung und gleichzeitig eine räumliche Streuung nach ethnischer Zugehörigkeit. Wenn es einen räumlichen Separatismus gibt, dann am oberen Ende der Hierarchie der Orte, in rein bürgerlichen Quartieren, die sich im 21. Jahrhundert immer weiter abschotten.
Der zweite blinde Fleck ist die Annahme, dass die Bevölkerung [der verrufenen Viertel, Anm. d. Übers.] auf immer und ewig dorthin weggeräumt und in diesen Zonen „weggesperrt“ bleibt. Die Realität ist jedoch, dass ihre Bewohner_innen mobiler sind als der Durchschnittshaushalt. Diese Mobilität ermöglicht es ihnen, auf der Quartiersleiter weiter nach oben zu steigen. Das ist ein weiteres Phänomen, das in der öffentlichen wie auch der wissenschaftlichen Debatte komplett übersehen wird.
Sie beschreiben, dass bei der Erzeugung territorialer Stigmatisierung drei Felder zusammenwirken: das politische, das journalistische und das akademische Feld. Was können wir innerhalb dieser unterschiedlichen Felder tun, um dem etwas entgegenzusetzen?
Beginnen wir mit dem akademischen Feld. Erstens müssen wir eine gute Begriffshygiene betreiben und vermeiden, in einen vorgefertigten Diskurs zu verfallen, der die Realität verschleiert. Das bedeutet, zu reflektieren und die Vorstellungen, anhand derer wir unsere Forschung organisieren, zu hinterfragen. Ein perfektes Beispiel dafür ist der verworrene und verwirrende Diskurs über das Ghetto – ein Begriff, der im Alltagswortsinn verwendet wird, ohne zu erkennen, dass das Ghetto keineswegs ein Ort der Desintegration ist, sondern eine Einrichtung, die die Integration einer stigmatisierten Gruppe auf der strukturellen Ebene ermöglicht, während es sie auf der sozialen Ebene auf Distanz hält. In meinem Buch The two faces of the ghetto (Wacquant i. E.), das auf zwei kanonischen Fällen basiert – dem jüdischen Ghetto der europäischen Renaissance und dem schwarzen Ghetto im fordistischen Amerika – zeige ich, dass Ghettoisierung ein Prozess mit zwei Seiten ist, einer inkorporierenden und einer separierenden, und dass diese beiden Dimensionen zusammen gesehen werden müssen, um das Phänomen zu verstehen. Das hatte ich in meinem Buch Urban Outcasts (Wacquant 2008) noch nicht geleistet. Das Ghetto ist ein Käfig, aber auch ein Kokon, der schützt, Solidarität fördert und Lebenschancen erweitert. Wenn also ein Journalist eine Frage stellt, die problematisch ist, müssen wir sagen: „Halten wir hier inne und gehen einen Schritt zurück“, um dann erst einmal die der Frage zugrunde liegenden Kategorien und Vorannahmen zu überprüfen. Hinterfragen Sie die Frage, anstatt sie naiv zu beantworten.
Gleichermaßen müssen auch Journalist_innen eine gute Sprachhygiene praktizieren und sich zudem fragen, welche Seite der Geschichte sie mit ihrer Berichterstattung verbergen. Informieren Sie sich, lesen Sie soziologische Studien und machen Sie sich bewusst, dass Sie unwissentlich zur Stigmatisierung eines Viertels beitragen können, wenn Sie sich ausschließlich auf dessen negative Aspekte konzentrieren und sich dadurch selbst im Abwertungskreislauf verfangen. Seien Sie also immer aufgeschlossen und fragen Sie sich, warum Ihnen diese oder jene Eigenschaft solche Sorgen bereitet, was in einem anderen Viertel nicht der Fall wäre, etwa in einer kleinbürgerlichen Wohnanlage. Es ist auch wichtig, im Blick zu behalten, dass die Determinanten des Quartiersschicksals nicht im Quartier selbst zu finden sind (Hansen 2021; Larsen/Delica 2024), sondern in den vorherrschenden Trends des Arbeitsmarkts und der Immobilienwirtschaft sowie im Schulsystem, in der Raumplanung und im Polizei- und Justizsystem – kurz gesagt in allen Teilen des Staatsapparates.
Zweitens würde ich in der politischen Arena zwischen der lokalen und der nationalen Ebene unterscheiden, denn zahlreiche gewählte Kommunalvertreter_innen kämpfen engagiert gegen räumliche Stigmatisierung. In den 2010er Jahren rief die Stadt La Courneuve ein Netzwerk ins Leben, das eine Vollversammlung stigmatisierter Kommunen organisiert hatte. Deren Bürgermeister_innen erklärten kollektiv: „Es reicht, wir haben genug.“ Sie setzten sich seinerzeit bei der Antidiskriminierungsstelle „Haute Autorité de lutte contre les discriminations et pour l’égalité“ (HALDE) dafür ein, den Wohnort als Kriterium ins Antidiskriminierungsgesetz aufzunehmen. Heute ist der Wohnort Teil des Kriterienkatalogs. Kommen wir schließlich zur bürokratischen Front. Hier ist es an der Zeit, dass sich die öffentlichen Verwaltungen, die Stadtpolitik umsetzen, darauf konzentrieren, die positiven Effekte dieser Politik publik zu machen, um die Stigmatisierungsdynamik zu durchbrechen und dass sie gleichzeitig den dringenden Bedarf an zusätzlichen Ressourcen zur Verstärkung dieser positiven Effekte anerkennen. Dies lässt sich durch mittel- und langfristige Arbeit erreichen, über ein Jahrzehnt oder länger, indem man sich der Praxis verweigert, das System bei jedem Regierungswechsel komplett umzukrempeln – was schlicht und einfach absurd (ubuesque) ist.
Was die städtischen Professionellen anbetrifft, die diese Politik umsetzen – also Sozialarbeiter_innen, Straßenpädagog_innen, Verwaltungs- und Stadtratsmitglieder – können wir darauf bauen, dass sie diese Quartiere zu entstigmatisieren versuchen, indem sie dem abwertenden Diskurs etwas entgegensetzen und die einseitigen Verzerrungen einer Sichtweise aufzeigen, die ich als Defizitmodell bezeichne. Sie besteht darin, die städtische Peripherie nur durch das Prisma ihrer Unzulänglichkeiten zu betrachten. Vor allem aber müssen wir die verarmten Arbeiterviertel wieder in die Gesamthierarchie städtischer Gebiete und Orte aufnehmen, um zu sehen, dass die reale staatliche Politik der raumbasierten „positiven Diskriminierung“ keine sogenannte Stadtpolitik ist, sondern die ganz selbstverständliche politische Vorgehensweise, bürgerlichen Quartieren und Städten in unverhältnismäßigem Umfang fiskalische, budgetäre und menschliche Ressourcen zuzuweisen, die eigentlich gleichmäßig über das nationale Territorium verteilt werden sollten – beginnend mit öffentlichen Dienstleistungen wie Schulen, Wohnraum, Gesundheit, Straßen und Verkehr.
Sie betonen Ihre Erkenntnis, dass das Gefängnis (jail) eine urbane Institution ist, und fordern uns insgesamt auf, Polizei, Justiz und Strafvollzug (prison) ins Zentrum von Stadtforschung und -politik zu stellen. Warum das und zu welchem Zweck?
Dieses Phänomen hat sich mir seit dreißig Jahren ins Blickfeld gedrängt und ich konnte es schlicht nicht sehen! In Les prisons de la misère (Elend hinter Gittern, Wacquant 2015 [1999]) hatte ich gezeigt, dass in der neoliberalen Ära der strafende Staat in Stellung gebracht wurde, um das durch wirtschaftliche Deregulierung und den Abbau sozialer Sicherung verursachte Elend in den Griff zu bekommen. Aber die spezifisch urbane Dimension dieser Entwicklung hatte ich nicht erfasst. Hier müssen wir zwischen Gefängnissen (jails) auf der einen Seite und Strafvollzugsanstalten (prisons) auf der anderen unterscheiden. Erstere finden sich in der Stadt und sind für Personen bestimmt, die von der Polizei festgenommen wurden und auf ihren Prozess warten. In letzteren sind Strafgefangene untergebracht und wir finden sie in ländlichen Gebieten. Einmal aus praktischen Gründen, weil die Bodenpreise dort niedriger sind, aber auch aus sozialen und symbolischen Gründen – Stadtbewohner_innen wollen keine als gefährlich oder deviant erachteten Populationen in ihrer Mitte wissen. Untersuchungs- und Arrestgefängnisse beherbergen fast ausschließlich Inhaftierte, die aus Abstiegsvierteln stammen und nach ihrer Entlassung wieder dorthin zurückkehren.
Diese Quartiere nehmen Polizei und Justiz intensiv ins Visier, insbesondere in Form „anlassunabhängiger Kontrollen“ anhand des phänotypischen Erscheinungsbildes (wörtlich contrôles au faciès, Gesichtskontrollen), ein fließbandmäßiges rechtliches Prozedere, dem sich Bewohner_innen bürgerlicher Viertel niemals unterwerfen würden (hierzu empfehle ich die Lektüre der Ethnographien Comparutions immédiates von Angèle Christin (2008) und La force de l’ordre von Didier Fassin (2011)). Dieses Ins-Visier-Nehmen erklärt, warum Menschen, die gerade aus der Haft entlassen wurden, nicht zuletzt wegen ihrer Verstrickung in die Straßenökonomie schnell wieder in die Fänge des Strafjustizsystems geraten, sodass ein quasi geschlossener Kreislauf zwischen Abstiegsviertel und Gefängnis entsteht. In den USA ist diese gegenseitige Durchdringung von schwarzem Hyperghetto und Gefängnis extrem. In Frankreich ist das Phänomen weniger ausgeprägt, aber dennoch real, und die Mechanismen sind dieselben: geographisch basierte Bestrafung, verstärkte Zirkulation zwischen Quartier und Haft, Symbiose zwischen Straßenkultur und Gefängniskultur. In großstädtischen Gefängnissen gestalten die Inhaftierten ihr Zusammenleben wie in den Wohnsiedlungen. Sie organisieren sich in gegenseitigen Unterstützungs- und Schutznetzwerken, die auf räumlicher Hierarchisierung beruhen. Das Wohnquartier ist das Gefängnis und das Gefängnis ist das Wohnquartier.
Und welche Bevölkerungsgruppen sind es, die sich in dem verfangen, was ich als strukturelle Osmose zwischen diesen beiden Institutionen des Einschließens bezeichne? In Frankreich sind es mittellose junge Männer nordafrikanischer oder afrikanischer Herkunft, in den USA arme junge Schwarze, in den Niederlanden Menschen aus Surinam, in Belgien aus Marokko, in Deutschland sind es Türk_innen und Roma und in skandinavischen Ländern nicht-europäische Migrant_innen. Für mich war die Erkenntnis, welch zentrale Rolle den Inhaftierungsinstitutionen beim Umgang mit Marginalität in der Stadt zukommt, eine regelrechte Entdeckung. Und das schließt auch die Strafvollzugsanstalten (prisons) mit ein, die, obwohl sie weit weg in ländlichen Gegenden liegen, Satelliten der Stadt sind, um den räumlichen Überschuss urbaner Probleme zu bewältigen.
Das heißt, dass wir Ungleichheit und Marginalität in der Stadt nicht verstehen können, ohne die unterschiedliche Mobilisierung der Polizei- und Strafvollzugsapparate zu verstehen, die als eine Art Deckel auf dem brodelnden Kessel der Abstiegsquartiere dienen. Um die Stadt zu verstehen, muss man den strafenden Staat verstehen – und umgekehrt. Was nun die Forschung angeht, so gibt es praktisch keine Schnittmenge: Die Stadtsoziologie befasst sich nicht mit Kriminologie und die Soziologie des Strafsystems – die Kriminologie – und die Soziologie des Strafens befassen sich nicht mit der Stadtsoziologie. Dasselbe gilt für die öffentliche Politik: Der Anteil an inhaftierten oder vorbestraften Bewohner_innen gehört nicht zu den Kriterien, anhand derer einem Viertel der Status als Brennpunkt (QPV) zugewiesen wird.
Andererseits haben die Praktiker_innen vor Ort diese Überschneidung oft bereits erfasst. Ihnen ist sehr wohl bewusst, dass Polizei, Gerichte und Bewährungshilfe die sozialen und räumlichen Lebenswege junger Männer, die aufgrund ihrer Klassen- und ethnischen Zugehörigkeit doppelt marginalisiert sind, in entscheidender Weise bestimmen und dass der Strafvollzugsapparat diese Quartiere fest in seinem Griff hält; dass Polizei, Justizsystem und Haftanstalt in den Lebenswegen dieser jungen Männer eine zentrale Rolle spielen, da sie die gefährdetsten Familien destabilisieren. Den Praktiker_innen ist all dies bekannt, aber der Forschung nicht oder sie hinkt zumindest weit hinterher. Daher rufe ich meine Kolleg_innen aus der Soziologie auf, diese Verbindung zwischen der Stadtsoziologie und der Soziologie des Strafens herzustellen. Dadurch werden wir zu einem wesentlich besseren Verständnis sowohl der Stadt als auch der Strafjustiz gelangen. Und was Politiker_innen angeht, so ist es höchste Zeit, dass sie die Augen öffnen und endlich die iatrogenen Effekte der Politik anerkennen, Armut zu bestrafen.
Wie hat Ihr empirisches und persönliches Pendeln zwischen Frankreich und den USA Ihren Zugang zu den gegenwärtigen Dynamiken der Erzeugung urbaner Marginalität beeinflusst?
Ein vergleichender Blick ist unerlässlich, um sich von den unhinterfragten Selbstverständlichkeiten frei zu machen, die in der einen Gesellschaft gelten, aber in der anderen gerade nicht. Das Hin- und Herpendeln zwischen beiden Seiten des Atlantiks hat mich gezwungen zu reflektieren und die konzeptionellen Kategorien, Datenquellen und theoretischen Instrumente, die ich verwende, sowie die Probleme zu hinterfragen, die im einen Land anders oder auch gar nicht formuliert werden, während sie im anderen Land zentral sind. In Amerika wird beispielsweise ganz selbstverständlich urbane Marginalität mit race gleichgesetzt. In allen öffentlichen Daten aus den USA, seien sie administrativer Natur oder aus Erhebungen, ist race eine zentrale Variable – während Klassenungleichheiten vollständig verschleiert werden. Und wie selbstverständlich wird dieser Begriff im Sinne einer dichotomen, durch Abstammung definierten Unterteilung in Schwarze und Weiße verstanden. Wenn wir uns dieser Frage hingegen aus europäischem Blickwinkel annähern, sind wir geneigt, diese Trennlinie umzuformulieren, und zwar nach einer auf dem physischen Erscheinungsbild beruhenden Abstufungslogik, die statt eindeutiger Kategorien eher unscharfe Kontinuen festlegt.
Eine Reihe neuerer Forschungsarbeiten zeigt nun, dass ethnisch-rassifizierte Unterschiede in den USA tatsächlich einer abgestuften und keiner dichotomen Logik nach Hautfarbe folgen. So sind die ökonomischen, sozialen, bildungs- und gesundheitsbezogenen, rechtlichen und anderen Unterschiede zwischen hell- und dunkelhäutigen Afroamerikaner_innen deutlicher ausgeprägt als die entsprechenden Unterschiede zwischen Schwarzen und Weißen (einer meiner ehemaligen Doktoranden, Ellis Monk, heute Professor in Harvard, ist einer der führenden Vertreter dieses Forschungszweigs). Auf der europäischen Seite war eine ethnisch-rassifizierte Kategorisierung, die je nach Gruppe und institutionellem Bereich – Arbeit, Wohnraum, Schule, Familie, Polizei, öffentlicher Raum – unterschiedlich wirkt, in der Stadtforschung lange Zeit nicht zu finden oder gar ein Tabu. Sie ist auch bei der Erfassung von Verwaltungsdaten in vielen Ländern nach wie vor illegal. Das sollte die Soziologie aber nicht davon abhalten, diesen Faktor in ihren eigenen Erhebungen miteinzubeziehen, wie es Patrick Simon und seinem Team auf brillante Weise gelungen ist (Beauchemin/Hamel/Simon 2016). Dafür müssen wir die Kategorisierung jedoch auf die spezifische Geschichte der urbanen Strukturen des betreffenden Landes abstimmen, anstatt sie einfach aus den USA zu importieren. Vor allem müssen wir Klasse, Ethnizität, Kultur und Raum zusammenhalten und verstehen, auf welch spezifische Weise sie in der Großstadt (metropolis) zum Ausdruck kommen.