Wohnen ist weit mehr als nur ein individuelles Bedürfnis oder eine private Angelegenheit. Es ist eine zentrale Notwendigkeit, die eng mit ökonomischen, politischen und sozialen Prozessen verwoben ist. In den letzten Jahrzehnten haben sich die Bedingungen des Wohnens unter dem Einfluss von Finanzialisierung, Deregulierung und neoliberaler Stadtpolitik massiv verändert. Wohnraum ist zunehmend zur Ware geworden, während Mieter_innen und Bewohner_innen in vielen Städten mit steigenden Mieten, Verdrängung und prekären Wohnverhältnissen konfrontiert sind. Diese Entwicklungen haben zu einer intensiven wissenschaftlichen und aktivistischen Auseinandersetzung mit dem Thema Wohnen geführt, die sowohl die strukturellen Mechanismen als auch die alltäglichen Kämpfe um Wohnraum in den Blick nimmt.
Vor diesem Hintergrund setzt sich Moritz Rinns Arbeit am Wohnen mit den Bedingungen und Praktiken des Wohnens auseinander. Das Buch bietet einen differenzierten und engagierten Beitrag zur kritischen Stadt- und Wohnforschung, indem es die Schwierigkeiten der Aneignung von Wohnraum als städtische Ressource untersucht und diese in einer Perspektive from below verankert. Rinn verfolgt dabei einen interaktionistischen Ansatz, der sich durch eine klare Hinwendung zu den alltäglichen Praxen und Aushandlungen der Bewohner_innen auszeichnet. Im Gegensatz zu strukturalistischen oder rein institutionellen Ansätzen widmet er sich den interaktiven Dynamiken, in denen sich ungleiche Aneignungsbedingungen reproduzieren. In seinen eigenen Worten: „Es geht um Vergesellschaftungsprozesse, in denen jene spezifische und historisch wandelbare Konstellation aus kapitalistischen Eigentumsverhältnissen und deren juridisch-exekutiver Institutionalisierung […] produktiv wird.“ (Rinn 2024: 10) Damit knüpft Rinn an Ansätze einer kritisch-materialistischen Gesellschaftsforschung an und erweitert diese um eine methodologische Betonung der Situationen.
Diese Situationsperspektive hebt sich insbesondere dadurch hervor, dass sie nicht nur die Strukturen, sondern auch die Ängste, Sorgen und Abwehrhandlungen von Bewohner_innen sichtbar macht. Rinn beschreibt dies als eine notwendige Verschiebung und fragt: „Was aber, wenn wir Leute wie Frau Çiçek und Herrn Azeez […] als Protagonist*innen eben dieser Krise der Wohnraumversorgung betrachten […]?“ (Ebd.: 21) Diese Verschiebung ermöglicht es, die Prekarität des Wohnens nicht allein als Problem von oben zu analysieren, sondern die Strategien der Betroffenen in den Vordergrund zu rücken. Darüber hinaus kritisiert er auch die Tendenz, Bewohner_innen in vermeintlich passiver Rolle zu betrachten. Stattdessen hebt er hervor, dass sie aktiv um Ressourcen und Rechte kämpfen, auch wenn diese Konflikte nicht immer in den öffentlichen Fokus geraten. Diese von ihm vorgeschlagenen Perspektivverschiebungen bilden den analytischen Kern von Arbeit am Wohnen und ermöglichen eine differenzierte Betrachtung der alltäglichen Auseinandersetzungen um Wohnraum. Indem Rinn die Handlungsweisen von Mieter_innen nicht als bloße Reaktionen auf strukturelle Zwänge, sondern als aktive Aushandlungen begreift, stellt er herkömmliche Erzählungen über Wohnraumkonflikte infrage.
Wie diese Kämpfe methodisch erfasst und theoretisch eingeordnet werden, wird im Folgenden näher beleuchtet. Dabei wird gegen Ende auch auf kleinere Schwächen des Buches eingegangen, insbesondere auf Aspekte, die in der Analyse noch weiter vertieft werden könnten. Diese Leerstellen bieten zugleich Anknüpfungspunkte für weiterführende Forschung, die Rinns Ansatz aufgreifen und weiterentwickeln könnte.
Arbeit am Wohnen basiert auf einem Forschungsprojekt, das in den Stadtteilen Altendorf (Essen) und Altona-Altstadt (Hamburg) durchgeführt wurde. Die Wahl dieser Untersuchungsgebiete spiegelt die unterschiedlichen Dynamiken von „stagnierenden Ankunftsquartieren“ (Rinn 2024: 22) und Gentrifizierungsgebieten wider. Dabei ermöglicht der ethnographische Zugang, insbesondere in Form narrativ-episodischer Interviews, tiefe Einblicke in die konkreten Aushandlungsprozesse um Wohnraum und deren Ökonomien. Besonders wichtig erscheint die Betonung von „moralischen Ökonomien“ (Rinn 2024: 52), die den normativen Rahmen der Konflikte beschreiben, in denen Mieter_innen Ansprüche formulieren und Rechte einfordern. Diese Mikrointeraktionen zwischen Mietenden und Vermietenden sind durch unsichtbare Machtverhältnisse geprägt – nach Rinn entscheidend für die Produktion städtischer Ungleichheit. Durch die ethnographische Detailtiefe bietet das Buch eine Vielzahl sehr interessanter Einblicke in die Strategien, mit denen Mieter_innen auf Herausforderungen reagieren. Von pragmatischen Ansätzen wie Selbsthilfe bei Renovierungsarbeiten bis hin zu konfrontativen Auseinandersetzungen mit Vermieter_innen deckt Rinn ein breites Spektrum ab. Dabei wird deutlich, dass auch scheinbar banale Entscheidungen Teil eines größeren Machtfeldes sind, in dem Ressourcen, Rechte und Normen ausgehandelt werden.
Neben der klassischen ethnographischen Feldforschung setzt Rinn auf eine prozessorientierte Perspektive, die langfristige Entwicklungen und Veränderungen in den untersuchten Quartieren berücksichtigt. Durch wiederholte Gespräche und Beobachtungen gelingt es, nicht nur einmalige Momentaufnahmen, sondern auch die Dynamiken von Verdrängung, Widerstand und Wohnungsaneignung sichtbar zu machen. Dieser Ansatz erlaubt es, über individuelle Schicksale hinaus strukturelle Mechanismen zu analysieren, die sich in den Handlungen von Mieter_innen, Eigentümer_innen und Stadtverwaltungen manifestieren. Damit trägt die Studie zur Weiterentwicklung ethnographischer Methoden in der kritischen Stadtforschung bei und eröffnet neue Ansätze für zukünftige Forschungen zur urbanen Prekarität.
Rinns Interpretation der empirischen Daten ist insgesamt sehr detailreich und differenziert. Die oben beispielhaft genannten Geschichten von Frau Çiçek und Herrn Azeez verdeutlichen die Vielschichtigkeit der „Arbeit am Wohnen“ – von der Wohnungssuche über den Umgang mit Mieterhöhungen bis hin zur Bewohnbarkeitsarbeit. So wird durch das Buch und seine Auseinandersetzung mit der Thematik des Wohnens nicht zuletzt auch auf einer Metaebene deutlich, dass diese Prozesse oft von Ungleichheiten und Diskriminierungen durchzogen sind. So beschreibt etwa Frau Çiçek, wie rassistische Vorurteile der Vermieterin ihre Chancen auf eine Wohnung verminderten (Rinn 2024: 16). Diese (und viele weitere) Beispiele illustrieren die vielschichtigen Mechanismen, durch die soziale Ungleichheiten auf dem Wohnungsmarkt reproduziert werden. Sie zeigen, wie Diskriminierung nach Herkunft, Einkommen oder Aufenthaltsstatus mit rechtlichen und wirtschaftlichen Strukturen verwoben ist, die den Zugang zu Wohnraum regulieren. Zudem verdeutlichen sie, dass nicht nur Marktlogiken, sondern auch institutionelle Praktiken, informelle Netzwerke und moralische Bewertungen darüber entscheiden, wer wo wohnen darf. Eine weitere wichtige Errungenschaft des Buches liegt in der detaillierten Analyse der subtilen Formen von Verdrängung, die oft jenseits direkter Zwangsräumungen ablaufen – etwa durch steigende Nebenkosten, befristete Mietverträge oder bürokratische Hürden. Schließlich hebt Rinn mit seinem Buch und durch die vielen Beispiele sehr gelungen hervor, dass Wohnraumkämpfe nicht nur auf Protestbewegungen beschränkt, sondern auch im Alltäglichen verankert sind: in Verhandlungen mit Vermieter_innen, im kreativen Umgang mit Wohnraumknappheit oder im kollektiven Widerstand gegen prekäre Wohnverhältnisse.
Arbeit am Wohnen steht in einer Tradition der kritischen Stadtforschung, die sich mit den Widersprüchen kapitalistischer Urbanisierung auseinandersetzt. Es knüpft an die Arbeiten zur politischen Ökonomie des Wohnens und Gentrifizierung in deutschen Groß- und Mittelstädten an (siehe etwa Glatter/Mießner 2021; Heeg 2013; Holm 2023; Schipper 2024). Gleichzeitig positioniert sich das Buch als Beitrag zur Forschung from below, indem es Perspektiven sichtbar macht, die in rein politökonomischen Ansätzen oft unsichtbar bleiben.
Während viele stadtsoziologische Arbeiten sich auf ökonomische oder politische Strukturen konzentrieren, zeigt Rinn, wie normative Vorstellungen über „gerechtes Wohnen“, „angemessenes Verhalten“ und „verdiente Zugehörigkeit“ die Interaktionen zwischen Mieter_innen, Vermieter_innen und Institutionen prägen. Diese Perspektive ist besonders wertvoll, da sie verdeutlicht, wie moralische Zuschreibungen und soziale Erwartungen konkrete wohnpolitische Entscheidungen beeinflussen. In der Verknüpfung von politischer Ökonomie und der Bewohner_innenperspektive liegt daher auch die Originalität dieses Buches. Damit schließt er an neuere Forschungen an, die sich mit den ungleichen sozialen Reproduktionsbedingungen im urbanen Raum befassen (siehe hierzu Latocha 2024; Vogelpohl 2022).
Zusammengenommen hebt Rinns Ansatz hervor, dass Wohnverhältnisse nicht allein durch Marktmechanismen oder rechtliche Rahmenbedingungen bestimmt werden, sondern ebenso durch Vorstellungen von Verantwortung, Legitimität und Solidarität, die in alltäglichen Aushandlungsprozessen zum Tragen kommen. Damit erweitert das Buch den theoretischen Horizont der kritischen Wohnforschung und liefert empirische Belege für die zentrale Bedeutung moralischer Diskurse in städtischen Konflikten.
Mit Arbeit am Wohnen legt Moritz Rinn eine dichte und differenzierte Studie über Wohnraumkämpfe vor, die sich in prekären städtischen Kontexten abspielen. Besonders hervorzuheben ist die konsequente Einbettung der empirischen Analysen in den theoretischen Rahmen der moralischen Ökonomien, womit Rinn neue Perspektiven auf die komplexen Aushandlungen um Wohnraum im Kontext der politischen Ökonomie eröffnet. Die alltäglichen Praktiken der Bewohner_innen werden nicht nur als Überlebensstrategien beschrieben, sondern vielmehr als aktive Auseinandersetzungen mit den politischen und wirtschaftlichen Strukturen, die Wohnraum zunehmend als Ware verhandeln.
Rinn erhebt nicht den Anspruch, eine umfassende institutionelle Analyse der Wohnungspolitik oder eine systematische Verknüpfung von ethnographischen Befunden mit staatlichen Regulierungen vorzulegen. Vielmehr liegt der Fokus bewusst auf den Akteur_innen und ihren Strategien, um der gängigen Tendenz entgegenzuwirken, Mieter_innen als passive Objekte städtischer Umstrukturierung zu betrachten.
Dennoch bleibt an einigen Stellen offen, wie die von Rinn untersuchten mikrosozialen Prozesse mit den übergeordneten politischen Rahmenbedingungen zusammenwirken. Welche Rolle spielen beispielsweise Stadtverwaltungen, Wohnungsbaugesellschaften oder rechtliche Regulierungen dabei, diese moralischen Ökonomien zu reproduzieren? Zwar liefert das Buch überzeugende empirische Einblicke in die Erfahrungen der Bewohner_innen, doch fehlen an einigen Stellen die strukturellen Verflechtungen zwischen Mikro- und Makroebene, die diese Erfahrungen überhaupt erst ermöglichen oder begrenzen.
Darüber hinaus wirft das Buch wichtige Fragen zur politischen Dimension der beschriebenen Wohnraumkämpfe auf, die nicht abschließend beantwortet werden. Inwiefern führen diese alltäglichen Auseinandersetzungen zu langfristigen kollektiven Organisationsformen oder politischen Forderungen? Welche Potenziale und Grenzen lassen sich aus der Perspektive from below für eine radikale Transformation der Wohnraumverhältnisse ableiten? Die fehlende stärkere Verknüpfung mit aktuellen wohnungspolitischen Kämpfen und Mieter_innenbewegungen ist eine verpasste Gelegenheit, das Buch noch tiefer in die gegenwärtigen politischen Debatten um das Recht auf Stadt einzubetten.
Trotz dieser Kritikpunkte leistet Arbeit am Wohnen einen essenziellen Beitrag zur kritischen Stadtforschung, indem es den Blick konsequent auf die Perspektiven derjenigen richtet, die im urbanen Raum marginalisiert werden. Die Verknüpfung von ethnographischen Methoden mit einer politisch informierten Analyse der Wohnverhältnisse zeigt eindrücklich, wie eng Fragen des Wohnens und der sozialen Reproduktion miteinander verzahnt sind. Es verdeutlicht darüber hinaus ebenfalls eindrücklich, wie die alltäglichen Praktiken und Konflikte der Bewohner_innen untrennbar mit größeren gesellschaftlichen Machtverhältnissen verbunden sind.
Wer sich mit der sozialen Produktion des Wohnens, mit Fragen von Ausschluss, Aneignung und Widerstand beschäftigt, wird in diesem Buch wertvolle Anregungen finden – sowohl für weiterführende Forschungsfragen als auch für die politische Praxis. Die Offenheit für intersektionale Analysen und die Betonung der moralischen Ökonomien des Wohnens bieten nützliche Ausgangspunkte für weitergehende Forschung und politische Reflexionen. Zusammengenommen ist Arbeit am Wohnen sowohl methodisch als auch theoretisch bereichernd – eine Lektüre, die für Forschende, Aktivist_innen und politische Entscheidungsträger_innen gleichermaßen von Bedeutung sein dürfte.