Liebe Leser_innen,

 

mit diesem Themenheft präsentiert urban erstmalig eine Ausgabe, die in Zusammenarbeit zwischen der Redaktion und Gastherausgeber_innen entstanden ist. Die Inhalte und Beiträge des Themenheftes wurden gemeinsam mit Sabine Hess und Henrik Lebuhn diskutiert und zu einem Heft zusammengestellt, das hoffentlich für viele Leser_innen spannend ist. Die Herstellung des Heftes hat die Rosa-Luxemburg-Stiftung finanziell unterstützt.

  1. 1. Stadt und Migration in der Stadtforschung

urban nimmt sich mit dem Schwerpunktheft ‚Stadt und Migration‘, das von Sabine Hess, Henrik Lebuhn und den Redaktionsmitgliedern Jan Hutta und Kristine Müller herausgegeben wird, eines Themas an, das sich in der öffentlichen Debatte zu einem Dauerbrenner entwickelt hat. Auch in der Stadtpolitik haben wir es in diesem Feld derzeit mit einem widersprüchlichen Nebeneinander von Maßnahmen zu tun, deren weitere Entwicklung bislang kaum abschätzbar ist. Denn obgleich Migrationen als komplexe Prozesse die unterschiedlichen Maßstabsebenen von Staaten bis hin zu konkreten Orten miteinander verbinden, sind es doch vor allem städtische Kontexte, in denen sichtbare und wirkungsvolle Kämpfe um Zuweisungen und Aneignungen von Chancen und Rechten ausgetragen werden.[1] Dabei lässt sich in den aktuellen Auseinandersetzungen um Zugangsrechte und Partizipationschancen auf vielen Handlungsebenen einerseits eine Kontinuität von klassischen (des-)integrationspolitischen Positionen und Ansätzen beobachten. Andererseits bringen diese Entwicklungen aber auch Neuformierungen mit sich, wie es die diversitätspolitischen Diskurse und Programme deutlich machen.

Wie stark das Thema Migration auf städtischer Ebene verhandelt wird, zeigt sich in Deutschland derzeit am Umgang mit innereuropäischen Mobilitäten. Hier verschränkt sich die Stigmatisierung und Delegitimierung spezifischer Wanderungsbewegungen (wie zum Beispiel einer sogenannten Armutsmigration aus südosteuropäischen EU-Beitrittsländern durch den Deutschen Städtetag) mit einer medialen Politik ‚überforderter Quartiere‘ und den bundespolitischen Angriffen auf das EU-Recht auf Binnenfreizügigkeit. Auch im Bereich der Flüchtlingspolitik werden Kämpfe um Zuweisungen, Aneignungen und Teilhabe auf städtischem Terrain ausgetragen. So trugen Flüchtlinge in den vergangenen Jahren verstärkt ihre Forderungen nach Bleiberecht und einer Abschaffung der Residenzpflicht mit Demonstrationen, Hunger- und Durststreiks sowie Besetzungen in den (urbanen und medialen) öffentlichen Raum, zum Beispiel in Hamburg, München und Berlin, aber auch in vielen kleineren Städten. Durch den Druck des Flüchtlingscamps auf dem Berliner Oranienplatz und der besetzten Hauptmann-Schule in der Ohlauer Straße wurden Berliner Politiker_innen zu Verhandlungen gedrängt. Gleichzeitig wird auf dem Rücken der Flüchtlingsbewegungen nach Europa mit reißerischen Bildern überfüllter Aufnahmeeinrichtungen und ‚überforderter Städte‘ eine Politik der ‚Versicherheitlichung‘ und selektiven Abschottung vorangetrieben.

Auch wenn Migration sehr deutlich in der Stadt ausgetragen wurde und wird, scheint uns der Zusammenhang von Migration und Stadt in der Forschungslandschaft oft erstaunlich untertheoretisiert. So gilt die Bezugnahme auf ‚Stadt‘ in vielen migrationswissenschaftlichen Analysen als implizit gesetzt im Sinne eines gegebenen Forschungshintergrunds, ohne dass dies als spezifischer Kontext reflektiert würde, wie auch Nina Glick Schiller und Ayşe Çağlar in ihren jüngeren Arbeiten feststellen (vgl. etwa Glick Schiller/Çağlar 2010). Darüber hinaus wird ‚Migration‘ in der Stadtforschung in den letzten Jahrzehnten seltsam enggeführt, ganz entgegen des Verständnisses von Migration als immanentem Entwicklungsfaktor von Stadt etwa in den Forschungen der Chicago School (zu dieser Kritik vgl. auch Kaloianov in urban 1/2014). Diese Beschränkung der migrationsbezogenen Perspektiven ist nicht zuletzt auf die fortgesetzte epistemologische Dominanz des Integrations- und Ethnizitätsparadigmas zurückzuführen, wie die Beiträge in diesem Themenheft deutlich machen.

Mit dem Ziel der Weiterentwicklung alternativer Forschungsparadigmen ist der Zugang zum Komplex ‚Stadt und Migration‘ angedeutet, den wir im vorliegenden Heft verfolgen. Die Beiträge schließen an die interdisziplinäre Tagung „Stadt und Migration – Kritische Perspektiven auf ein Forschungsfeld in Bewegung“ an, die im Frühjahr 2013 in Göttingen stattfand und sich den international virulenten Debatten um urban citizenship und Postmigration widmete. Anknüpfend an die Diskussionen, die dort geführt wurden, stellt das vorliegende Heft konzeptionelle Ansätze in der Stadt- und Migrationsforschung vor, die die widersprüchlichen Dynamiken um Migration und Stadt theoretisch und empirisch in den Blick nehmen. Sie thematisieren „migrantische Akteure, migrantische agency und Handlungsmacht jenseits ethnisierender und kulturalistischer Paradigmen“, wie Sabine Hess und Henrik Lebuhn in ihrem einführenden Beitrag formulieren. Die Auseinandersetzungen mit der vor allem im angloamerikanischen Raum geführten Debatte um Fragen der Bürgerschaft (citizenship), und spezifisch um urban citizenship, scheint uns in diesem Kontext besonders fruchtbar, weil sie explizit auf die Verzahnung des Politischen mit Fragen veränderter Staatlichkeit sowie mit der Debatte um unterschiedliche Maßstabsebenen und um die Formierung neuer Subjektivitäten abstellt, wobei sie zugleich die Handlungsmacht verschiedener Akteure berücksichtigt.

  1. 2. Praktiken und Akte der urban citizenship

Insbesondere James Holstons Arbeiten zu insurgent citizenship (2007) und Engin Isins Konzept der acts of citizenship (2008) haben wichtige Impulse für die internationale Debatte gegeben. Sie haben die Fragen zu citizenship um eine Auseinandersetzung mit (politischen) Praktiken – Isin spricht von ‚Akten‘ – ihrer Herstellung und Überschreitung erweitert: einerseits in Bezug auf den rechtlichen Status, andererseits bezüglich der praktischen Wahrnehmung von zivilen, politischen und sozialen Rechten. Eine weitere wichtige Perspektiverweiterung besteht darin, dass nicht nur Praktiken und Akte be-rechtigter Staatsbürger_innen wissenschaftlich in den Blick genommen werden, sondern nun auch eine Reihe von Subjekten, deren Zugehörigkeit zu Staat und Nation und somit zu Rechten und Verantwortlichkeiten wiederholt in Frage gestellt wird – wie Migrant_innen und selbsterklärte ‚non-citizens‘.

Das englische Konzept der citizenship eignet sich – ähnlich wie etwa die spanischen und portugiesischen Konzepte ciudadanía bzw. cidadania – besonders gut für eine Perspektivierung derartiger politischer Möglichkeitsbedingungen, verweist es doch etymologisch auf das mit civitas gemeinte multiskalar verräumlichte Politische. Um des breiteren diskursiven Hintergrunds gewahr zu werden, vor dem sich eine solche Perspektive auf umkämpfte citizenship, also auf Kämpfe um Rechte, Teilhabe und Verantwortlichkeit, konturiert hat, können gerade auch die lateinamerikanischen Demokratisierungsprozesse der 1990er Jahre in den Blick genommen werden, im Zuge derer ciudadanía/cidadania zu einem normativen Leitkonzept des Politischen wurde (siehe etwa Dagnino 2005). Auch feministische und queere Diskussionen um sexual citizenship, embodied citizenship oder the perverse citizen (vgl. Andrijasevic 2010, Bell 1995, Billig 1995, Bell/Binnie 2000, Isin/Lister 2003, Santos 2013) haben, mit Fokus auf Geschlecht, Körper und Begehren, konsequent die Bedingungen politischer und be-rechtigter Subjektivitäten infrage gestellt, wie sie sich mit Bezug auf Stadt, Staat, Nation und transnationale Verhältnisse konstituieren.

Während Isin (2008) in Bezug auf citizenship besonders den einschneidenden, mit dem gewöhnlichen Verlauf brechenden ‚Akt‘ hervorhebt, scheinen uns dabei auch die weniger singulären – und womöglich in oppositionellen Kontexten bereits habitualisierten – ‚Praxen‘ von umkämpfter citizenship bedeutsam, mit welchen institutionell verfestigte Zuordnungen von Rechten hinterfragt, umkämpft und umgangen werden können (vgl. Dickinson et al. 2008). Vor diesem Hintergrund diskutiert in diesem Heft der Magazinbeitrag von Noel Nicolaus veränderte Dynamiken von Migration und citizenship im Kontext der Krise in Europa. Am Beispiel Berlin wird dieses Spannungsfeld ausgelotet: zwischen europäischer Austeritätspolitik und dem Abbau sozialer Rechte, den ‚Recht-auf-Stadt‘-Strategien der Migrant_innen aus den südeuropäischen Ländern und den Abwehrpolitiken der vermeintlich kosmopolitischen deutschen Städte.

In einem methodologischen Beitrag fokussiert Loïc Wacquant auf ethnografisch-lebensweltlich orientierte Zugänge zum Forschungsfeld, die es erlauben, neue komplexe Konfliktlinien und Verwerfungen analytisch zu erfassen. In dem von uns für diese Ausgabe übersetzten Essay plädiert er für eine „Sociology of Flesh and Blood“ – so der englische Originaltitel des Textes –, also für eine radikale Konfrontation der Forschenden mit dem ethnografischen Feld, bei der das Verhältnis von agency, gesellschaftlicher Struktur und Wissen im Zentrum steht.

  1. 3. Neue Stadtpolitiken um Migration und urban citizenship

Wenn Praktiken und Akte von citizenship die politischen und juridischen Möglichkeitsbedingungen von Bürgerschaft in Frage stellen, sind sie zugleich mit einer Reihe aktueller Veränderungen der gesellschaftlichen Politiken konfrontiert, die sie konfigurieren. Dies zeigen die Beiträge dieser Ausgabe in verschiedener Hinsicht. Mathias Rodatz zeichnet die sich verändernden Bedingungen für politische Kämpfe um citizenship nach, die im Zusammenhang mit einer Öffnung der Frankfurter Kommunalpolitik hin zu diversitätspolitischen Ansätzen und Diskursen stehen. Hier wird die ‚Andersartigkeit‘ der Migrant_innen in der Tradition des unternehmensorientierten diversity management nicht mehr per se als defizitär, sondern als potenzielle ökonomische Ressource interpretiert. Unter den Bedingungen neoliberaler Standortpolitik gelten Migrant_innen damit nicht mehr nur als ‚Problemgruppe‘, sondern auch als ‚kulturelles Kapital‘, das es in dieser Logik mit Aktivierungs- und Subjektivierungspolitiken in Wert zu setzen gilt. Rodatz entfaltet dabei die These, „dass der Staat in der Stadt lernt, (Post)Migration mit anderen Augen zu sehen: jenseits der nationalen Norm, als konstitutives Moment der ‚Vielfalt‘ von Stadtgesellschaft“. In der Konsequenz werde dann die Frage nach Zugehörigkeit und Teilhabe im städtischen Kontext von dem in der Bundesrepublik so lange dominanten ‚Blutsprinzip‘ (ius sanguinis) entkoppelt – zumindest auf der Ebene kommunaler Policy-Diskurse.

Um konflikthafte Citizenship-Dynamiken geht es auch im Beitrag von Vassilis Tsianos über die Entwicklungen im Hamburger Stadtteil St. Georg. Er untersucht, wie Orts- und Raumansprüche der ‚neuen städtischen Mittelschichten‘ zunehmend Sicherheitsparadigmen und Stadtpolitiken zu neuen, wirksamen Formen von Ausgrenzungsdynamiken gegenüber migrantischen Gruppen verschmelzen. Dies geschieht, da diese Mittelschichten im Stande sind, gekonnt den hegemonialen Integrations-Ghetto-Diskurs affektiv aufzuladen. Für den Konflikt in St. Georg zeigt Tsianos, dass verschiedene Ansprüche auf Bürgerschaft (citizenship claims) nicht nur einfach gegeneinander in Stellung gebracht werden. Politiken sexueller Bürgerschaft verweben sich mit antimuslimischen Rassismen und werden gegen migrantische Communitys gerichtet.

Im Zeichen veränderter gesellschaftlicher Dynamiken steht auch Paul Mecherils Intervention bezüglich der Verwendung der Ausdrücke ‚postmigrantisch‘ und ‚Postmigration‘, die seit rund zehn Jahren im bundesdeutschen Kontext floriert. Mit dem Begriff wird versucht, die häufige Zuweisung des ‚Migrantischen‘ an die jüngeren Generationen zu brechen, dabei aber den Migrationskontext nicht aus den Augen zu verlieren. Geprägt wurde er seit den frühen 2000er Jahren unter anderem durch das Berliner Ballhaus Naunynstraße. Dessen ‚postmigrantisches Theater‘ beschäftigt sich mit den Alltagserfahrungen der in Deutschland aufgewachsenen Nachkommen der sogenannten ‚Gastarbeiter_innen‘ aus der Türkei und anderen Ländern, was mittlerweile in größerem Stil am Berliner Gorki Theater fortgesetzt wird. Trotz aller politischer Sympathie bezweifelt Mecheril in seinem Essay jedoch die Tragfähigkeit der Vorsilbe ‚post‘, anders als Mathias Rodatz in diesem Heft. Mecheril lädt damit zu einer vertieften Diskussion analytischer Begriffe ein.

Um den widersprüchlichen Wandel stadtpolitischer Prozesse und Diskurse zu Migration geht es auch in dem Gespräch, das Henrik Lebuhn mit Natalie Bayer und Andrej Holm geführt hat. Darin wird anhand von Beispielen aus München und Berlin deutlich, dass Migration zu einem wichtigen Teil städtischer Erzählungen über sich selbst geworden ist, bei der Konstruktion dieser Narrative aber höchst selektiv verfahren wird. Aspekte wie Rassismus werden meist ebenso ausgeblendet wie von Migrant_innen organisierte Projekte um Partizipation und Bürgerrechte oder migrantischer Widerstand gegen Diskriminierungserfahrungen und Exklusion. Zugleich lassen sich aber auch gegenhegemoniale Erzählungen identifizieren, die im Zuge der Neuformierung des Diskursfeldes ‚Migration‘ wirkmächtig werden. So berichtet Andrej Holm in dem Gespräch, dass sich die Aktiven der Berliner Initiative Kotti & Co „ganz explizit gegenüber den Medien und auch in politischen Auseinandersetzungen als ‚türkische Familien‘ präsentieren, die im Zuge ihrer Einwanderungsgeschichte den Bezirk wie keine andere Gruppe geprägt haben […]: ‚Wir haben Kreuzberg erst zu dem gemacht, was es heute ist. Und jetzt sollen wir verdrängt werden?‘“

In der Hoffnung, die Debatten um Stadt, Migration und (urban) citizenship mit neuen Impulsen zu bereichern, wünschen wir eine anregende Lektüre.

 

Abschließen möchten wir dieses Editorial mit einem Dank an Nelly Grote­fendt und Manfred Oberländer für ihren Einsatz in den ersten Jahren unseres Bestehens. Wir bedauern, dass sie sich zumindest für den Moment aufgrund anderer Vorhaben aus der Redaktion verabschiedet haben. Schon im Laufe des Jahres sind Johanna Hoerning und Lisa Vollmer tatkräftig eingestiegen. Kürzlich kamen auch Stefan Höhne und Yuca Meubrink hinzu, so dass die Arbeit der Redaktion auch weiterhin auf vielen Füßen steht.

 

Sabine Hess und Henrik Lebuhn als Gastherausgeber_innen sowie Jan Hutta und Kristine Müller für die Redaktion von urban

 

Endnoten

  1. [1] Konflikte um Migration werden auch in ländlichen Kontexten ausgetragen – von Land­arbeiter_innen in Italien und Spanien bis hin zur Landlosenbewegung in Brasilien –, doch diese Auseinandersetzungen liegen außerhalb des Fokus dieser Ausgabe.

Literatur

Andrijasevic, Rutvica (2010): Migration, Agency, and Citizenship in Sex Trafficking. Houndmills: Palgrave Macmillan.

Bell, David (1995): Pleasure and danger. The paradoxical spaces of sexual citizenship. In: Political Geography 14/2, 139-153.

Bell, David / Binnie, Jon (2000): The Sexual Citizen. Queer Politics and Beyond. Cambridge: Polity.

Billig, Michael (1995): Banal Nationalism. London: Sage.

Dagnino, Evelina (2005): ‚We all have rights, but…‘. Contesting concepts of citizenship in Brazil. In: Naila Kabeer (Hg.): Inclusive Citizenship. Meanings and Expressions. London/New York: Zed, 149-163.

Dickinson, Jen / Andrucki, Max / Rawlins, Emma / Hale, Daniel / Cook, Victoria (2008): Introduction. Geographies of everyday citizenship. In: ACME. An International E-Journal for Critical Geographies 7/2, 100-112.

Glick Schiller, Nina / Çağlar, Ayşe (Hg.) (2010): Locating Migration. Rescaling Cities and Migrants. Ithaca: Cornell University Press.

Holston, James (2007): Insurgent Citizenship. Princeton: Princeton University Press. Isin, Engin F. (2008): Theorizing acts of citizenship. In: ders. / Greg M. Nielsen (Hg.): Acts of Citizenship. London: Palgrave Macmillan, 15-43.

Isin, Engin F. / Lister, Ruth (2003): Citizenship. Feminist Perspectives. New York: New York University Press.

Kaloianov, Radostin (2014): Migrationstheoretische Gesellschaftskritik. Versuch einer Standortbestimmung. In: sub\urban. zeitschrift für kritische stadtforschung 2/1, 7-26.

Santos, Ana Cristina (2013): Social Movements and Sexual Citizenship in Southern Europe. Houndmills: Palgrave Macmillan.