Seit den 1970er Jahren steigt die Zahl der Gefängnisinsass_innen in den USA kontinuierlich (Goffman 2014). Mit Beginn der 2000er Jahre erreichte sie im historischen Vergleich einen neuen Höchststand. Dieser Trend erfährt in der US-amerikanischen Öffentlichkeit nur wenig Aufmerksamkeit. Auffällig ist: Bei den Betroffenen handelt es sich überproportional um schwarze Männer aus sogenannten sozial benachteiligten Stadtvierteln. In den Vereinigten Staaten stellen Schwarze circa 13 Prozent der Bevölkerung und machen zugleich rund 37 Prozent aller Gefängnisinsass_innen aus (ebd.). Aus einem erweiterten Blickwinkel betrachtet wird klar: Diese anhaltende Konjunk­tur eines „Bestrafens der Armen“ (Wacquant 2009) geht mit umfassenden gesellschaft­lichen Transformationsprozessen einher. Loïc Wacquant (2008; 2009) und David Garland (2008) verweisen in diesem Zusammenhang auf die Rolle zunehmend repressiver Polizeimaßnahmen als Bestandteil neoliberaler Sicherheitspolitik. Zieht sich der Staat mit seinen Kompetenzen und Verantwortlichkeiten in wachsendem Maße aus sozialen Bereichen zurück, wird dieser Trend von einem Erstarken staatlicher Befug­nisse und Maßnahmen im Strafvollzug begleitet (Wacquant 2009). Nach Garland und Wacquant handelt es sich bei dieser repressiven Verwaltung der „Nichtverwertbaren“ um einen integralen Bestandteil des Wiedererstarkens von Staatlichkeit im neoliberalen Kapitalismus. In den sozial benachteiligten Stadtvierteln US-amerikanischer Großstädte verdichten sich laut Wacquant diese negativen Konsequenzen neoliberaler Transformationsprozesse auf katastrophale Art und Weise.

Welche Auswirkungen dies auf die sozialen Strukturen und Dynamiken in den betroffenen Stadtvierteln hat, ist das zentrale Thema von Alice Goffmans jüngst erschienener Ethnografie On the Run. Fugitive Life in an American City. Darin taucht Goffman in die alltägliche Lebenswelt der Bewohner_innen eines sozial benachteiligten Viertels in Philadelphia ein. Sie zeigt in ihrer Analyse, auf welche Weise der „strafende Staat“ (Foucault 1993) dazu beiträgt, dass für viele Bewohner_innen das alltägliche Leben dort aus einem von Unsicherheit und Misstrauen geprägten Teufelskreis aus Arbeitslosig­keit, Kriminalität, Gefängnis und Bewährungsauflagen besteht.

Goffmans Ethnografie gewährt Einblicke in einen paradoxen Alltag, in dem soziale Nahbeziehungen maßgeblich von Fluktuation, Risiko­han­deln und kurzweiligen Solidaritäten geprägt sind. In sozial benach­teiligten Stadt­vierteln, in denen laut Goffman (2014: 107) das Strafvollzugssystem für Heranwachsende sukzessive das Bildungssystem als maßgeb­lich­en Re­fe­renz­rahmen der Adoleszenzphase zu ersetzen droht, stellen das instink­tive Erspähen, Weglaufen und Verstecken vor der Polizei schon für die Allerjüngsten integrale Bestandteile des kindlichen Alltags dar (ebd.: 23 ff.; 107 ff.). Auf diese Weise findet die Durchdringung sozial benach­tei­lig­ter Stadtviertel durch den strafenden Staat bereits in der habituellen In­kor­po­rie­rung von Achtsamkeits- und Fluchtreflexen durch dessen jüngste Be­wohner_innen ihren Niederschlag.

Männliche schwarze Jugendliche scheinen von den ständigen Per­so­nen­kontrollen (search-and-frisk-Operationen) durch die Po­li­zei am stärksten betroffen. Für sie ist der Kontakt mit Polizei und Straf­voll­zugs­be­hör­den ein bedeutsamer alltäglicher Handlungskontext, innerhalb dessen eine komplexe kontextspezifische Sozialordnung ausgehandelt wird. Wie Goffman zeigt, ist die Konsequenz die Entwicklung einer Lebensweise, innerhalb derer alltägliche Unstetigkeit und Unberechenbarkeit erstrebenswerte Be­wäl­ti­gungs­strategien darstellen (ebd.: 37). Als kontextspezifische soziale Zwänge prägen Intransparenz und Täuschung auf diese Weise eine alltägliche Be­wäl­tigungsweise des „Auf-der-Flucht-Seins“, wodurch eine stabile All­tags­struk­tur nahezu verunmöglicht wird (ebd.). Familienangehörige und Freund_innen stellen dabei in erster Linie Quellen potenzieller Bedrohung dar, da sie für die Polizei auf der Suche nach Verdächtigen die ersten Anlaufstellen sind und im Zuge dessen oft selbst einer Vielzahl an Druckmitteln ausgesetzt sind. Nach Goffman werden besonders Frauen in diesem Zusammenhang oftmals durch Drohungen wie Kindes- oder Wohnungsentzug bis hin zu physischer und psychischer Gewalt im Rahmen von Hausdurchsuchungen zu Opfern polizeilicher Repression (ebd.: 63).

Doch Goffman beschreibt die Bewohner_innen dieser marginalisierten Vier­tel nicht ausschließlich als Opfer schwieriger Lebensumstände. Ein span­nen­der Aspekt ihrer Untersuchung sind Strategien der Ermächtigung und Formen des Widerstands, die die Menschen in ihren alltäglichen Be­wäl­ti­gungs­weisen entwickeln. In Kapitel 7 zeigt die Autorin auf, dass und auf welche Weise es den Bewohner_innen gelingt, sich innerhalb dieser kon­flik­tiven Lebensumstände Räume der Selbstbestimmung zu bewahren und durch die aktive Konstruktion einer kontextspezifischen moralischen Integrität ein Leben in Würde und relativer Selbstbestimmung zu führen. So wird deutlich, dass der Kontakt mit Strafverfolgungsbehörden auch in persönliche Ressourcen gewendet werden kann. Dabei werden Mitarbeiter_innen von Polizei und staatliche Behörden je nach Möglichkeit instrumentalisiert, ganz entgegen ihrem Selbstverständnis und oftmals ohne ihre Kenntnis. Beispielsweise wird die Drohung, die Polizei zu rufen oder der Polizei Hin­weise zu geben, auch als Mittel zur sozialen Kontrolle eingesetzt. Um für eine Weile von der Straße zu verschwinden, kann ein Gefängnisaufenthalt aus Gründen des Selbstschutzes umgekehrt auch zur bevorzugten Wahl werden, indem die festgelegte Kaution bewusst nicht gezahlt wird. Goffman beschreibt, dass Verwandte oder Lebenspartner_innen einander zum Teil gegenseitig an die Polizei verraten, weil sie ihrer Ansicht nach im Gefängnis sicherer sind als auf der Straße. Dies kann von der betroffenen Person, der es nach außen hin nicht möglich ist, einer Konfrontation offen auszuweichen, ohne ihre Reputation auf der Straße zu gefährden, insgeheim sogar erwünscht sein. Ein weiteres Beispiel ist, dass größere Geldbeträge, die zur Bewährung gezahlt wurden, länger als nötig in Bewährungsbüros belassen werden, weil das Geld dort als vor Diebstahl und Erpressung geschützt gilt. In Vierteln, in denen Arbeitsplätze selbst Mangelware sind, stellen die alltäglichen Beschränkungen, denen zu Gefängnisstrafen verurteilte, unter Bewährungsauflagen liegende oder polizeilich gesuchte Personen unterliegen, für andere wiederum ökono­mische Mög­lich­keiten dar. Parallel zum Bewährungs- und Strafvollzugssystem existiert außerdem ein damit verbundener informeller Dienstleistungsmarkt. Die dargebotenen Dienstleistungen reichen vom Drogenschmuggel in Gefängnisse über das Zurverfügungstellen ‚sauberen‘ Urins bis hin zum Verleih von Personalausweisen und offiziellen Dokumenten.

Indem Goffman aufzeigt, auf welche kreativen Arten und Weisen sich Bewohner_innen den Kontakt mit dem Strafvollzugssystem als Ressourcen für das Verfolgen persönlicher Interessen und Ziele aneignen, und zwar entgegen der eigentlichen Intention der Behörden, nimmt sie eine eher ungewöhnliche Forschungsperspektive ein und arbeitet Aspekte heraus, die in der bisherigen Forschung zum Alltag in benachteiligten Stadtquartieren bis­her wenig beachtet wurden. Die überwiegend schwarzen Bewohner_innen der untersuchten Stadtviertel erscheinen aus dieser Perspektive nicht als ohnmächtige Betroffene erschwerter Lebensbedingungen, sondern als handlungsmächtige Akteure, die es auch unter den skizzierten erschwerten Bedin­gungen verstehen, ihre eigenen Interessen zu verfolgen. Es stellt sich hier aller­dings die Frage, ob die Veröffentlichung von Goffmans Beobachtungen für die Beforschten negative Konsequenzen haben könnte, und wenn ja, welche. Hier fehlt leider eine kritische Reflexion ihrer Untersuchung und ihrer forschungsethischen Haltung.

In einem separaten Kapitel (Kapitel 7, Clean People, 163 ff.) weist Goffman ebenfalls darauf hin, dass in sogenannten marginalisierten Vierteln auch sogenannte Clean People leben, also Menschen, die trotz der vergleichsweise schwierigen Lebensumstände einem Leben mit Erwerbsarbeit und ohne Kriminalität und Gefängnis nachgehen. Diese Bewohner_innen werden im Diskurs um sogenannte marginalisierte bzw. sozial benachteiligte Stadt­vier­tel tendenziell vernachlässigt. Mit dieser differenzierenden Darstellung wirkt Goffman pauschalkriminalisierenden und viktimisierenden Stereotypen entgegen.

Goffman präsentiert in On the Run. Fugitive Life in an American City eine vielschichtige und detailreiche Analyse der Auswirkungen neoliberaler Sicherheitspolitik in sozial benachteiligten Stadtvierteln US-amerikanischer Großstädte. Dabei konzentriert sich ihre Perspektive im Wesentlichen auf das Vorgehen und Wirken von Polizei und Strafverfolgungsbehörden als staat­liche Exekutivorgane sowie den Umgang der Bewohner_innen damit. Andere gesellschaftliche Akteure und Institutionen und deren Rolle im Alltag sozial benachteiligter Stadtteile bleiben weitgehend außer Acht. Eine Erweiterung der Akteursperspektive erschiene hier vielversprechend. Auch eine Einordnung in breitere ökonomische und gesellschaftliche Strukturen und Prozesse, wie sie beispielsweise in den Arbeiten von Loïc Wacquant oder David Garland erfolgt, findet nicht statt.

Wenn Goffman resümierend zu dem Schluss kommt, das zeitgenössische „Schwarze Ghetto“ sei eines der letzten repressiven Regimes unserer Zeit, ein selektives Strafrechtsregime, welches innerhalb einer liberalen Demokratie operiere, die sich offiziell vom Rassismus distanziere, zugleich jedoch stetig wachsende Summen dafür ausgebe, in sozial benachteiligten, überwiegend von Schwarzen bewohnten Stadtvierteln ein Überwachungs- und Straf­system zu errichten und auszubauen (Goffman 2014: 204), dann ist dies keine neue Erkenntnis, sondern bestätigt zunächst einmal die üblichen Klischees zu sozial benachteiligten Stadtvierteln. Auch in diesem Zusammenhang wäre eine Bezugnahme auf vergleichbare aktuelle Entwicklungen wie etwa beim Grenzregime der Europäischen Union als ein weiteres Beispiel für ein „zeitgenössisches repressives Regime“ (ebd.) spannend gewesen.

Aus ethnografisch-methodologischer Sicht erscheint Goffmans Unter­suchung in verschiedenen Punkten unklar und nach wissenschaftlichen Kriterien fragwürdig. Was der erkenntnisleitende Anspruch ihrer Unter­suchung ist, bleibt offen. Vor diesem Hintergrund bleibt auch unklar, welche analytischen Setzungen und Fokussierungen Goffman im Verlauf ihrer Erhebung vornimmt. Eine nachvollziehbare systematische Darstellung ihrer ethnografischen Vorgehensweise sucht die wissenschaftlich informierte Leser_in vergeblich.

Erfreulich ist Goffmans selbstkritisches Resümee ihres Forschungs­pro­zes­ses am Schluss des Buches. Darin wird deutlich, dass sie im Verlauf ihrer Untersuchung zum Teil enge persönliche Beziehungen zu den von ihr beforschten Personen entwickelt hat. Im Zuge dessen beschreibt sie, dass sie kein besonderes Erkenntnisinteresse geleitet hätte, als sie zu einem ihrer Bekannten ins Auto stieg, der mit dem expliziten Ziel, den Mörder eines gemeinsamen Freundes zu finden und zu töten, durch die nächtlichen Straßen Philadelphias fuhr:

„Aber ich glaube nicht, dass ich zu Mike in das Auto gestiegen bin, um aus erster Hand etwas über Gewalt zu lernen oder um mich als loyal oder mutig zu beweisen. Ich stieg in das Auto, weil ich wie Mike und Reggie wollte, dass der Mörder von Chuck stirbt. […] Ich wollte einfach, dass er für das bezahlt, was er uns angetan hatte, für das, was er von uns genommen hat.“ (Goffman 2014: 260 f., Übersetzung P.G.)

Die an diesem Beispiel deutlich hervortretende Identifikation mit den von ihr beforschten Personen lässt darauf schließen, dass Goffman in ihrem außergewöhnlich langen Untersuchungszeitraum von sechs Jahren ein „going native“ nicht vermeiden konnte. Dies veranschaulicht, mit welchen persönlichen Herausforderungen sich Ethnograf_innen im Verlauf ihrer Feldforschungen konfrontiert sehen. Trotz dieser durchaus selbstkritischen Perspektive bezieht Goffman nicht systematisch Stellung zu ihrem Selbstverständnis und ihrer Rolle als Forscherin im Feld. Insgesamt bleibt unklar, auf welche Weise die zum Teil engen persönlichen Verhältnisse zu den von ihr beforschten Personen ihre Untersuchungsperspektive geprägt haben.

Neben diesen methodologischen Ungenauigkeiten erscheint Goffmans Unter­suchung auch unter empirisch-methodischen Kriterien an vielen Stellen intrans­parent. Es bleibt unklar, wann Goffman aus welchen forschungs­strategischen oder -pragmatischen Gründen mit welchen Erhebungs­­metho­den gearbeitet hat. Aus methodologischer Sicht wäre eine nachvollziehbare Aufbereitung ihrer Ergebnisse in Form von Zitaten, Interviews, subs­tanziel­len Feldnotizen und Beobachtungsprotokollen interessant gewesen. Vor diesem Hintergrund verwundert es auch nicht, dass sich zur Aus­wer­tungs­methode ihres empirischen Materials ebenfalls keine Hinweise finden lassen.

Aus wissenschaftlicher Perspektive entzieht sich Goffmans Buch basalen Kriterien des wissenschaftlichen Arbeitens. Als beispielhafte Heranführung an ethnografisch-empirisches Arbeiten ist ihre Untersuchung daher ungeeignet. Jedoch kann gerade die kritische Auseinandersetzung mit Goffmans metho­do­lo­gisch­er Vorgehensweise angehenden wie praktizierenden Ethno­graf_innen die spannende Möglichkeit bieten, sich mit zentralen Fragen des Fachs zu beschäftigen.

Goffmans On The Run. Fugitive Life in an American City bietet eine um­fassende Beschreibung der Auswirkungen von repressiver Polizei­prä­senz in Stadtvierteln, die als marginalisiert kategorisiert werden. Was ihre Untersuchung spannend macht, ist, dass sie dabei eine differen­zier­te Perspektive einnimmt. Indem Goffman einen Fokus auf alltägliche, widerständige Praxen und Aneignungsformen im Umgang mit Poli­zei und Strafverfolgungsbehörden in den Bewältigungsstrategien der Lebens­ver­hält­nisse in sozial benachteiligten Vierteln mit in den Blick nimmt, wirkt sie krimi­nali­sierenden und viktimisierenden Klischees und Annahmen über deren Bewohner_innen entgegen. Vor dem Hintergrund ihrer methodologisch-empirischen Ungenauigkeiten ist Goffmans Untersuchung allerdings eher im Feld des investigativen Journalismus zu verorten.

Autor_innen

Philippe Greif ist Soziologe und forscht zu Männlichkeitskonstruktionen von Jugendlichen in Pariser Banlieues.

phi.greif@googlemail.com

Literatur

Foucault, Michel (1993): Überwachen und Strafen. Über die Geburt des Gefängnisses. Frankfurt a. M.: Suhrkamp.

Garland, David (2008): Kultur der Kontrolle. Verbrechensbekämpfung und soziale Ordnung in der Gegenwart. Frankfurt a. M./New York: Campus-Verlag.

Goffman, Alice (2014): On The Run. Fugitive Life in an American City. Chicago. London: The University of Chicago Press.

Wacquant, Loïc (2008): Ghettos and anti-ghettos. An anatomy of the new urban poverty (1). In: Thesis Eleven 94, 113-118.

Wacquant, Loïc (2009): Bestrafen der Armen. Zur neuen Regierung der sozialen Unsicherheit. Opladen/Farmington Hills: Verlag Barbara Budrich.