Die Zukunft des Städtischen zu prognostizieren, ist ein schwieriges Geschäft – vor allem, wenn man der Versuchung unterliegt, die heißen Trends der Gegenwart zu extrapolieren. Klaus Ronneberger indessen hatte die un-heimliche Fähigkeit, eben das erfolgreich zu tun. In einer schlagkräftigen Kombination aus einer profunden theoretischen Bildung und einem scharfen anthropologischen Blick war er in der Lage, weit besser als seine Zeitgenoss*innen Form und Prozess des Städtischen gesamtheitlich und doch nuanciert zu beschreiben, zu analysieren und eben in die Zukunft zu projizieren. Das kannten wir als langjährige Weggefährt*innen von Klaus aus unseren vielgestaltigen Kooperationen, nicht zuletzt an unserem gemeinsam herausgegebenen Band Capitales Fatales (Hitz et al. 1995) sowie durch unsere Reise nach Rom 1992 (s. Abb. 1). Dies hat er auch im hier vorgelegten Text demonstriert, ein „klassischer“ Ronneberger: tief verankert in zeitgenössischer und zeitgeistiger Theorie; akute Beobachtung und politischer Kommentar in einem.
Der vorgelegte Essay ist ein beeindruckender Rundumschlag. Es ist ehrgeizig, so viel in einen kurzen Text zu packen. Er rangiert vom sozial-philosophischen Diskurs (Klaus mobilisiert Augé, Bauman, Eco, Sennett und andere) bis zur Alltags- und Tagespolitik. Eine solche Spannbreite – typisch für Klaus – ist natürlich auch mit gewissen Risiken verbunden. Als stadttheoretisch und -praktisch gebildete Leser*innen (mit Wohnort in Kanada) schätzen wir die sozial-philosophische Geste, die auch Kennzeichen des in der deutschen Publizistik beliebten Genres Feuilleton ist (ein Tummelplatz des bürgerlichen Streits und der Konsensbildung), in die dann Beobachtungen von der städtischen Wirklichkeit eingebaut werden.
Theoretisch war Klaus in der ganzen Welt zu Hause. Er verschlang ganze Bibliotheken (und besaß selbst eine ausufernde in seiner Bockenheimer Altbauwohnung in Frankfurt am Main). Er war, wie viele seiner Generation, fasziniert von den französischen postmarxistischen Denker*innen – ein Kind des „langen Sommers der Theorie“ nach 1968, der in Deutschland besonders lange andauerte (Felsch 2016). Empirisch kannte Klaus, außerhalb seines unmittelbaren Erlebnisbereichs in der Region Frankfurt, die Welt vor allem aus den Medien, geschaffen von anderen: Film, Literatur und vor allem immer wieder Musik stellten den Fundus dar, aus dem Klaus schöpfte. Eine gierige Leselust und geduldiges Zuhören bei Gesprächen mit seinen vielen Bekannten und Besucher*innen aus aller Welt, von Taiwan über Los Angeles und New York bis Berlin, brachten Klaus die städtischen Alltagswelten anderer Orte nahe. Auch damit war es nicht getan. Er gehörte zu der Generation von linken Nachkriegsintellektuellen, spezifisch denjenigen, die zwischen dem „Pflasterstrand“ von 1968 und der Explosion des Punks politisiert wurden, die an der eigenen Biografie den Siegeszug der Macht des Bildes erfuhren. Zwar spricht man erst seit den 1990er-Jahren vom pictorial turn (Felsch 2016: 161), doch die Grundrisse einer postmodernen Semiotik bildeten sich schon in den vorausgegangenen zwei Jahrzehnten heraus, als Ronnebergers städtisches Denken Form gewann. Sein Text „Container des 21. Jahrhunderts (2000)“ (Ronneberger 2026), den wir hier lesen, ist nicht zufällig vollgepfropft mit Bezügen auf eine Welt, in der das Imaginäre, die Bedürfnisproduktion, die Lust auf Konsum und Unterhaltung zentrale Aspekte des Städtischen sind. Natürlich spielten hier auch die autonomistische Bewegung in Italien (Sevilla-Buitrago 2022) und der Einfluss der Schweizer Debatten eine große Rolle – wie oft diskutierten wir über die Bedeutung Rudolf Lüschers für diese Fragen (Lüscher 1984, 1985). Wenn die städtische Zukunft nicht vor seiner Haustür geschah, dann konsumierte er sie durch einen Szeneroman, einen Film oder ein Musikstück[1].
Diese Vorbemerkungen sind im Rahmen unseres kurzen Beitrags relevant, weil es um die Einschätzung eines einzigartigen Nachlasses städtischen Denkens geht, das auf mehr beruht als auf statistischen Einsichten, Karten, Plänen und institutionellen Zusammenhängen. Es war nicht die positivistische Stadtforschung, von Klaus oft als „Graubrot“ karikiert, die ihn interessierte, sondern die durchaus lefebvrianische Methode, die Stadt als Œuvre, Gesamtkunstwerk und erlebte Alltagswelt zu untersuchen. Die akkumulative Gesamtsicht wurde bei Klaus freilich immer von der nuancierten ethnographischen Detailbeobachtung produktiv konterkariert. Wollte man ihn heute einordnen in die Welt des Urbanismus, fühlt man sich einerseits erinnert an den hartgesottenen Realismus von Mike Davis und andererseits an die generativen, jedoch anthropologisch informierten Spekulationen von AbdouMaliq Simone. Ronnebergers „City of quartz“ (Davis 1990) war Frankfurt, und seine „Surrounds“ (Simone 2022) waren das Städtische in der Frankfurter Umgebung und letztlich in der planetarischen Urbanisierung.
Klaus’ Voraussagen sind Teil unseres kollektiven Bewusstseins. Hier mussten Öffnungen geschaffen werden, Räume erforscht werden, die die klassische städtische Sichtweise übersehen hatte. Lüscher zufolge traten die städtischen Revolutionen der 1980er-Jahre
„nicht oder kaum in den grossen Metropolen auf, aber sie fegen über die mittleren und kleineren ‚Gross‘städte hinweg. Sie verstören die Randzonen der grossen städtischen Komplexe. Sie treffen Orte, deren Weltoffenheit zwar ausreicht, das urbane Versprechen dauernd präsent zu halten, aber nicht ausreicht, dieses Versprechen einzulösen.“
(Lüscher 1984: 124)
Aus der Perspektive der kleinen Globalstadt Frankfurt und seiner Peripherie betritt Klaus letztlich die Welt der „Container des 21. Jahrhunderts“, eine Welt, die er genau beobachtet, seziert und kommentiert hat. Er ist sich bewusst, dass sich am Ende des 20. Jahrhunderts ein Umbruch abzeichnet, bei dem die Produktion des Raumes in einen Turbolader gesteckt und dynamisiert werden wird. In diesem Zusammenhang konstatiert er, dass es schon „immer eine starke Wechselwirkung zwischen der Produktion kultureller Symbole und der Produktion des städtischen Raums [gab]. Allerdings scheint gegenwärtig ein Qualitätssprung stattzufinden.“ (Ronneberger 2026: 125)
Ronnebergers Text verharrt hier eine ganze Weile im Universum der konsumorientierten Kritik, die für die alltagsweltliche Sicht auf die Stadt seit Henri Lefebvre im kritischen deutschsprachigen Diskurs üblich geworden war. Er widmet sich der „Mallkultur“, deren Ursprünge und natürliches Zuhause er in der „amerikanischen Highway-Gesellschaft“ (ebd.: 126) verortet. Die Malls, Themenparks, Passagen, Galerien et cetera finden Eingang in die Innenstädte, doch bleibt ihre wahre Geographie zunächst gekoppelt an den „enormen Suburbanisierungsschub nach dem Zweiten Weltkrieg“ (ebd.: 127), der in den 1990er-Jahren zudem von den postfordistischen exurbanen Entwicklungen re-animiert wurde. Zunächst waren die Malls – als Gegenpol zum städtischen Zentrum konventioneller Art – die „architektonische Verkörperung der suburbanen Werte und Normen“ (ebd.: 129). Kulturell und architektonisch übernahm die Suburbanisierung dann auch die Innenstädte, wo antiseptische Konsum- und Unterhaltungsräume die Komplexität und latente Bedrohung des echten Straßenlebens zu ersetzen begannen. Dieses Phänomen wurde Ausgang des 20. Jahrhunderts insbesondere im Zusammenhang mit der Sanierung des New Yorker Times Square diskutiert (Smith 1998). Ronneberger selbst wusste natürlich nur zu gut, dass dieses Cleansing allenfalls partiell erfolgreich sein konnte. Vor allem in den weniger segregierten europäischen Städten blieben die Wohnungslosen und Armen, die gelangweilten Jugendlichen, Migrant*innen, Drogennutzer*innen und Sexarbeiter*innen in Sicht- und Berührungsweite der klimatisierten Erlebnis- und Konsumräume, die den Mittelklassen als sichere Rückzugsorte dienen sollten. Sowohl im nordamerikanischen Modell als auch in der europäischen Angleichung werden Sicherheitskonzepte und Überwachungsstrategien zentrale Anliegen der kommerziellen Anbieter und der kommunalen Behörden, die sich die öffentliche Ordnung aufs Schild geschrieben haben. Ronneberger beschreibt präzise die Entwicklung von der Erlebnisstadt zur Stadt als Kerker (the carceral city).
Hier kann man Ronneberger weiterdenken und verfolgen, wie die Containerarchitektur des 21. Jahrhunderts einerseits diffundiert und zunehmend die Stadt auflöst, andererseits zu neuen peripheren Zentralitäten führt – wie etwa die massive Ansammlung von Datenzentren und E-Commerce-Lagerhallen (Phelps/Keil/Maginn 2025). In der digitalisierten Urbanität geht die Kundin oder der Kunde nicht mehr ins Geschäft, sondern das Geschäft kommt zu den Kund*innen. Die Konsequenzen waren im Vorfeld der Pandemie zu spüren und sind seither verallgemeinert. Eine Weile wird die Stadtforschung noch damit zubringen, diesen Schwenk mitzumachen. Hatten wir doch spätestens seit Walter Benjamins Arkaden über den Zusammenhang von Warenästhetik und städtischem Design spekuliert, sind wir jetzt aufgefordert darüber nachzudenken, wie das Städtische weiter existiert, wenn die Amazon-Pakete auf der Türschwelle landen, anstatt in den Ladenregalen angeboten zu werden. Ronnebergers Aufsatz über die Container des 21. Jahrhunderts wurde geschrieben, bevor Netflix, Facebook, TikTok, Tinder, Spotify und Instagram den städtischen Raum, seine Konsumierbarkeit, seine Grenzen und Möglichkeiten unumkehrbar in die digitale Dimension erweiterten.
Ganz im Benjamin’schen Sinn hatte Klaus eine Faszination für die Innenstadt als Verkaufszentrum. Als die Zeilgalerie in Frankfurt 1992 eröffnete, war er von der architektonischen Form dieser Mall sowohl hingerissen als auch abgestoßen. Bei unseren Besuchen in Frankfurt in den 1990er-Jahren hat er sich immer wieder darüber ausgelassen, wie die Inszenierung der Öffentlichkeit durch die Rolltreppe mitten im Einkaufszentrum sowie die Öffnung zur Fußgängerzone architektonisch imposant sind. Was Ronneberger damals als Zukunft der Stadt interpretierte, hatte jedoch eine relativ geringe Halbwertszeit: Der ursprüngliche Eigentümer Rodamco, der damals Europas größter Eigentümer und Betreiber von Shoppingmalls war, verkaufte bereits 2007 das Gebäude, 2016 wurde es abgerissen und durch ein neues Gebäude ersetzt.
Ronneberger war unaufgeregt über die dramatischen Veränderungen, die er in Frankfurt und anderswo erfuhr und sich anlas. Manchmal ist eine Mall einfach eine Mall. Trotz seiner Abneigung gegen die falsche Faktizität der empirischen Sozialforschung neigte Ronneberger selbst nicht zur fantastischen Spekulation. Er blieb, wie auch in diesem Artikel, eng an den nachvollziehbaren und messbaren Abläufen der Ereignisse (um Lüscher noch einmal zu bemühen). Aus unserer Sicht – wir leben seit den 1990er-Jahren in der kanadischen Metropole Toronto – war Ronnebergers Diskussion der Pläne für das Gelände des Frankfurter Güterbahnhofs, von der er auch den Titel des Aufsatzes nahm, interessant. Vieles von dem, was dort geplant war, wie die beteiligten Akteure agierten und was dort gebaut wurde, ist typisch für die sich wandelnden Flächennutzungen in nachindustriellen Städten, vor allem in weiterwachsenden Boomtowns des finanzialisierten Kapitalismus wie Toronto und Frankfurt am Main. Freilich folgte das Frankfurter Beispiel hier dem Regelbuch der neoliberalen Planung, wie Ronneberger richtig konstatierte, jedoch zeigt sich auch ein gewisser Konservatismus in der städtischen Form und Nutzung, die die europäische Stadt von der nordamerikanischen (und noch mehr von denen anderswo, denkt man etwa an Asien) unterscheidet – eine Debatte, die mit dem Wettbewerb um den Wiederaufbau des Potsdamer Platzes in Berlin nach der Wende regelrechte Wellen schlug (Lehrer 2006). Die nahe der Innenstadt überbauten ehemaligen Industrie-, Bahn- oder Hafenareale sind tatsächlich zu beliebten Aushängeschildern des postindustriellen Urbanismus geworden.
Was in Frankfurt von Ronneberger und anderen (u. a. dem ehemaligen Stadtbaurat selbst) als problematisch diskutiert wurde, wird in den kanadischen Städten als positiver Leitfaden der stadtplanerischen Praxis im Zeitalter des Klimawandels gefeiert: Dort wollte und will man noch immer hoch hinaus und massiv verdichten, um dem Flächenfraß und der Zersiedelung des Umlands Einhalt zu gebieten. So geschehen in den Großräumen Toronto (s. Abb. 2) und Vancouver (s. Abb. 3), wo über die letzten 25 Jahre Hunderttausende von Hochhauseigentumswohnungen wie Pilze – sowohl im Kern der Stadt als auch im nahen Umland – aus dem Boden geschossen sind. Diese auf Verdichtung der bereits bebauten Flächen zielende städtebauliche Strategie wurde zum Markenzeichen beider Städte und unter dem Namen Vancouverism sogar zum planungspolitischen Exportprodukt (Beasley 2019), aber auch zum Ziel weitführender Kritik an der Globalisierung und Gentrifizierung der Kernstadt (Lehrer/Wieditz 2009; Siemiatycki/Peck/Wyly 2020). Die Form der Inszenierung des Städtischen hat in dieser Lebensform eine neue Dimension angenommen: Wohnen im Hochhaus wird damit angepriesen, dass es einen urbanen und aktiven Lebensstil verkörpere, wobei das Gebäude mit internen Einrichtungen wie Dachterrasse, Yogaraum, Schwimmbad und Bibliothek die Bewohner*innen animieren solle, ein urbanes Leben innerhalb des Gebäudes zu praktizieren (Lehrer 2012). Dies ist ein Trend, den man global beobachten kann und der auch in Frankfurts Europaviertel angekommen ist.
Trotz der un-heimlichen Aus- und Weitsicht, die Ronneberger in diesem Aufsatz an den Tag legt, konnte der Text letztlich dem Tempo und dem Ausmaß der angedeuteten städtischen Veränderungen nicht gerecht werden. Die Welt ist nochmal anders geworden, als es in der bereits klaustrophobischen Welt erschien, die Ronneberger in seinem Aufsatz analysierte und voraussagte. Disney und die anderen Visionäre der westlichen Mall- und Erlebniskultur haben längst in Shanghai, Istanbul und Dubai ihre Meister gefunden. Noch kein Thema ist bei Ronneberger die inzwischen fast nahtlose staatlich-kommerzielle Verlandschaftung der Städte der außereuropäischen Wachstumszentren in China, Singapur, den Golfstaaten oder der Türkei. Dieses Modell des autoritären Kapitalismus schert sich schon gar nicht mehr um die demokratischen Ansprüche der liberalen Mallgesellschaft als Erfüllungsraum freiheitlicher Kultur (s. Abb. 4). Hier wird vielmehr der Konsum direkt mit total(itär)er Kontrolle gepaart. Ebenfalls noch lange nicht am Horizont erkennbar ist die erträumte Stadtlandschaft des Dark Enlightenment, der sogenannten Dunklen Aufklärung, in der techno-autoritäre Stadtgründungen eine hermetische, innenorientierte Verschmelzung von Unternehmenskultur und Staatlichkeit herbeiführen sollen und demokratische Bürgerlichkeit den Erfordernissen marktliberaler Ansprüche geopfert werden (Craib 2022).
Und doch regt Ronnebergers Artikel auch jetzt noch zu kritischer Reflexion an und legt den Grundstein für weitreichende wissenschaftliche und aktivistische Konsequenzen. Einerseits erkennen wir heute, nach einem Vierteljahrhundert, die Normalisierung der Erlebnis- und Konsumlandschaften, die Ronneberger noch in Entstehung beschreibt. Darin liegt auch die effektive positive Akzeptanz dieser vermarkteten und ver-sicherten Stadtlandschaft. Doch sollte die Normalisierung nicht über die weitere Bereitschaft der städtischen Bewohner*innen hinwegtäuschen, sich aufzulehnen, wenn es darauf ankommt. Während der gewöhnliche feuilletonistische Diskurs die Agency der Urbaniten in der Mallstadt bezweifelt, ist seit der Jahrtausendwende wieder Leben in die Städte eingekehrt. Es besteht eine gewisse Tendenz, die Bewohner*innen der durchkommerzialisierten Stadt zu behandeln, als ob sie machtlose Opfer einer techno-kapitalistischen und finanzialisierten Verschwörung wären, doch kann lange nicht vom Ende des zivilen Ungehorsams, der aufständischen Kollektivität und rebellischen Individualität die Rede sein. Nur wenige Jahre nach Erscheinen von Ronnebergers Text gab es Besetzungen und Zeltstädte in den Innenstädten – Zuccotti Park war nach der Finanzkrise 2008 überall. Arabischer Frühling, der Kampf um Gezi-Park, die Proteste in Griechenland gegen die Troika, die Bewegung der Indignados in Spanien wurden zu Stichworten des Widerstands gegen Neoliberalisierung und Finanzialisierung (Dikeç/Swyngedouw 2017).
Die Wiederbelebung des städtischen öffentlichen Raumes als politische Arena kam allerdings auch zum Preis der sozialen und politischen Kehrtwende vor und während der Pandemie und führte zur Übernahme öffentlicher städtischer Räume durch diejenigen, die nicht in das traditionelle progressive Protestmuster passten. Die Besetzung der Nicht-Räume an den Kreiseln der Vorstadtstraßen durch die französischen Gelbwesten (Kipfer 2019) oder die Belagerung der Innenstadt Ottawas durch rechtspopulistische Trucker*innen im Winter 2022 sind Beispiele für diese Tendenz und unter Umständen zumindest teilweise Instanzen eines „demokratischen Faschismus“, der die liberalen Voraussetzungen der fordistischen Mallurbanität längst hinter sich gelassen hat (Amlinger/Nachtwey 2025).
Ronneberger schrieb seinen Text in der Ära der Y2K-Panik und vor den Anschlägen von 9/11. Und die Turbo-Digitalisierung, die im neuen Jahrtausend folgte, war kaum vorauszusehen. Daher ist der Begriff der „panoptischen Stadt“ (Ronneberger 2026: 142) aus heutiger Sicht fast niedlich, unerheblich. Das, was damals als skandalös empfunden wurde, erscheint heute als alltägliche und allgegenwärtige Normalität. Wie Ronneberger selbst voraussah: „Die Technologie der elektronischen Überwachung entwickelt sich zum festen Bestandteil der städtischen Infrastruktur, die bald ähnlich vertraut sein wird wie Telefonhäuschen, Straßenlaternen oder Verkehrsampeln.“ (Ebd.: 142 f.) Und er selbst erklärt, dass die Form der Überwachung, die er in dieser Zeit vorfand, sich von Foucaults Leseweise als Disziplinierungsinstrument insofern unterscheidet, als sie sich im postmodernen Zeitalter mit dezentralisierten Strukturen „kaum mehr architektonisch bestimmen“ lässt und im Weiteren „auf dem Einverständnis der Betroffenen“ beruht (ebd.). Damit hat Ronneberger bereits die Omnipräsenz der digitalen Überwachung, die wir heute in fast allen Lebensbereichen erleben, vorausgesehen. Auf dieser Basis, die sein Artikel uns hinterlässt, kann man heute generativ fragen: Wie entwickeln sich diese Tendenzen weiter im Kontext der Entkörperlichung der Stadt, wenn Wohnung und Arbeitsplatz immer weiter ineinander fallen, wenn menschliche Beziehungen vom Einkaufen bis zum Sex digitalisiert werden und damit eine gewisse Enträumlichung des Städtischen stattfindet? Hier lässt sich mit Ronneberger und in Weiterführung seiner Denk- und Redeweise fragen: Was ist die Stadt letztlich, wenn sich die Stadt auflöst? Welchen Alltag lebt man in der digitalen Stadt? Welche Dichte gibt es in der digitalen Stadt? Welches Aneinanderreiben bleibt übrig, wenn das Städtische nicht körperlich ist?
Der Titel „Container des 21. Jahrhunderts“ – selbst wenn Helmut Jahns Projekt, von dem er stammt, nicht gebaut wurde – suggeriert foreclosure. Doch nachdem das 21. Jahrhundert bereits zu einem Viertel vorbei ist, bleibt doch die Einsicht, dass viele widerspenstige und widerständige Verhandlungen in der planetarisierten Stadt konserviert werden konnten und sogar neue, unerwartete Formen des kollektiven Handelns entstanden sind. Die Stadt ist nicht tot als Handlungsraum. Neue Formen der kommunalen Demokratie wie Barcelona en Comú, die Abstimmung über die Vergesellschaftung von Wohnraum in Berlin (Kusiak 2024) oder die jüngste Wahl von Zohran Mamdani zum Bürgermeister in New York City zeigen: Potenzial zur Revolte gibt es noch zuhauf.
Wie wird der städtische Alltag reorganisiert? Welche neuen Formen von Arbeit und Leben gibt es am Ende der Shoppingmall, der Fabrik und letztlich auch des Büros? Empirisch können wir uns hierzu fragen, was von dem massiven Rückbau der Malls in den USA und anderswo zu lernen ist (Williamson 2025). Was entsteht hier Neues? Ronneberger sieht die Welt, aber die Welt, die er sieht, ist vor allem Amerika: ein Kontinent, den er zumeist aus der Sekundärliteratur kannte, nur knapp aus eigener Anschauung. Die Explosion des Städtischen jenseits des nordamerikanischen Tellerrands und der Mainischen Realität bleibt unbeackert, bleibt außen vor. Frankfurt ist, wen wundert es, über Maßen präsent. Klaus kritisierte zu Recht die Manie des Frankfurter Bürgertums (und sogar seiner Kritiker*innen), die Mainmetropole in Vergleichen mit Manhattan zu überhöhen. Und doch gelang es auch ihm in diesem fulminanten Überblicksartikel nicht, den Bezugspunkt zu erweitern, woanders hinzuschauen, um andere Einflüsse zu erspähen und Kategorien der städtischen Entwicklung zu erfassen. Während wir unserem Beitrag den letzten Schliff geben, befinden wir uns auf der Rückreise von einem eindrücklichen Besuch in Kolkata und Dubai, zwei ganz unterschiedliche Antworten auf die Frage, wie die Container des 21. Jahrhunderts in der nicht westlichen Mehrheitsgesellschaft der planetarischen Urbanisierung Form annehmen. Kolkata, einst die zweite Stadt im britischen Weltreich nach London, heute selbst in Modis Indien peripher, scheint unter seinen Widersprüchen zu ächzen, aber das städtische Leben findet immer neue Behälter, in denen es sich erfolgreich ausbreitet, von den Luxushochhäusern der Superreichen über die „modernen“ Vorstädte bis zu den informellen Siedlungen und vor allem jeden erdenklichen Raum, den die Straße zum wirtschaftlichen und sozialen (Über-)Leben bietet (s. Abb. 5). Dubai, vor einer Generation noch schläfriger Fischereihafen am Rande der arabischen Welt, ist heute ein führendes Leitbild im Städtebau außerhalb von Europa und Nordamerika. Weder die eine noch die andere Version des nun mehrheitlichen planetarischen Städtischen wird von dem Text „Container des 21. Jahrhunderts“ bereits erfasst. Das „Interreferencing“ von städtischem Prozess und städtischer Form hat sich in die massiven Urbanisierungsgebiete des globalen Südens verlagert (Güney/Keil/Üçoğlu 2019). Und doch ist Ronnebergers Essay auch heute noch schlüssig und relevant. Klaus war ein Stadttheoretiker der besonderen Art, der sich die Welt in seine Wohnung holte und, wie in diesem Text eindeutig sichtbar, scharfsinnig erklärte. Wir lesen den Text als einen wertvollen Baustein im Versuch, eine neue Grammatik (Amin/Lancione 2022) und ein neues Vokabular (Schmid/Streule 2023) des Städtischen zu schaffen. Das ist das Vermächtnis von Klaus Ronnebergers Lebenswerk.