In den Planungswissenschaften sind Spaziergänge eine etablierte Methode, um die gebaute Umwelt kennenzulernen. Durch bewusste Beobachtungen, beispielsweise mittels Ortsbegehungen, werden Erkenntnisse über den physischen Raum gewonnen (Tabačková 2021: 275). Die Erweiterung dieser Begehungen um Werkzeuge anderer Disziplinen ermöglicht es, neben der materiellen Umwelt auch Geräusche, Gerüche und Interaktionen in den Fokus zu rücken und gleichermaßen zu untersuchen. Von dieser Idee ausgehend, widmeten sich im Winter- und Sommersemester 2023/2024 Studierende[1] verschiedener Fachrichtungen – (Landschafts-)Architektur, Soziologie, Soziokulturelle Studien, Urban Design, Historische Urbanistik – dem Stadtspaziergang als Methode und hinterfragten, inwieweit sich dieser zur Untersuchung von Wohnqualität eignet.
Wo und wie wir wohnen, hat nicht nur einen bedeutenden Einfluss auf unseren Alltag und unser Wohlbefinden, sondern auch auf unsere Sozialisations- und Bildungschancen sowie auf unsere Gesundheit (Hannemann 2014: 37). Die Forderungen nach angemessenem Wohnraum evozieren ein Nachdenken über die Bewertung des Wohnens, und so kommt der Erforschung der Wohnqualität in Planungspraxis, Politik und (Stadt-)Forschung eine besondere Relevanz zu. Doch der Begriff Wohnqualität ist vielschichtig, interpretationsoffen und somit schwer zu greifen (Weeber/Bosch 2004: 2). Leon Claus und Tim Sommer (2021: 103) verweisen in ihren Erläuterungen des Wohnungsmarkts beispielsweise darauf, dass „die Lage, die Größe, der bauliche Zustand, der Preis und die infrastrukturelle Anbindung eine entscheidende Rolle für die Qualität einer Wohnung“ spielen. Dagegen befassen sich gesundheitswissenschaftliche Disziplinen mit der Frage, welche Auswirkungen eben diese Indikatoren von Wohnqualität auf die physische oder psychische Gesundheit haben (Riva et al. 2022: 2; Evans/Saltzman/Cooperman 2001: 394; Shaw 2004: 398).
In den Planungsdisziplinen liefern beispielsweise Maren Harnack, Natalie Heger und Ruth Schlögl (2022: 27) zur Erfassung der Wohnqualität harte wie weiche Faktoren auf der Maßstabsebene der Wohnung, des Hauses und des Quartiers, wie etwa die Energieeffizienz von Gebäuden oder das nachbarschaftliche Zusammenleben. Neben den Bewertungskriterien wird vonseiten der Architekturpsychologie auf die Bedeutsamkeit der Interaktion des Menschen mit seinem Wohnumfeld hingewiesen (Deinsberger-Deinsweger 2015).
Um der Komplexität des Konzepts gerecht zu werden und dieses für spezifische Forschungsfragen zu operationalisieren, eignen sich vor allem explorative Methoden wie der Stadtspaziergang. Interdisziplinäre Herangehensweisen ermöglichen es zudem, möglichst viele Schichten der Wohnqualität in den Diskurs zu integrieren.
Im ersten Teil des Seminars zeichnete sich schnell ab, dass das Sprechen über Wohnqualität auch Fragen nach Hierarchien evoziert. Wer bewertet die Qualitäten von Wohnräumen – sowohl auf der Maßstabsebene der Wohnung, des Hauses sowie auf der des Wohnumfelds? Wem wird objektiv gute Wohnqualität zuteil und wem bleibt es verwehrt? Inwieweit wird die Wohnqualität instrumentalisiert, um den Wert einer Immobilie zu plausibilisieren? Und nicht zuletzt: Mittels welcher inhaltlichen und methodischen Zugänge kann Wohnqualität Gegenstand einer sozial gerechten Stadtforschung und -entwicklung werden?
Durch diese Fragen erkannten wir, dass eine kritische Stadtforschung zur Wohnqualität die Perspektive der Bewohnenden einbeziehen muss. Deren Wohnwissen und damit einhergehend die Einbeziehung alltäglicher Perspektiven ist in einer Stadtentwicklung, die gesellschaftliche Bedarfe berücksichtigt, besonders wichtig (Behne/Kniess/Richter 2023: 181). Gerade angesichts einer Planungsprofession, die laut Lisa Vollmer (2024: 173) „überproportional weiß, männlich und aus der Mittelschicht“ ist, kann das Erfassen multiperspektivischen Wohnwissens dazu beitragen, die Repräsentation gesellschaftlicher Diversität innerhalb der Planung sowie der Planungswissenschaft sicherzustellen.
Vor diesem Hintergrund und mit spezifischem Blick auf das Wohnumfeld räumen wir dem Stadtspaziergang als Methode eine besondere Rolle ein: Wir denken Reto Bürgins (2020: 232) Überlegungen zur Burckhardt’schen „Spaziergangswissenschaft als mögliche Methode für die Wissensgenerierung“ weiter und sehen das Potenzial, dass mittels Stadtspaziergängen auch Menschen ohne beruflichen Zugang zur Stadt ein Werkzeug zur Reflexion der eigenen Umgebung gegeben wird. Mit Blick auf das Material, das in dem zweisemestrigen Forschungsseminar entstanden ist, widmen wir uns in diesem Beitrag deshalb der Frage: Welches methodische Potenzial steckt in Stadtspaziergängen für eine ko-kreative Forschung?
Der Beitrag adressiert die Planungswissenschaft und -praxis ebenso wie die sozial- und kulturwissenschaftliche Stadtforschung und lädt disziplinübergreifend zur kritischen Reflexion von Methoden ein. Dafür bildet ein Einblick in Stadtspaziergänge als Methode den Auftakt dieses Beitrags (Kapitel 2). Im Anschluss werden Forschungsprozess und -ergebnisse der Studierenden dargestellt (Kapitel 3), wobei der „multisensorische Wegweiser“ für ko-kreative Stadtspaziergänge als Teilprodukt des Seminars vertieft wird, um anschließend die Forschungsfrage dieses Beitrags in einem Fazit zu beantworten (Kapitel 4).
Der Stadtspaziergang ist eine vor allem im angelsächsischen Diskurs breit diskutierte Methode, die in verschiedenen Varianten Anwendung in der raumbezogenen Forschung findet (O’Neill/Roberts 2020; Bates/Rhys-Taylor 2017). Auch im deutschsprachigen Kontext reflektieren immer mehr Forschende ihre Erfahrungen mit dem Spazierengehen (Schoch/Bossert 2017; Kagan 2019; Bürgin 2020). Dabei erhielt schon im 19. Jahrhundert der moderne flâneur[2] als neuer Großstadttypus Einzug in die Literatur.
Mit der Gründung der sogenannten Spaziergangswissenschaft beziehungsweise Promenadologie in den 1980er-Jahren rückte der Schweizer Soziologe Lucius Burckhardt das Spazieren als wissenschaftliche Methode in den Vordergrund (Burckhardt 2015: 7 ff.). Ziel seiner Spaziergänge waren die Reflexion subjektiver Wahrnehmungskonstruktion und das Hinterfragen der eigenen Position im Raum (ebd.). Ein und dieselbe Route kann je nach Spaziergänger_in unterschiedliche Wahrnehmungen hervorrufen. Viele Frauen schreiben beispielsweise der Straßenbeleuchtung sowie der Einsichtigkeit von Räumen einen höheren Stellenwert zu als Männer (Kern 2021). Erfahrungen von Personen mit Behinderung können räumliche Barrieren in der Stadt aufdecken (Bates 2017). Durch Selbstreflexion soll beim Spaziergang neues Wissen über die Umgebung der Gehenden generiert sowie Widersprüche der Stadt sichtbar gemacht werden, um Kritik an der Reduktion komplexer Wirklichkeiten durch konventionelle Stadtplanung zu üben (Schoch/Bossert 2017: 324).
Burckhardt definierte dabei keine einheitliche Methode für das wissenschaftliche Spazieren (Bürgin 2020: 238), sodass dieses je nach Erkenntnisinteresse jeweils neue Formen annehmen kann: Während es möglich ist, im Sinne der Dérive-Technik umherzuschweifen (Debord 1958: 62), können auch spezifische Routen vorgegeben werden. Dies trifft beispielsweise auf einen „Transect Walk“ zu, bei dem die Teilnehmenden einer (fast) geraden Linie zwischen einem im Vorhinein festgelegten Start- und Endpunkt folgen, auch wenn dies bedeutet, über Hindernisse hinwegzusteigen (Kagan 2019: 245). Bei den „Go-Alongs“ dagegen entsteht während des Spazierens zwischen der forschenden und der befragten Person ein Interview: Durch Zuhören, Beobachten und Fragen kann die interviewende Person die Erfahrungen, Emotionen und Interaktionen der befragten Person in und mit ihrer natürlichen Umgebung recherchieren (Kühl 2016; Kusenbach 2008). Häufig übersehene Alltagspraktiken und Konflikte, die in den städtischen Raum eingeschrieben sind, lassen sich so aufdecken (Holgersson 2014). Weitere Beispiele für eine methodische Ergänzung des Spaziergangs sind Kartographie-Spaziergänge oder Spaziergänge mit Video-, Audio- oder Fotodokumentation (z. B. Knoblauch/Tuma 2021; Sommer/Töppel 2021; Fülling/Hering/Kulke 2021).
Entscheidend für den vorliegenden Aufsatz ist die Feststellung, dass durch Stadtspaziergänge diverse Perspektiven auf den Stadtraum vereint werden können. Auf diese Weise lassen sich subjektive Wahrnehmungen gesellschaftlichen Normen gegenüberstellen. Darin erkennen wir ein großes Potenzial, um Hierarchien in der Wissensgenerierung zu durchbrechen und unterrepräsentierte Gruppen sichtbar zu machen.
Zur Erforschung von Wohnqualitäten erkundeten die Studierenden exemplarisch die in den 1980er-Jahren gebaute Berliner Großwohnsiedlung Neu-Hohenschönhausen im Nordosten Berlins. Nach einem ersten explorativen Stadtspaziergang durch die Siedlung fanden sich im ersten Teil des Forschungsseminars (Wintersemester 2023/2024) thematische Arbeitsgruppen zusammen. Aus ihren Beobachtungen leiteten sie jeweils einzelne, mit der Wohnqualität verwandte Themenschwerpunkte ab: Ihre Blicke galten der sozialen Infrastruktur für Senior_innen sowie für Kinder und Jugendliche, der Entwicklung des Verkehrsnetzes, der Diversität an Sitzmöbeln im öffentlichen Raum, der Relevanz des Autos sowie den geographischen Grenzen des Ortsteils.
In weiteren fokussierten Stadtspaziergängen setzten sich die Gruppen mit ihrem entsprechenden Thema auseinander. Auf diese Weise kam dem Stadtspaziergang eine Doppelfunktion zu: Zum einen ermöglichte er den ersten Zugang zum Untersuchungsgebiet und warf relevante Forschungsfragen auf, wie etwa danach, wie sich die starke Flächeninanspruchnahme von Autos und Parkflächen im Ortsteil auf die Wohnqualität auswirkt, oder inwieweit die verschiedenen Sitzgelegenheiten auf den Frei- und Grünflächen die Aufenthaltsqualität steigern. Zum anderen wurde der Stadtspaziergang in seiner Wiederholung als methodisches Mittel zur Erforschung ebendieser formulierten Fragen genutzt. Die Ergebnisse der Gruppen sind unter dem Titel „Walk-Along the City – Ein Spaziergang durch Neu-Hohenschönhausen“[3] als Audioguide vertont und der Öffentlichkeit digital zugänglich.
Zunächst stützte sich die Forschungsarbeit ausschließlich auf die Wahrnehmung und Einschätzung der Forschenden. Im Kontext einer Debatte um die Deutungshoheit bei der Bewertung von Wohnqualität wurde dies jedoch als Manko erfahren. Daraus ergab sich die Notwendigkeit der Einbeziehung anderer Perspektiven, zum Beispiel die der Anwohnenden. Zu diesem Zweck bedienten sich die Forschungsgruppen zusätzlicher qualitativer und visueller Methoden (siehe z. B. Heinrich et al. 2021). Mehrere Gruppen konzipierten kurze Interviews, um einen Einblick in die Wohnrealitäten der Bewohnenden zu bekommen. Der Stadtspaziergang diente in diesen Fällen auch der Kontaktaufnahme.
Zur Erweiterung der Perspektiven auf das Wohnen in Neu-Hohenschönhausen führten die Studierenden Gespräche mit Anwohnenden und mit Akteur_innen der Sozialen Arbeit, die mit Bewohnenden in der Siedlung zusammenarbeiten und deshalb über ergänzendes Wissen zum Ortsteil verfügen.
Größtenteils fanden diese Gespräche im Außenraum mitten in der Großwohnsiedlung statt. Dies ermöglichte es den Interviewpartner_innen, sich auf bestimmte Merkmale der gebauten Umwelt zu beziehen, woraus detaillierte Beschreibungen resultierten – wie etwa bei den Gesprächen über die Sitzmöbel im Ortsteil (siehe dazu Station „7. Stadtmöbel – Was ist eine gute Bank?“ des Audioguides). Diese Gruppe stellte eine große Varianz an Sitzgelegenheiten im Ortsteil fest und fragte Passant_innen, welche Merkmale eine gute Bank auszeichneten. Während eine Person Wert auf Armlehnen und eine bequeme Sitzfläche legte, regte eine andere Person an, der Standort von Bänken solle ruhig, aber trotzdem „nah am Leben“ sein. Mehrere Gesprächspartner_innen thematisierten das Material; vor allem Holz müsse regelmäßig gepflegt werden.
Dabei wurden auch Unterschiede in der Wahrnehmung und Nutzung von Orten sichtbar. Während einer studentischen Forschungsgruppe die vielen Parkanlagen bei ihrem ersten Stadtspaziergang in Neu-Hohenschönhausen auffielen, gaben die meisten Anwohnenden im Interview an, ihre Freizeit im Grünen außerhalb der Nachbarschaft zu verbringen – beispielsweise an Seen und Wanderwegen in anderen Berliner Stadtbezirken oder in Brandenburg (siehe dazu Station „3. Verweilen oder auf dem Sprung?“ des Audioguides).
Vor allem bei der Bewertung von Objekten spielte – neben den Anwohnendenperspektiven mittels persönlich-mündlicher Befragungen (Stocké 2022) – die visuelle Erfassung des Physisch-Materiellen eine essenzielle Rolle. Kartierungen und fotografische Dokumentationen halfen entsprechend, relevante Merkmale im geographischen Referenzrahmen festzuhalten. Der Stadtspaziergang als Methode rückte damit zwar in den Hintergrund, ohne ihn hätte der Ort allerdings weder erfahren noch visuell festgehalten werden können.
Zentral war der Stadtspaziergang hingegen beim Erforschen des (städte-)baulichen Bruchs zwischen der Großwohnsiedlung Neu-Hohenschönhausen und den unmittelbar angrenzenden naturnahen Gebieten. Interessiert an dem Einfluss der randständigen Grünräume auf die wahrgenommene Wohnqualität, nutzte eine Forschungsgruppe das Potenzial der Stadtspaziergänge, um den zentralen Blick auf ihre eigene Wahrnehmung, ihre persönlichen Emotionen und Erfahrungen in den Mittelpunkt ihrer Forschung zu stellen. Zentraler Bestandteil dieser Stadtspaziergänge war es, die Umgebung multisensorisch zu erfahren. Die Forschenden reflektierten neben dem Sichtbaren auch Geräusche, Gerüche, Tastbares und das eigene Empfinden. Damit folgten sie der Agenda der (Neuen) Kulturgeographie, welche sich von einem bürgerlichen, eurozentrischen Kulturverständnis abwendet und stattdessen das Alltagsleben und individuelles Erfahren in den Blick nimmt (Wintzer/Wastl-Walter 2016: 283). Diese Fokussierung bedarf experimenteller multisensorischer Methoden, die den herkömmlichen visuellen Fokus um andere Erfahrungs- und Wissensebenen erweitern (Schurr/Strüver 2016: 87 f.; Thrift 2003: 12 ff.).
Die Diskrepanz zwischen dichter Stadt und weiter Landschaft war deutlich mit allen Sinnen begreifbar: Die lauten Geräusche des Verkehrs und der sich unterhaltenden Menschen wurde durch Vogelgezwitscher und Stille ersetzt, Abgasgerüche verschwanden, der Untergrund wurde weicher. Ihre Erfahrungen dokumentierte die Forschungsgruppe in Form eines auditiven Feldtagebuchs.
Die durchgeführten Stadtspaziergänge zeigten damit zum einen, dass die zentrale Rolle individueller Wahrnehmungen eine stete Reflexion der Positionalität erfordert. Zugleich verdeutlichten sie die Vorteile dieser Art des Forschens: Durch den Einbezug verschiedener Empfindungen, Sinneswahrnehmungen oder Eindrücke von Studierenden und Anwohnenden eignen sich die Spaziergänge besonders, um Umgebungen multiperspektivisch zu ergründen. Dass diese Vielschichtigkeit ein Charakteristikum sozial gerechter Stadtforschung und -planung sein sollte, war eine der zentralen Erkenntnisse im Semester.
Die Notwendigkeit, die Perspektiven von Anwohnenden stets einzubeziehen, wurde somit als Ziel für den zweiten Teil des Forschungsseminars (Sommersemester 2024) formuliert. Anwohnende wurden zu einem multisensorischen Stadtspaziergang und zum Erforschen ihrer eigenen Wohnumgebung eingeladen. Dafür wurde ein sogenannter „multisensorischer Wegweiser“ konzipiert – eine Anleitung zum ko-kreativen Stadtspazieren (siehe Abb. 1).
Der Wegweiser, ein dünnes DIN A4-Heftchen, kann selbstständig oder in einer Gruppe genutzt werden und führt die Spaziergehenden intuitiv durch die Stadt. Es wird keine feste Route vorgegeben, sondern die Spazierenden lassen sich von den eigenen Sinnen durch die Stadt leiten. Ausgehend von einem selbst gewählten Startpunkt, werden Teilnehmende Seite für Seite aufgefordert, einen charakterisierten Ort anzuvisieren, zum Beispiel eine ruhige Straße, eine belebte Ecke oder eine grüne Oase (siehe Abb. 2).
Die Entscheidung, welche Orte als ruhig, belebt oder grün verstanden werden, obliegt jeweils den Personen selbst. Jede Seite hält außerdem Raum für Skizzen, Notizen oder Fotos bereit und regt mit Fragen zu einer multisensorischen Erfahrung des städtischen Raums an. Beispiele sind: „Schließe für einen Moment die Augen und höre genau hin. Welche Geräusche nimmst du wahr?“ oder „Lasse dich einen Moment nieder. Worauf sitzt du? Wie fühlt es sich an?“ In der kritischen Stadtforschung finden sich bereits ähnliche Unternehmungen, den Stadtspaziergang mithilfe von Anregungen als strukturierte Forschungsmethode weiterzuentwickeln. Im Rahmen der Kiezspaziergänge von Kritische Geographie Berlin e. V. beispielsweise wurden Teilnehmende per Heft dazu aufgefordert, etwas Neues auszuprobieren und die Grenzen der gebauten Umgebung auszutesten (Grube/Thiele 2020: 222). In einer Anleitung der Berliner „Urban citizen walks“ von Katharina Rohde und Kathrin Wildner (2020: 246 f.) wurden die Spaziergehenden nach ihrem Vorwissen zum Raum und zu ihren (multisensorischen) Beobachtungen befragt. Wir ergänzen und fokussieren ganz bewusst multisensorische Erfahrungen beim Stadtspaziergang, da wir diesen als verkörperte Raumerfahrung verstehen.
Ziel des Wegweisers war es somit, Bewohnende wie auch andere zivilgesellschaftliche Akteur_innen einzuladen, ihre wahrgenommene Umgebung und Wohnqualität neu zu entdecken, zu erforschen und zu hinterfragen. Ob dies gelingen kann, testeten wir zum Ende des Seminars vor Ort in Neu-Hohenschönhausen. Wir verbrachten einen Tag vor Ort, um Wegweiser herauszugeben und mit Interessierten ins Gespräch zu kommen. Dafür nutzten wir den Garten des örtlichen Nachbarschaftshauses und bauten dort ein kleines Buffet, Arbeitsplätze sowie eine Fotoprint-Station auf. Angekündigt wurde die Veranstaltung durch Plakate vor Ort (siehe Abb. 3), die die Studierenden eine Woche im Voraus aufhingen und digital über E-Mail-Verteiler verschiedener Nachbarschaftsvereine verschickten.
Einige Senior_innen aus dem Ortsteil wurden durch die Plakate auf die Veranstaltung aufmerksam, außerdem holten sich Kommiliton_innen der Studierenden einen Wegweiser ab. Ferner sprachen wir Passant_innen an und konnten das Interesse von Lehrer_innen wecken, die Exemplare für ihre Schüler_innen mitnahmen. Beim Austeilen der Wegweiser ermutigten wir Teilnehmende, nach ihrem Spaziergang zu uns zurückzukehren und uns von ihren Erfahrungen zu berichten sowie ihre Aufnahmen und Zeichnungen zu zeigen (siehe Abb. 4 und 5). Dabei erkannten wir nicht nur, dass die Teilnehmenden als Expert_innen ihrer Alltagswelt Ko-Forschende sind, sondern auch das Potenzial von Stadtspaziergängen als Methode für kollaborative Forschungsansätze.
Die Forschung der Studierenden zeigt: Stadtspaziergänge schaffen einen einfachen Zugang zum Forschungsfeld. Das dabei generierte räumliche Wissen beruht zu großen Teilen auf der subjektiven Wahrnehmung der einzelnen Spaziergänger_innen. Durch die Reflexion der eigenen Subjektivität und Positionalität sowie im Austausch mit anderen Ko-Forschenden kann jedoch ein vielschichtiges Raumerlebnis gezeichnet werden, das gemeinsam durch die Spaziergänger_innen geprägt wird. Stadtspaziergänge liefern damit ein bedeutendes Potenzial in der ko-kreativen Forschung. Sie sind ein niedrigschwelliges Werkzeug, um Anwohnende zu involvieren und so deren Blickwinkel auf den städtischen Raum kennenzulernen.
Die Einbettung multisensorischen Forschens in die Stadtspaziergänge unterstützt ferner dabei, die Eindrücke zu erweitern und sich den Untersuchungsgegenständen umfassender zu nähern. Indem alle Sinne angesprochen werden, wird die Priorisierung des Visuellen überwunden und altbekannte Räume werden neu entdeckt. Multisensorik eröffnet so neue Ebenen des (räumlichen) Wissens und eignet sich als wertvolle Ergänzung zum Stadtspaziergang.
Der multisensorische Wegweiser liefert eine Anleitung für diese Art des Forschens und kann durch die einfache Handhabe auch selbstständig genutzt werden. So aktiviert der Wegweiser Spaziergänger_innen zum eigenständigen Entdecken und regt spezifisch zum Nachdenken und Sprechen über die Potenziale und Defizite ihrer Wohnqualität an.
Im Sinne der Wissenschaftskommunikation informiert der im Forschungsseminar entstandene Audioguide Anwohnende wie auch die interessierte Öffentlichkeit über die Forschungsergebnisse der studentischen Arbeitsgruppen. Station „4. Auto oder kein Auto?“ zeigt beispielsweise, dass die vielen Parkplätze in Neu-Hohenschönhausen von der Mehrzahl der befragten Anwohnenden als wohnqualitätssteigernd wahrgenommen werden, da sie häufig Autos nutzen. Die Stationen „6. Stadtmöbel – Schachpartie“ und „8. Stadtmöbel – Sitzbänke in NHSH“ dagegen stellen heraus, dass Bänke im Außenraum häufig als Begegnungsorte für ältere Menschen wahrgenommen werden, weshalb eine hohe Aufenthaltsqualität für alle im Wohnumfeld einer zentralen Aufmerksamkeit innerhalb der Planung bedarf.
Nicht zuletzt bietet der multisensorische Wegweiser bei der gemeinschaftlichen Nutzung, beispielsweise im Rahmen einer Veranstaltung wie oben dargestellt, Anwohnenden und Spaziergänger_innen die Gelegenheit, eigene Wahrnehmungen für die Forschung zugänglich zu machen. Dies ermöglicht die Beteiligung der Zivilgesellschaft in Forschungs- und Planungsprozessen und liefert ein gutes Beispiel für niedrigschwellige methodische Zugänge.