Das Regieren von Sexarbeit(-er*innen) im Kontext von Aufwertungsprozessen in neoliberalen Städten fokussiert sich vorrangig auf deren Sichtbarkeit (Künkel 2020: 267). Diese zentrale Aussage arbeitet Jenny Künkel in Sex, Drugs & Control. Das Regieren von Sexarbeit in der neoliberalen Stadt anhand von Fallstudien in fünf Quartieren in Hamburg (St. Georg und St. Pauli), Berlin (Kurfürstenstraße und Oranienstraße) und Frankfurt am Main (Bahnhofsviertel) heraus. Dem von ihr identifizierten forschungs- und gesellschaftspraktischen Tunnelblick auf Verdrängung und othering von Sexarbeiter*innen zur Konstruktion „der“ Prostitution und der Stabilisierung gesellschaftlicher Normen innerhalb einer bürgerlich-kapitalistischen Gesellschaft stellt Künkel ein heterogenes und diverses Bild von Sexarbeit(-er*innen) und Akteur*innen innerhalb des Prostitutionsdiskurses entgegen. Statt sich auf die bis dahin vorherrschende Forschung und Diskussion zu Verdrängungsmechanismen in Bezug auf Sexarbeit zu konzentrieren, lenkt Künkel den Fokus auf die Rolle der Sichtbarkeit innerhalb dieses Kontextes. Durch ihre präzise Sprache und klare Ausdrucksweise schafft sie es, komplexe Sachverhalte verständlich zu erklären.
Bereits in dem einleitenden und mit 34 Seiten überschaubaren Kapitel skizziert sie alle von ihr beschriebenen wesentlichen Merkmale des Sexarbeitsdiskurses und des Regierens von Sexarbeit(-er*innen) mittels Sichtbarkeit. Die im Titel anklingende Verbindung von Sexarbeit und Drogen findet zwar immer wieder Erwähnung. Beim Lesen der Studie wird jedoch klar, dass Künkels inhaltlicher Fokus vielmehr auf der besonderen Positioniertheit von Migrant*innen im Sexgewerbe liegt. Künkel stellt heraus, dass die Quartiersebene den zentralen politischen und gesellschaftlichen Aushandlungsort von Sexarbeit und dessen Regieren im Alltag darstellt. Ihre empirischen Beobachtungen der Entwicklungen seit den 2000er-Jahren erweitert sie um einen historischen Rahmen und vermag so die einschneidenden Effekte seit dem Einsetzen neoliberaler Stadtpolitiken, aber auch die Kontinuitäten sichtbar zu machen.
Ihre Untersuchungen bereitet Künkel in Anknüpfung an Karl Marx und Michel Foucault auf, erweitert diesen theoretischen Rahmen aber um Ansätze der Assemblage. Dabei legt sie die theorieübergreifenden Gemeinsamkeiten und gegenseitigen Bereicherungen dar, statt strikte Abgrenzung und gegenseitige Kritik zu üben: Akteur*innen sind demnach in ihrem Handeln und Denken weder vollständig determiniert noch vollständig frei. Sowohl Materialitäten als auch Diskurse schaffen Realitäten und beeinflussen die Entwicklung von gesellschaftlichen Strukturen. Kollektive Praktiken von menschlichen und nicht menschlichen Akteuren hängen in komplexen Netzwerken miteinander zusammen. Künkel betont, dass marginalisierte Stimmen in den Blick genommen werden müssen, wobei deren Macht zur Unterwanderung hegemonialer Verhältnisse aber auch nicht überschätzt werden darf (Künkel 2020: 95).
Die Argumente und Erkenntnisse der Arbeit bauen insbesondere auf dem Material aus Künkels empirischer Forschung auf und sind auch ohne theoretische Rahmung gewinnbringend lesbar. Künkel nutzt eine Kombination qualitativer Methoden: Medienanalyse, teilnehmende Beobachtung, Expert*inneninterviews und Interviews mit Sexarbeiter*innen. Ihre Forschung baut dabei auf eigenen Vorstudien und Forschungsprojekten auf. Bedauerlicherweise beschreibt sie ihre Auswertungsmethoden nicht, was im Kontrast zu der sonst transparenten Erläuterung ihrer wissenschaftlichen Vorgehensweise steht.
Nichtsdestotrotz gelingt es der Autorin, ein tiefgreifendes Verständnis für die Erfahrungen, Perspektiven und Lebensrealitäten der Sexarbeiter*innen herauszustellen. So zeichnet Künkel ein nuanciertes Bild der komplexen sozialen, politischen und persönlichen Dynamiken im Zusammenhang mit Sexarbeit(-er*innen) in städtischen Gebieten. Das Regieren der Sichtbarkeit von Sexarbeit in der durchgentrifizierten Stadt entscheidet sich dabei entlang der Differenzierung von guter und schlechter Sexarbeit:
„In allen drei Städten treffen die Verdrängungsdebatten und Kontrollverschärfungen insbesondere den oft als störend und unansehnlich wahrgenommenen ‚Drogenstrich‘ sowie migrantische Sexarbeiter*innen. Sie tragen damit zur weiteren Marginalisierung von ohnehin bereits besonders marginalisierten Subjekten bei.
Insgesamt erweist sich die neoliberalisierte Stadtentwicklungspolitik demnach nicht per se als prüde, sondern unterscheidet eine ‚gute‘ [Anm. d. A.: weiße, cis-weibliche, junge bis mittelalte] und eine ‚schlechte‘ [Anm. d. A.: arme, migrantische und drogenkonsumierende] Prostitution entlang ökonomisierter Denkweisen über städtische Marginalität.“
(Ebd.: 21)
Die Nichteinbeziehung von Sexarbeiter*innen sowohl in die wissenschaftliche Forschung als auch in die gesellschaftspolitische Praxis und ihre damit einhergehende (diskursive und faktische) Entmachtung möchte Künkel durchbrechen. Gleichzeitig weist sie (empirische) Hürden im Zusammenhang mit Austauschmöglichkeiten und -interessen mit devianten Gruppen auf. (Das Regieren von) Sexarbeit charakterisiert sie als Austragungsort verschiedener soziopolitischer Konflikte, zum Beispiel um Geschlechter- und Klassenverhältnisse, legitime Arbeit, Migration und Armut.
Jenny Künkel richtet sich mit dieser Studie an potenzielle Leser*innen in der Wissenschaft, insbesondere in den Bereichen Stadtforschung, Soziologie, Geschlechterforschung und Politikwissenschaft. Aber auch Aktivist*innen und Entscheidungsträger*innen in Stadt- und Sozialpolitik sowie Organisationen, die sich mit den Rechten von Sexarbeiter*innen und marginalisierten Gruppen befassen, können von der Lektüre profitieren. Ebenso schreibt sie für Journalist*innen und eine interessierte Öffentlichkeit, die sich kritisch mit neoliberaler Stadtpolitik und gesellschaftlicher Marginalisierung auseinandersetzen möchten.
Sex, Drugs & Control ist das Ergebnis langjähriger akademischer und aktivistischer Auseinandersetzung der Autorin mit dem Thema Sexarbeit. Ihr Expertinnenwissen trägt erheblich dazu bei, die Vielfalt von Akteur*innen um das Regieren von Sexarbeit(-er*innen) und deren eigene Heterogenität sichtbar zu machen und einen (selbst-)kritischen Blick auf wissenschaftliche und gesellschaftliche Hürden in diesem Bereich zu werfen. Die Studie hält, was sie verspricht: Nicht nur das Verständnis der Leser*innen für die Regulierung des moralisch und politisch stark umkämpften Sexgewerbes wird erweitert, sondern die Studie eröffnet auch neue Perspektiven auf den öffentlichen, urbanen Raum und darin agierende Akteur*innen.