Gefühle in der Friedrichstraße. Eine emotionshistorische Perspektive auf die Produktion eines Stadtraums, ca. 1870-1910

Joseph Ben Prestel

Der Wandel von großen Städten im 19. Jahrhundert veränderte deren Bewohner. Mit der zunehmenden Urbanisierung entstand der Typus des Großstadtmenschen.[1] Dies ist zumindest die These, die einige Historiker_innen in ihren Arbeiten zur Stadtgeschichte des 19. Jahrhunderts vertreten (Lenger 1999; Becker/Niedbalski 2011). Als Beispiel für diesen Prozess werden meistens die Geschichten einiger weniger Großstädte herangezogen. Für die Geschichte Berlins hat sich in diesem Zusammenhang vor allem Gottfried Korffs Konzept der „inneren Urbanisierung“ zu einem einflussreichen Paradigma entwickelt. Korff argumentiert, dass sich in Berlin zwischen Vormärz und Weimarer Republik eine spezifisch großstädtische „Mentalität“ entwickelt habe, zu der emotionale Eigenschaften wie Stolz und eine „routinisierte Form der Apathie“ gehörten (Korff 1985). Die große Anzahl von Arbeiten, die sich auf Korffs Ansatz beziehen, zeigen, wie außerordentlich innovativ und produktiv das Konzept der „inneren Urbanisierung“ in den letzten dreißig Jahren wirkte (Schlör 2005; Föllmer/Knoch 2006; Becker/Niedbalski 2011). Teile der jüngeren Forschung zur Stadtgeschichte schreiben damit einige der theoretischen Prämissen des Konzepts der „inneren Urbanisierung“ fort. Vor dem Hintergrund von Arbeiten zur Geschichte der Gefühle und des Selbst werden mittlerweile allerdings auch die Fallstricke eines solchen Ansatzes deutlich. Zunächst setzt der Ansatz der „inneren Urbanisierung“ das Subjekt und sein ‚Inneres‘ als immer schon gegeben voraus. Der Wandel des Stadtraums kann zwar Veränderungen des ‚Inneren‘ hervorbringen – wie dieses ‚Innere‘ in der Vorstellung der Zeitgenoss_innen jedoch aussieht und dass es überhaupt ein ‚Inneres‘ gibt, wird dabei nicht hinterfragt. Aussagen in den Quellen über Emotionen werden so eher fortgeschrieben denn auf den historischen Wandel der Beschreibung, Verortung oder gesellschaftlichen Bedeutung von Emotionen hin untersucht. Ebenso werden bestimmte Veränderungen mit dem Wandel des gesamten Stadtraums, zum Teil gar mit einem Idealtyp der ‚modernen Großstadt‘ an sich gleichgesetzt. Auch der Stadtraum wird somit als Ganzes, homogenes ‚Äußeres‘ vorausgesetzt, das sich dann in der Veränderung der Stadtbewohner abbildet.

In Abgrenzung zum Narrativ der „inneren Urbanisierung“ bietet der vorliegende Aufsatz eine andere Lesart der Veränderung von Stadträumen und deren Bewohner_innen in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Aufbauend auf Ansätzen der Emotionsgeschichte analysiert die folgende Untersuchung Praktiken, die mit Veränderungen von Gefühlen in der Gegend der Friedrichstraße zwischen etwa 1870 und 1910 verknüpft waren. Die Emotionsgeschichte bietet hier den Vorteil, dass sie nicht a priori ein bestimmtes Subjekt und sein ‚Inneres‘ voraussetzt, sondern dass die jeweils spezifischen Konstellationen des Innen und Außen anhand der beschriebenen emotionalen Praktiken sichtbar gemacht werden (Scheer 2012). Im Verständnis des vorliegenden Aufsatzes unterscheiden sich emotionale Praktiken von anderen Praktiken dadurch, dass sie in zeitgenössischen Quellen als eine Verbindung zwischen Körper, Geist und dem Sozialen beschrieben werden. Vor diesem Hintergrund muss eine Analyse dieser Praktiken immer auch mit einer Untersuchung von ‚Gefühlswissen‘ als einem historisch-spezifischen Wissen über Subjekte einhergehen (Frevert et al. 2011). Nicht zuletzt rückt durch diese Perspektive auf emotionale Praktiken auch der Raum stärker ins Blickfeld. Im vorliegenden Aufsatz werden Debatten über Gefühle als eine verschränkte Produktion von Räumen und Subjekten analysiert, die nicht automatisch für die gesamte Stadt angenommen werden kann. Vielmehr soll hier verdeutlicht werden, wie emotionale Praktiken zentrale Bestandteile der Hervorbringung ganz bestimmter Stadträume waren. In Anlehnung an Michel de Certeaus Raumtheorie gehe ich davon aus, dass gerade Praktiken den Raum vom Ort unterscheiden: „Insgesamt ist der Raum ein Ort, mit dem man etwas macht“ (de Certeau 1988: 219). So sind es, de Certeau zufolge, beispielsweise die Gehenden, welche die Straße in einen Raum verwandeln. Aufbauend auf de Certeau werde ich argumentieren, dass das produktive Zusammenspiel von emotionalen Praktiken und einem bestimmten Stadtraum in Berlin zu einer Vorstellung von urbanen Subjekten beitrug, die noch heute in der Forschung zur Stadtgeschichte nachwirkt.

Seit den 1870er Jahren veränderte sich die Gegend der Friedrichstraße zunehmend zu einem Vergnügungsviertel. Der erste Teil des vorliegenden Aufsatzes zeichnet diese Veränderungen nach und legt dabei einen Schwerpunkt auf den Wandel der Architektur und Infrastruktur dieses Stadtraumes. In diesem Zusammenhang, so das Argument, veränderten sich auch Praktiken des Gehens auf der Straße. Wie der zweite Teil des Aufsatzes zeigt, wurde das Gehen in der Friedrichstraße zunehmend als problematische Praktik, die ambivalente Emotionen erzeugt, beschrieben. Diese Darstellungen werden im dritten Teil des Aufsatzes in Verbindung mit zeitgenössischen Theorien von Überreizung und Nervosität gelesen. Dabei soll gezeigt werden, wie ein kontextspezifisches Wissen über Emotionen Beschreibungen des Gehens im Berliner Vergnügungsviertel beeinflusste und schließlich zu einem bestimmten Verständnis von Großstadtmenschen beitrug.

Gehen im Vergnügungsviertel

Schon 1868 beschrieb Ernst Bruch die Gegend der Friedrichstraße als eine „wahrhaft großstädtische Anlage“ (Bruch 1868: 66). Das Viertel, dessen Straßen bereits im siebzehnten Jahrhundert angelegt worden waren, wandelte sich ab den 1870er Jahren. Eine wichtige Zäsur war die Eröffnung des Bahnhofs Friedrichstraße 1882. Hier trafen die neugebaute Stadtbahn und der Fernverkehr der Eisenbahn zusammen, was den Bahnhof schnell zu einem wichtigen Verkehrsknotenpunkt werden ließ. Diese Bedeutung spiegelte sich im späten neunzehnten Jahrhundert in der Funktion der Gegend für den Tourismus in der deutschen Hauptstadt wider. Die Straßen zwischen dem Brandenburger Tor im Westen, der Oper im Osten, der Weidendammer Brücke im Norden und der Leipzigerstraße im Süden waren das unangefochtene Zentrum des Fremdenverkehrs in Berlin.

Die neue Infrastruktur trug auch zum Aufstieg der Gegend der Friedrichstraße zum Vergnügungsviertel der Stadt bei. Seit den 1870er Jahren siedelten sich in diesem Viertel zahlreiche Theater, Varietés, Restaurants und Bars an (Becker 2011). 1905 öffneten hier die ersten Kinos der Stadt (Haller 2011). Dank der Personenverkehrsverbindungen waren die Vergnügungsangebote in dieser Gegend vergleichsweise einfach für die Bewohner_innen anderer Teile Berlins zu erreichen. Die Verkehrsinfrastruktur spielte dabei nicht nur eine Rolle, indem sie Menschen in das Vergnügungsviertel brachte. Vielmehr wurde diese Infrastruktur auch Teil von Praktiken, die zur zeitgenössischen Faszination der Gegend beitrugen. Die Verteilung von Handzetteln und die Eröffnung der „Kaisergalerie“ zeigen, wie sich Vergnügen und Gehen in diesem Viertel vermischten. Polizeiberichte aus den 1870er Jahren schildern, wie die Gehwege der Friedrichstraße Raum für verschiedene kommerzielle Tätigkeiten wie den Verkauf von Theatertickets oder das Anbieten von Kleidern boten (Polizei-Präsidium Berlin 1882: 115). Auch Bar- und Restaurantbetreiber_innen nutzten die Gehwege für Werbezwecke. Eine zeitgenössische Darstellung des Berliner Nachtlebens beschreibt etwa, wie „freundliche Männer“ den Passant_innen in der Friedrichstraße „kleine Billette“ mit schlüpfriger Werbung für Bars und Nachtclubs in die Hand drücken. Um einen besseren Eindruck dieses Phänomens zu vermitteln, druckte der Autor der Beschreibung den Inhalt eines solchen Billets ab: „Sensationell! Der Bauchtanz ausgeführt von der schönen ‚Sophia‘ in den prachtvollen Bier- und Weinstuben zum ‚Verborgenen Veilchen‘. Krausenstr. 71, i. Tr. Verdi-Concert. Entree frei. Es ladet ein die junge Wirtin“ (Sartyr 1905: 64).

Der Autor der Beschreibung fügt an, dass Neugierige in dieser Bar kaum eine junge Wirtin auffinden würden. Ebenso würde „Sophia“ ihnen Bescheid geben, dass an „ähnliche Scherze“ wie den Bauchtanz nicht zu denken sei, wenn nicht eine Flasche Wein getrunken würde. Zeitgenössische Werbezettel zeigen, dass diese Beschreibung kaum überspitzt war. Mehrere Bars und Nachtclubs in der Gegend der Friedrichstraße wurden auf Handzetteln mit zweideutigen Slogans beworben. Der „Jockey-Club“ in der Dorotheenstraße 93 versprach, dass hier die „schönsten und schneidigsten Sportsdamen der Residenz“ bedienen. Die Bar „Geier Wally“ in der Zimmer Straße 22 warb mit dem Hinweis „Bedienung von Ausländerinnen“ (Thiel 1987).[2] Die Verteilung von Handzetteln auf der Friedrichstraße zeigt, wie sich mit dem wachsenden Vergnügungsangebot die Beziehung zwischen der Straße und den Passanten wandelte. Diese Werbemaßnahmen konnten nicht nur die Interaktionen zwischen Menschen vermehren, die auf der Straße liefen. Die Straße wurde auch Teil der Unterhaltungsindustrie in dem Viertel. Fern einer Dichotomie von Innenräumen und Außenräumen schwappte mit der Verteilung von Handzetteln die Unterhaltungsindustrie gewissermaßen auf die Straße. In der Darstellung des Nachtlebens von 1905 wurde somit der Handzettel selbst zum Teil der Unterhaltung, über den es sich zu berichten lohnte.

Ein weiterer Bestandteil der Verschränkung von Verkehr und Unterhaltung in der Gegend war eine Passage, welche die Friedrichstraße mit dem Boulevard Unter den Linden verband. Als die sogenannte „Kaisergalerie“ im März 1873 eröffnete, waren Zeitungsartikel voll des Lobes für das Gebäude. Außen war die Kaisergalerie mit einer aufwendigen Fassade in Anspielung an französische Architektur der Renaissance ausgestattet, die schnell zu einem beliebten Motiv von Postkarten wurde (Geist 1997). Das Innere der Kaisergalerie war mit Terrakotta-Reliefs und einem Glasdach ausgestaltet, welches die 128 Meter lange Passage überdachte. Ein Wiener Café, ein Wachsmuseum und etwa fünfzig Geschäfte trugen zur Pracht des Gebäudes bei. Sie schufen einen „mannigfaltigen Wechsel“, wie es die Vossische Zeitung beschrieb (Geist 1997: 38). Zwischen 1873 und 1914 konnte man in der Passage verschiedene Geschäfte wie Zigarren-, Süßwaren- und Buchhändler, sowie Friseure, Photographen, Juweliere oder Modeläden finden (Geist 1997). Die Geschäfte waren mit großen Glasfenstern ausgestattet, welche, sorgfältig dekoriert, schnell zum Kennzeichen der Passage wurden. Im Hinblick auf die Darstellung verschiedener Waren bemerkte der Berliner Architektenverein 1877, dass die Kaisergalerie die einzige Einrichtung in der Stadt sei, die an Kaufhäuser heranreiche, wie man sie in London oder Paris fände (Architektenverein 1877: 314).

Ein Text von 1874 beschreibt, wie trotz des prunkvollen Interieurs und dem Glasdach die meisten Besucher_innen „ihre Augen wohl weniger nach oben zu den herrlichen Ausschmückungen, die zu beschreiben einer eigenen Broschüre bedürfte, [richten, ] als nach den Seiten der Galerie, auf welchen eine Reihe von Magazinen, von denen eines immer reicher und eleganter ist, als das andere, die Schaulustigen anlockt“ (M.R. 1874). Zeitgenössischen Berichten zufolge verlangsamten die Schaufenster in der Passage somit das Schritttempo der Passanten und ließen sie mehr auf die Umgebung achten (vgl. auch Warneken 2010). Gleichzeitig war die Kaisergalerie nicht nur ein Zentrum des Konsums oder ein architektonischer Höhepunkt Berlins. Zeitgenoss_innen betonten auch ihre Bedeutung für den Fußgängerverkehr. Eine Zeitung wies 1873 darauf hin, dass die Passage darauf abzielte, die Zirkulation von Fußgänger_innen im Zentrum Berlins zu verbessern, da sie versprach „das schmale Trottoir der Friedrichstraße [...] von dem eingeengten Verkehr zu entlasten und dem täglich zunehmenden Menschenstrome, welcher sich vom Süden aus nach dem Brandenburger Thore bewegt, eine bedeutende und angenehme Abkürzung des Weges zu bieten“ (Geist 1997: 36). Die Passage kombinierte somit eine verbesserte Zirkulation des Fußgängerverkehrs mit Vergnügen. Ebenso wie die Handzettel, die in der Straße verteilt wurden, führt die Kaisergalerie vor Augen, dass das Passieren des Vergnügungsviertels um die Friedrichstraße nicht einfach eine Frage des schnellsten Weges von Punkt A nach Punkt B war. Viel eher machten diese Entwicklungen das Gehen innerhalb der Stadt zu einer Freizeitbeschäftigung.

Spazieren war spätestens seit der Spätaufklärung eine weitverbreitete Praktik im deutschen Bürgertum (König 1996). Zum Ende des 19. Jahrhunderts breitete sich diese Praktik auch vermehrt in der Arbeiterklasse aus (Warneken 2010). Reiseführer über Berlin zeigen, dass um die Jahrhundertwende auch der Spaziergang innerhalb der Stadt mehr Verbreitung fand. Während der 1860er und 1870er Jahre stellten Reiseführer Spaziergänge ausschließlich als das Gehen durch grüne, stille und wenig besuchte Orte, insbesondere Parks, dar. Da Berlin nicht viele solcher Räume bot, argumentierten Reiseführer, dass sich die preußische Hauptstadt nicht für diese Praktik eigne (Kapp 1869; Kiessling 1878). Seit den 1890er Jahren findet sich in mehreren Reiseführern ein Teil über „Spaziergänge durch Berlin“, der in die Vorschläge für Besucher der Stadt integriert wurde (o.V. 1890; o.V. 1910). Viele dieser Spaziergänge führten durch die Friedrichstraße. Bereits vor dem Entstehen der touristischen Praktik des Gehens durch die Stadt erwähnten Darstellungen der Friedrichstraße die große Anzahl von Fußgänger_innen in der Gegend. Eine Zeichnung von 1874 aus der Zeitschrift „Die Gartenlaube“ zeigt eine Gruppe von Menschen vor der Kaisergalerie. Im Vordergrund gehen Menschen auf dem Bürgersteig und der Straße. Der anschließende Artikel erklärt, dass sich besonders an Sonntagen eine große Menschenmenge am Eingang der Kaisergalerie versammle (M.R. 1874). Begriffe wie ‚bummeln‘, ‚flanieren‘ oder ‚spazieren‘, welche in diesem Artikel ebenso wie in anderen Beschreibungen benutzt wurden, qualifizierten die Praktik von Menschen, die auf der Friedrichstraße gingen, als Freizeitbeschäftigung (M. R. 1874; Hammer 1905; Edel 1908). Die Gegend wurde vor diesem Hintergrund zu einem berühmten Raum für Spaziergänge: „Von hier ab [Bahnhof Friedrichstraße] bis zur Behrenstrasse gewahrt man ein fast ununterbrochenes Gewoge geschäftiger oder flanierender Personen, von denen ein Teil, als angenehme Unterbrechung, die Kaiser-Galerie passiert“ (o.V. 1890: 78).

In mindestens vier Bänden der von Hans Ostwald nach der Jahrhundertwende herausgegebenen Reihe „Großstadtdokumente“ spielt die Gegend der Friedrichstraße eine wichtige Rolle (Hirschfeld 1904; Ostwald 1904; Hammer 1905; Sartyr 1905). Durch Ostwalds detaillierte Beschreibungen zeigen diese Texte, wie bestimmte Gefühle den „Reiz“ des Gehens durch die Friedrichstraße ausmachten. Ostwald präsentiert die Architektur der Gegend als wichtigen Aspekt, der Menschen anzog, etwa indem er beschreibt, wie „Fremde“ in Ehrfurcht oder „Verwunderung“ vor dem Prunk der Kaisergalerie und anderen berühmten Gebäuden stehen. Mehr als nur die gebaute Umgebung selbst ist es jedoch die Verbindung dieser Umgebung mit sozialen Praktiken, welche Ostwald und seine Mitautoren mit dem Ausdruck von Gefühlen verknüpfen. Ostwald schildert die Schaufenster der Gegend zum Beispiel als Orte romantischer Begegnungen zwischen homosexuellen Männern und das Gehen in der Passage als eine Aktivität für lässige Unterhaltungen zwischen Jungen und Mädchen (Ostwald 1904). Vor allem betont er die emotionalen Auswirkungen der Vermischung von Unterhaltungsindustrie und Prostitution in der Straße:

„Keine Berliner Straße dient so der Neugier, dem Laster und dem Bummel wie die Friedrichstraße. Alle anderen großen Straßen werden eilig durchlaufen. In allen rennt die Hast nach Gewinn. In der Friedrichstraße auch. Aber neben dieser Hast nach Gewinn jagt die Zeit nach Genuß. (…) Fremde, die erstaunt sind über die prall über den Hüften sitzenden Kleider, über die anlockenden Gesichter unter den verwegen aufgesetzten, oft so überladenen kleinen Hüten, unter deren einer Seite grelle Blumen hervorquellen. Manch Blick bleibt auf den bloßen Armen haften, manch anderer folgt einem glitzernden, engen Gürtel und zierlichen Stiefeletten.“ (Ostwald 1907)

Verwunderung, Neugier, Romantik, Genuss – Ostwald mobilisiert in seinen Beschreibungen eine mit Gefühlswörtern befrachtete Sprache. Er betont dabei, dass Prostitution in diesem Zusammenhang zentral war, da sie dazu beitrug, das Gehen auf der Friedrichstraße zu einer Praktik zu machen, die sich vom Gehen auf anderen Straßen der Stadt unterschied. Ostwald schreibt, dass Touristen, Diebe, Jugendliche, Polizisten und Geschäftsleute in die Gegend kommen würden, manche nur aus „Neugier“ und nicht darüber im Klaren, was um sie herum geschah. Ostwalds Texte schreiben somit der Figur des Eingeweihten eine wichtige Rolle zu. Es brauchte ein „geübtes Auge“, etwa um männliche Prostituierte vor einem Schaufenster zu erkennen. Andere Quellen über die Friedrichstraße betonten ebenfalls die Bedeutung der Initiation in die Aktivitäten auf der Straße. Ein Buch, in dem ein Autor seine Leser unter anderem auf eine Tour durch das Nachtleben der Gegend mitnimmt, trug beispielsweise den Titel Ich kenne Berlin (Edel 1908). Ein weiteres Buch über die Gegend der Friedrichstraße wurde mit dem Titel Führer durch das intime Berlin beworben (o. V. um 1910). Eine dritte Veröffentlichung mit dem Namen Berlin und die Berliner empfahl einen Spaziergang durch das Vergnügungsviertel mit den Worten „Die Friedrichstraße. Les affaires sont les affaires. Nachtleben schon bei Tag. Abwechslungsreichster Spaziergang. Richtiger ‚Bummel‘ genannt“ (o.V. 1905: 273).

Nicht zuletzt Autoren der Weimarer Republik wie Franz Hessel und Walter Benjamin haben später das Flanieren zum Teil ihrer Überlegungen zur Stadt gemacht. Besonders eindrücklich ist der Zusammenhang zwischen der Produktion von Räumen und dem Gehen schließlich von Michel De Certeau dargestellt worden (De Certeau 1988). Die Texte über die Friedrichstraße verdeutlichen in diesem Zusammenhang, wie das Gehen zur Entstehung des Vergnügungsviertels als Stadtraum beitrug. Dabei spielte die genaue Charakterisierung dieser Praktik eine zentrale Rolle. Gehen war nicht gleich gehen, wie das ausdifferenzierte zeitgenössische Vokabular von ‚bummeln‘, ‚flanieren‘ und ‚spazieren‘ nahe legt. Gefühlspraktiken, so mein Argument, trugen zu dieser Ausdifferenzierung bei. Die zeitgenössischen Darstellungen des Vergnügungsviertels zeigen, dass man das Gehen, Bummeln, Flanieren und Spazieren in der Friedrichstraße mit einer Vielzahl von Aktivitäten vom Theaterbesuch und Tourismus bis hin zu romantischen Treffen und Prostitution in Verbindung bringen konnte. In Hans Ostwalds Texten war es genau diese Vieldeutigkeit mit ihren Implikationen für Gefühle, die den ‚Reiz‘ dieser Praktiken in der Gegend der Friedrichstraße ausmachte. Ein Artikel aus der Gartenlaube von 1874 zeigt, wie der unterhaltende Charakter der Straße als positive Neuerung wahrgenommen wurde. Nach der Eröffnung der Kaisergalerie war in der Zeitschrift zu lesen: „Noch vor gar nicht so langer Zeit trugen die Straßen Berlins fast durchweg den Charakter tödlicher Nüchternheit und echtester Kleinstädterei“ (M. R. 1874: 781).

Gemischte Gefühle auf der Straße

Nicht immer wurden die Aufregung und der ‚Reiz‘, die seit den 1870er Jahren mit dem Gehen in der Friedrichstraße in Verbindung gebracht wurden, als positiv beschrieben. So ist in einem Reiseführer von 1890 zu lesen, dass sich in der Gegend „neben den Licht auch die Schattenseiten des Weltstadtbetriebs“ zeigen. „Die Lebewelt und ihr Anhang sind hier zu finden, weshalb Damen empfohlen sei, bei eintretender Dunkelheit nicht ohne Begleitung durch die Friedrichstraße zu gehen“ (o.V. 1910: 7). Ein anderer Beobachter sah die Auswirkungen der Prostitution unter anderem darin, dass „heute selbst am Tage kaum noch eine anständige Frau allein durch die Friedrichstraße zu gehen wagt, geschweige denn Nachts, wo jeder Lümmel sich berechtigt glaubt, sie ohne weiteres für vogelfrei halten zu dürfen“ (Sartyr 1905: 19). Solchen Warnungen zum Trotz gingen einige Frauen alleine durch die Friedrichstraße. Polizeiberichte zeigen, dass die Entwicklung der Gegend zu einem Vergnügungsviertel auch zahlreiche Frauen auf die Straße brachte, die nicht als Prostituierte tätig waren. Die Ausbreitung von Geschäften im Zusammenspiel mit der Integration von Frauen in den Arbeitsmarkt führte dazu, dass zahlreiche Frauen, wie etwa Verkäuferinnen und Näherinnen, in der Gegend unterwegs waren und auf dem Nachhauseweg zum Teil spätabends die Straße benutzten (o.V. 1872a; o.V. 1873b). Gleichzeitig spielten Frauen auch als Konsumentinnen eine Rolle, indem sie Theater und andere Vergnügungsangebote besuchten (Becker 2009). In der Gegend der Friedrichstraße waren somit um die Jahrhundertwende sowohl Frauen der Mittelschicht als auch Frauen der Unterschicht und Prostituierte anzutreffen.

Bis in die 1870er Jahre wurde unmoralisches Verhalten und kommerzieller Sex in Berlin vor allem als ein in Tanzlokalen, Weinkellern und Nachtcafés beheimatetes Phänomen dargestellt (Hitzer / Häusler 2010). Während Straßenprostitution bereits vorher existierte, wurde sie nicht als Hauptmerkmal des Gewerbes diskutiert. Zudem waren die Straßen, welche mit Prostitution in Verbindung gebracht wurden, wie etwa die Gasse Hinter der Königsmauer, als ‚unsittliche‘ Gegenden klar demarkiert. Parallel zur Veränderung des Stadtraumes seit den 1870er Jahren begannen Zeitgenoss_innen Prostitution verstärkt als Straßenphänomen zu beschreiben (Ostwald 1907). In Folge von Beschwerden über das öffentliche Auftreten von Prostitution in einigen Zeitungen der Stadt leitete die Polizei 1872 eine aggressive Kampagne gegen Frauen ein, die nach Eintritt der Dunkelheit alleine auf der Straße gingen (vgl. Dobler 2008). Die Berliner Gerichtszeitung stellte daraufhin fest, dass „nächtliche Spaziergänge“ für einzelne Frauen schwer geworden seien (o.V. 1872b). Auch zeitgenössische Statistiken deuten darauf hin, dass in dieser Zeit die Zahl von Frauen, die in Berlin auf der Straße festgenommen wurden, anstieg (Schwabe 1869: 275; Berliner Polizei-Präsidium 1882: 506). Wie Zeitungsberichte verdeutlichen, bezogen sich die Behörden dabei nicht immer auf ein eindeutiges Verständnis dessen, wer eine ‚Prostituierte‘ sei. Die Maßnahmen der Polizei konnten so eine große Unsicherheit unter Passant_innen hervorrufen.

In mindestens vier zwischen 1871 und 1873 dokumentierten Fällen gaben sich Männer als Polizisten in Zivil aus. So näherte sich der Maschinenbauer Friedrich Möhler an einem Abend im Herbst 1872 zwei Frauen in der Münzstraße. Möhler fragte, ob sie ihn und seinen Freund zu einem nahe gelegenen Weinkeller begleiten wollten. Als die Frauen sein Angebot ablehnten, behauptete Möhler plötzlich, dass er Polizist sei und bestand darauf, ihre Namen aufzuschreiben, bevor er sie gehen ließ (o.V. 1872c). In einem anderen Fall erpressten zwei Männer, von welchen einer einen gefälschten Ausweis der Sittenpolizei besaß, einen reisenden Kaufmann. Die Männer behaupteten, dass der Kaufmann einen von ihnen am Brandenburger Tor auf „unsittliche Weise“ berührt habe (o.V. 1871). Während diese Fälle die Probleme von Passant_innen veranschaulichen, zwischen echten Polizisten und Betrügern zu unterscheiden, hatte die Polizei selbst größte Probleme, Prostituierte von anderen Passant_innen zu trennen. Zeitungsberichte dokumentieren zahlreiche ‚Fehlgriffe.‘ Ein Fall im Februar 1873 brachte die Berliner Gerichtszeitung besonders in Rage. Dem Zeitungsbericht zufolge war eine junge, „anständige“ Frau um neun Uhr abends durch die Charlottenstraße, eine Parallelstraße der Friedrichstraße, gegangen. Plötzlich wurde sie von zwei Beamten der Sittenpolizei angehalten, die darauf bestanden, sie mit auf die Polizeiwache zu nehmen. Die Berliner Gerichtszeitung berichtete, dass die unschuldige Frau gegen elf Uhr abends schließlich von der Polizeiwache nach Hause geschickt wurde, wo sie „ohnmächtig zusammenbrach“ (o.V. 1873c). Nachdem sich die Frau beim Berliner Polizeipräsidenten beschwert hatte, druckte die Berliner Gerichtszeitung dessen Antwort ab:

„Euer Wohlgeboren benachrichtige ich auf die schriftliche Vorstellung und die persönliche Unterredung vom 7. dieses Monats hierdurch, daß nach den Angaben des Schutzmannes Marx Ihre Sitierung zur Wache des 38. Polizei-Reviers am 3. d. Mts. deshalb erfolgt ist, weil sie auffällig angekleidet, sich fortwährend rechts und links umgesehen und in verschiedene, der Controlle unterworfene Keller hinein geschaut hätten. – Ich habe ihre Sitierung für nicht gerechtfertigt erachten können“ (o.V. 1873d).

Wie dieser Fall zeigt, hielten Polizeibeamte in der Gegend um die Friedrichstraße nach Praktiken Ausschau, die sie mit Prostitution in Verbindung brachten. Manche dieser Praktiken waren jedoch auf den Straßen Berlins zu weit verbreiteten Phänomenen geworden. So ist in einem Bericht der Berliner Polizei von 1884 zu lesen, dass die „heutige Mode des Schminkens u. des Putzes“ es schwer mache, zwischen einer „Prostituierten“ und einer „anständigen Frauenperson“ zu unterscheiden (LAB A Pr. Br. Rep. 030 Nr. 16927). Dieser Polizeibericht wurde als Reaktion auf einen Artikel in der Staatsbürgerzeitung verfasst, der das mangelnde Einschreiten der Polizei in der Friedrichstraße kritisierte. Der Zeitungsartikel zitierte unter anderem einen Repräsentanten der protestantischen Kirche, der erklärte, dass es „den Ruf eines anständigen Mannes schon schädigen kann“, wenn er abends in der Kaisergalerie gesehen würde. Ein weiterer Geistlicher sagte aus, dass „schon viele […] einen Umweg machen, bloß um nicht die Friedrichstraße passiren zu müssen“ (o.V. 1884). Die Polizei reagierte auf die Vorwürfe mit dem Verweis, dass die Anwesenheit einzelner Frauen in dieser Gegend nicht mit Prostitution gleichzusetzen sei:

„Freilich treibt sich dort [in der Passage], sowie auch in der Friedrichstraße eine große Anzahl von Frauenpersonen zwecklos umher, vielleicht um Liebesabenteuer zu suchen. Diese Personen aber als Prostituierte zu identifizieren, ist doch wohl sehr gewagt. Es ist dies diejenige Klasse von Frauenpersonen, die ebenso frei leben wollen, wie die Männer u. ihre Zahl scheint sich in letzter Zeit allerdings nicht unerheblich vermehrt zu haben, was wohl den die Emanzipation der Frauen zum Hauptzweck habenden Agitationen der bekannten Frau Guillaume Schack und Genossinnen zurückzuführen [sic!] ist“ (LAB A Pr. Br. Rep. 030 Nr. 16927).

Mit diesem Hinweis bezog sich die Polizei auf Gertrude Guillaume-Schack, welche die Maßnahmen der Sittenpolizei öffentlich attackierte. In einer Publikation von 1881 kritisierte sie etwa, dass Frauen von den Kontrollen auf der Straße betroffen seien, ganz gleich ob es sich um Prostituierte handele oder nicht. Durch das System der Sittenpolizei sei es den Behörden möglich, über die „Ehre“, „Freiheit“ und den „Körper“ einer Frau zu bestimmen (Guillaume-Schack 1881).

Ein Fall von 1891 veranschaulicht die Mechanismen der Kontrolle von Frauen in der Gegend der Friedrichstraße. Im Sommer 1891 beschwerten sich Anwohner der Dessauerstraße, dass eine Nachbarin mit dem Namen Agnes Fischer sich in „auffallendem Anzuge“ am Fenster zeige und dabei Männern zuwinke. Die Sittenpolizei reagierte, indem sie Fischer an drei Tagen durch den Kriminalschutzmann Kranz observieren ließ. Kranz gab zu Protokoll, dass sich Agnes Fischer am 3. August in der „Friedrichstraße in recht auffälliger Weise bewegte, an Schaufenstern stehen blieb, um mit dort stehenden Herren anzuknüpfen, die Herren anlockte und ihnen nachsah.“ Am 11. August 1891 ergab sich eine längere Observation:

„Derselbe Schutzmann Kranz hat [...] beobachtet, wie sie auf einem ähnlichen Streifzuge an der Leipziger- und Friedrichstraßen-Ecke einen Herren etwa zehn bis fünfzehn Minuten lang festhielt und am Weitergehen verhinderte, so daß dieser sich gewaltsam von ihren Händen befreien mußte, wie sie an der Charlottenstraßen-Ecke wieder 10 Minuten stehen blieb und sich bei wiederholtem Passieren der Straßendämme die Röcke so hoch hob, daß die Beine bis ziemlich zum Knie sichtbar waren, auch durch ihren langsamen Gang und ihr Gebahren unwillige Äußerungen von Passanten hervorrief, wie sie demnächst von 7 1/2 Uhr bis 8 1/2 Uhr mit einem Herren in der Behrenstraße auf und ab ging, sich mit demselben am Opernhause (Kaisereinfahrt) küßte und drückte und von dort verscheucht mit demselben in das deutsche Sekthaus Mauerstraße 66/67 ging“ (LAB A Pr. Br. Rep 031-03 Nr. 2691).

Fischer wurde einige Tage später wieder von Polizisten beobachtet als sie durch die Leipzigerstraße, Friedrichstraße, Kaisergalerie, Unter den Linden und den Tiergarten ging. Die Polizisten behaupteten, dass Fischer ein „aufdringliches Verhalten“ gegenüber Männern gezeigt habe. Agnes Fischer wurde daraufhin verhaftet und unter „sittenpolizeiliche Kontrolle“ gestellt. Dies bedeutete, dass sie sich regelmäßig medizinischen Untersuchungen auf Syphilis und andere sexuelle übertragbare Krankheiten unterziehen musste. Darüber hinaus durfte sie sich nicht mehr an einer Reihe von Orten in der Stadt, wie einigen Parks, Theatern und der Friedrichstraße aufhalten. Agnes Fischer legte Beschwerde gegen diesen Verwaltungsakt ein. Sie argumentierte, dass sie nervös sei und ein Arzt ihr daher verschrieben habe, spazieren zu gehen. Sie gab zu, mit Männern geredet zu haben. Sie habe sich jedoch nie „auffällig verhalten“ oder Geschlechtsverkehr gehabt. Während das Verwaltungsgericht die Beschwerde zurückwies, wirft die Begründung ein Schlaglicht auf die Kontrolle von Frauen auf den Straßen Berlins. Das Verwaltungsgericht argumentierte, dass die bloße „geschlechtliche […] Hingabe an Männer“ noch keine „sittenpolizeiliche Kontrolle“ rechtfertige. Allerdings sei Fischers „höchst unzüchtiges“ Verhalten auf „öffentlichen Straßen“ Rechtfertigung genug für diese Maßnahme (LAB A Pr. Br. Rep 031-03 Nr. 2691). Zeitgenössische Statistiken zeigen, dass Fischers Fall keine Ausnahme war. Im Laufe des Jahres 1896 nahm die Polizei in Berlin 30,196 Frauen unter der Anschuldigung der ‚gewerbsmäßigen Unzucht‘ fest.[3] Von diesen Frauen waren 4,402 der Polizei nicht vorher bekannt und wurden mit einer Verwarnung entlassen. Dies bedeutet, dass 1896 im Durchschnitt täglich zwölf Frauen in Berlin festgenommen wurden, deren Stellung als Prostituierte nicht endgültig geklärt werden konnte (GPStA, 1. HA Rep. 77 Tit. 235a).

Die fortgesetzte Marginalisierung von Frauen, die alleine auf den Straßen Berlins gingen, brachte verschiedene Reaktionen hervor. Während der ersten Welle von Polizeimaßnahmen in den 1870er Jahren berichtete die Berliner Gerichtszeitung, dass „Prostituierte“ vermehrt in der Begleitung von „Ehrenmüttern“ – älteren Frauen, die ihrem Auftreten einen Schein von Anständigkeit verleihen sollten – auf der Straße gehen würden (o.V. 1873a). Neben solchen Versuchen von Frauen, die Polizeikontrollen zu unterlaufen, spiegeln zeitgenössische Quellen auch eine Sorge um die Auswirkungen der Maßnahmen der Sittenpolizei wider. Zeitungsartikel verdeutlichen, dass Zeitgenossen in ihren Einwänden gegen die polizeilichen Kontrollen diese häufig als Angriff auf die „weibliche Ehre“ beschrieben (GPStA, 1. HA Rep. 77 Tit. 235a). Ein weiteres Argument findet sich in der Berliner Gerichtszeitung, die im Februar 1873 betonte, dass die Kontrolle durch die Sittenpolizei einer „anständigen“ Frau „kalten Angstschweiß“ auf die Stirn trieb. Die Frau, so der Artikel weiter, habe geweint und „ängstliche Schreie“ ausgestoßen. Noch Tage später sei sie in „ihrer Ehre tief gekränkt“ und „nervös aufgeregt“ gewesen (o.V. 1873c). In einem anderen Fall argumentierte die gleiche Zeitung, dass ein Passant unter anderem aufgrund seiner „Aufregung“ zum Opfer von Betrügern wurde, die sich auf der Straße als Polizisten in Zivil ausgaben. Durch die „Aufregung“ habe das Opfer seine Fähigkeit zur „ruhigen Ueberlegung“ verloren und sei so auf den Betrug hereingefallen (o.V. 1873e). Im Gegensatz zu den Publikationen von Autoren wie Hans Ostwald deuten die Texte über die Kontrollen der Sittenpolizei somit auf negativ konnotierte Emotionen hin, die mit dem Gehen in der Friedrichstraße in Verbindung gebracht wurden. Trotz dieses Unterschieds taucht jedoch in beiden Textsorten eine Art von ‚Reiz‘ oder ‚Aufregung‘ als Merkmal der Gegend der Friedrichstraße auf.

Diese Darstellungen des Berliner Vergnügungsviertels machen deutlich, dass diese Gegend nicht einfach als ein Raum beschrieben wurde, der durch seine ‚reine‘ physische Materialität auf Stadtbewohner_innen wirkte. Stattdessen war es das Zusammenspiel von räumlichen Merkmalen wie der ‚Grandeur‘ der Kaisergalerie und spezifischen Praktiken, wie dem Gehen oder Blickwechsel zwischen Passanten, die diesen Raum zum Gegenstand zeitgenössischer Debatten machte. Doch nicht nur der äußere Stadtraum wurde hierbei diskursiv hervorgebracht. Verweise auf den Zusammenhang zwischen Gefühlen und den Gefahren der Gegend der Friedrichstraße machen auch deutlich, dass die Debatten um das Vergnügungsviertel an eine historisch spezifische Vorstellung von Subjekten geknüpft waren.

Gereizte Subjekte in der Großstadt

Nicht zufällig schrieb die Berliner Gerichtszeitung 1873, dass die Kontrolle durch die Sittenpolizei bei einer „anständigen“ Frau zu „nervöser Aufregung“ geführt hätte. Historiker haben an zahlreichen Beispielen gezeigt, dass Berliner_innen am Ende des 19. Jahrhunderts vor allem über den Topos der ‚Nervosität‘ das Wechselverhältnis zwischen der Großstadt und ihren Körpern konzeptualisierten (Radkau 1998; Killen 2006). Obwohl der Diskurs über Nerven keine kohärente Emotionstheorie bereitstellte, weist er doch auf ein bestimmtes Verständnis von Subjektivität hin, das zahlreiche Debatten über Gefühle in Berlin um 1900 prägte. So hat Joachim Radkau gezeigt, dass die Aktivitäten „nervöser“ Menschen oft als „von unkalkulierten Emotionen“ getriebene „Eskapaden“ galten (Radkau 1998: 14). Anson Rabinbach schreibt in diesem Zusammenhang, dass mehrere Autoren medizinischer Fachbücher eine Verbindung zwischen Nerven, erschöpften Körpern und einem Kontrollverlust über die „Leidenschaften“ herstellten. Nervöse Subjekte waren demzufolge von einer Kombination aus „a weakened state and unstable emotions“ (Rabinbach 1992: 154) gekennzeichnet. Vor diesem Hintergrund beeinflusste das Wissen über Nerven und den Energiehaushalt des Körpers das Sprechen über den emotionalen Einfluss der Großstadt auf ihre Bewohner_innen.

In Berlin wurde der Zusammenhang zwischen Veränderungen in der Stadt und deren Einfluss auf den Körper häufig in Form der ‚Überreizung‘ thematisiert. Um die Jahrhundertwende diskutierten verschiedene Autoren, ob die deutsche Hauptstadt die Nerven ihrer Bewohner_innen zu stark reize. Die Grundlinien dieser Debatte sind am deutlichsten in Albert Eulenburgs Schriften zu erkennen. Eulenburg publizierte unter anderem Artikel zur „nervösen Berlinerin“ oder der „Nervenhygiene in der Großstadt“ (Eulenburg 1902; Eulenburg 1910). Gemeinsam mit anderen Psychiatern und Ärzten wie zum Beispiel Albert Moll argumentierte Eulenburg gegen Darstellungen, die Berlin ausschließlich mit negativen Effekten für die Nerven in Verbindung brachten. Eulenburgs und Molls Betonung einer nuancierten Beschreibung der Stadt deutet darauf hin, dass um 1900 eine durchaus populäre Vorstellung von Berlin als einem Nährboden für Nervöse existierte (Eulenburg 1895; Eulenburg 1902; Moll 1902). In diesem intellektuellen Umfeld konnte der Direktor eines Naturheilbades in Berlin behaupten, dass „man wohl heute schon alle Großstädter mehr oder weniger als ‚Nervöse‘ bezeichnen kann“ (Canitz 1892: 4). Obgleich Eulenburg einer solchen allgemeinen Kritik an der Großstadt eine Absage erteilte, argumentierte er, dass bestimmte für Berlin spezifische Aktivitäten die Nerven zu sehr reizen würden. Mit Verkehr und Vergnügen spielten zwei Hauptmerkmale der Gegend der Friedrichstraße eine wichtige Rolle in diesem Argument. Eulenburg zufolge war der Straßenverkehr das „frappanteste“ und „einleuchtendste“ Beispiel für den Einfluss der Großstadt auf die Nerven ihrer Bewohner. „Verkehrsstraßen“ und „belebte Plätze“ mit ihren „Verkehrsschwierigkeiten“, „Hemmnissen“ und „Gefahren“ konnten zu Nervosität führen. Nachdem sie mit dieser anstrengenden Umgebung konfrontiert wurden, so Eulenburg, sollten sich Großstädter ausruhen. Stattdessen würden sie jedoch ihre Nerven weiter durch Alkohol, Tanzen und Prostitution reizen (Eulenburg 1902).

Weitere Veröffentlichungen verdeutlichen, dass auch andere Zeitgenossen Verkehr und Vergnügen als zwei Hauptursachen für die Auswirkung Berlins auf die Nerven seiner Bewohner_innen ansahen. Die „Hetze“, der „Lärm“ und das „ewig wechselnde Straßenbild“ wurden in mehreren Texten als Ursachen eine Überreizung von Nerven beschrieben (Gerling 1902; Hellpach 1907; Bandis 1911; Morat 2013). Obgleich Gefühle nicht im Zentrum dieser Texte stehen, spielen sie aufgrund ihrer Verbindung zu Nervenaktivität eine Rolle. Willy Hellpach zum Beispiel erklärte „Hasten und Treiben“ im Zusammenspiel mit einem beschleunigten „Gefühlswechsel“ zu einer Ursache von Nervosität (Hellpach 1902: 102). In seiner Kritik an der „Vergnügungssucht“ von Großstädter_innen deutete der Direktor des Naturheilbades auch auf die Verbindung zwischen Gefühlen, der Reizung von Nerven und Ermüdung hin:

„Anstatt, daß der Abends von seiner anstrengenden Berufsthätigkeit müde, nervenangespannte Fabrikant und Kaufmann, der noch außerdem durch allerhand unangenehmer, geschäftlicher Vorkommnisse mißmuthig, ärgerlich, voll böser Laune ist, es sich zu Hause im Kreise seiner Familie bequem machen sollte, sich nach gethaner Arbeit ausruhen oder im Freien durch Spaziergänge erholen sollte, thut er gerade das Gegentheil. Er will seine böse Laune, seinen geschäftlichen Verdruß durch Vergnügen verscheuchen […]. Daß bei diesem genußsüchtigen, nervenaufreibenden Treiben von einer Erholung, einem Ausruhen des müden Körpers nicht die Rede sein kann, ist klar ersichtlich“ (Canitz 1892: 10f.).

Der Fokus auf Verkehr und Vergnügen zeigt, dass die Gegend der Friedrichstraße leicht mit der Erzeugung eines gefährlichen Reizes oder einer gefährlichen Aufregung durch Gefühle in Verbindung gebracht werden konnte. Während die Straße nicht explizit in den medizinischen Texten über Nervosität auftauchte, vermittelte das Verständnis von Nervenaktivität und Überreizung eine einflussreiche Vorstellung der Auswirkung der Straßen Berlins auf den Körper. Wie mehrere Historiker festgestellt haben, wurden die Argumente in diesem Zusammenhang nicht nur von Ärzten oder Psychiatern formuliert (Radkau 1998; Killen 2006). Ganz verschiedene Einwohner_innen Berlins erklärten, dass das Leben in der Stadt sich auf ihre Nerven auswirkte. Durch Patientenberichte waren wissenschaftliche Texte wiederum zum Teil von diesen Argumenten geprägt. Ärzte und Psychiater trugen schließlich mit ihren Publikationen zur weiteren Popularisierung dieses Diskurses bei. Am Ende des 19. Jahrhunderts konnten Berliner in zahlreichen kleinen Büchern und Broschüren, von denen einige nicht mehr als 75 Pfennig kosteten, über Nervosität lesen. Vor dem Hintergrund, dass ein Arbeiterhaushalt 1903 etwa 65 bis 100 Mark im Monat einnahm, war diese Literatur für Berliner unterschiedlicher sozialer Schichten zumindest prinzipiell erschwinglich (Haupt 2009). Ärzte, Psychologen und Psychiater publizierten auch in verschiedenen populären Zeitschriften wie Die Gartenlaube, Die Woche oder Die Zukunft Artikel über Nervosität (Eulenburg 1896; Eulenburg 1902; Dornblüth 1898). Nicht zuletzt war der Nervendiskurs um 1900 auch in nichtmedizinischen Texten über die Stadt, wie Georg Simmels Die Großstädte und das Geistesleben, präsent (Simmel 2005; Frisby 2001).

Anstatt als zeitlose Zeugnisse des ‚Einflusses‘ der ‚modernen Großstadt‘ auf ihre Bewohner müssen diese Texte somit auch als Teil historisch-spezifischer Subjekttheorien gelesen werden. Gerade die Vorstellung einer gefährlichen Überreizung durch Verkehr oder Vergnügen war dabei eng an den Aufstieg der Physiologie und der Thermodynamik in der Mitte des 19. Jahrhunderts gebunden. 1847 hatte der deutsche Physiker Hermann von Helmholtz versucht zu zeigen, dass die Naturkräfte Teil einer einzigen, universalen Kraft sind, der weder etwas hinzugefügt noch etwas verloren gehen kann (Rabinbach 1992: 3). In den 1850er und 1860er Jahren entwickelte sein Kollege Rudolf Clausius dieses Argument weiter, indem er erklärte, dass bei der Konvertierung zwischen Energieformen etwas von dieser Kraft verloren gehen konnte. Für das Verständnis des menschlichen Körpers in der Medizin waren die Theorien von Clausius und Helmholtz äußerst einflussreich. Die beiden Sätze der Thermodynamik schienen nicht nur zu zeigen, dass eine universale Energie alle menschlichen Körper antreibt, sondern auch, dass diese Energie sich in einem beständigen Niedergang befindet, da sie immer wieder konvertiert werden muss. Ermüdung wurde vor diesem Hintergrund als natürliche Grenze der Arbeitskraft des Körpers verstanden, woraus sich die Notwendigkeit eines „Haushaltens“ mit menschlicher Energie ergab (Rabinbach 1992). Ebenfalls in der zweiten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts begannen Physiologen Nerven als zentralen Bestandteil des Körpers aufzufassen, der Energie benötigte. Nerven wurden häufig mit einem Telegraphennetzwerk verglichen, durch welches die verschiedenen Organe mit dem Gehirn kommunizierten. Wie der Telegraph benötigten Nerven in diesem Bild Energie, um ihre Nachrichten im Körper richtig zu versenden (Radkau 1998; Killen 2006; Sarasin 2001).

Die Verbindung zwischen Nerven und Energie bedeutete, dass nicht nur Fabrikarbeiter, deren Muskeln nach langen Arbeitstagen erschöpft sein konnten, mit ihrer Energie haushalten sollten. Ermüdung konnte auch für Mitglieder des Berliner Bürgertums zum Problem werden, wenn sie zu viel Energie aufbrauchten, beispielsweise am Schreibtisch. Zeitgenössische medizinische Texte beschrieben vor diesem Hintergrund ein Übermaß an Denken und Fühlen als eine Belastung des Energiehaushalts. Gefühle blieben in diesen Theorien eine Art von Black Box. Ohne den genauen Vorgang zu beschreiben, gingen Ärzte und Physiologen davon aus, dass Gefühle Energie im Körper verbrauchen. In einer populären Abhandlung über Ermüdung, die 1892 in ihrer deutschen Übersetzung erschien, schrieb der italienische Physiologe Angelo Mosso: „So sind wir überzeugt, dass sich zur Erzeugung eines Gedankens, einer Empfindung, einer Gemüthsbewegung eine Umsetzung der Energie vollziehen muss.“ Wobei er gleich darauf hinzufügte: „Wir können aber noch nicht den greifbaren Beweis dafür erbringen“ (Mosso 1892: 209). Obwohl der genaue Zusammenhang damit unbegründet blieb, wurde ein Zuviel an Emotionen als Gefahr für den Energiehaushalt des Körpers verstanden. In ihren Darstellungen von Nervosität betonten Ärzte immer wieder, dass „starke“ oder „tiefe“ „Bewegungen“ oder „Erregungen“ des „Gemüts“, wie Trauer, Wut oder Angst eine wichtige Rolle bei der Entwicklung dieser Krankheit spielten (Canitz 1892; Nagel 1899; Peters 1906; Bandis 1911). In den Worten des Psychologen Willy Hellpach erzeugte eine dauerhafte Erregung von Emotionen einen pathologischen Zustand, in dem die Tätigkeit der Nerven nicht mehr zur Ruhe kam (Hellpach 1906: 26).

Medizinische Texte brachten vor diesem Hintergrund ein Zuviel an Emotionen mit dem Phänomenen der ‚Überreizung‘ in Verbindung. Bereits vor dem späten neunzehnten Jahrhundert wurden bestimmte Räume in Berlin, wie etwa Tanzlokale, als Ursache von Überreizung beschrieben. Das Konzept der Überreizung veränderte sich jedoch unter dem Eindruck der Debatte um Ermüdung, indem es nun verstärkt als Ursache einer dauerhaften materiellen Veränderung des Körpers betrachtet wurde, die durch bestimmte Praktiken entstand. So war in einem populären Buch über Nervosität etwa zu lesen, dass Überreizung zu einer Veränderung des „Nervenmarks“ führe (Peters 1906: 4). Häufig wurde Überreizung als Ursache von ‚reizbarer Schwäche‘ genannt. Albert Eulenburg zufolge entstand reizbare Schwäche in der dauerhaften Reizung von Nerven, welche zu deren Ermüdung führte. Durch diesen Mangel an Energie würden die Nerven nicht nur schwächer, sondern auch noch empfänglicher für weitere Reize. Reizbare Schwäche wurde so als eine Art Teufelskreis beschrieben (Eulenburg 1895). Darstellungen von Patient_innen in medizinischen Veröffentlichungen zeichneten eine Verbindung zwischen diesem Effekt der Überreizung und Gefühlen. Hier wurde regelmäßig beschrieben, dass nervöse Subjekte in einem Moment eine gewisse Gleichgültigkeit und in einem anderen Moment extreme Emotionalität zeigen konnten. Diese Patient_innen spiegelten damit die paradoxe Kombination von Schwäche und Reizbarkeit wider, die durch überreizte Nerven entstand. Dabei wurden die Patienten auch als noch empfänglicher für Emotionen beschrieben (Hellpach 1906).

Obwohl der Diskurs von Überreizung und Nervosität eine gemeinsame Sprache bereitstellte, um über die Auswirkungen der Großstadt auf Subjekte zu sprechen, diffundierte die Assoziierung von Straßen, Aufregung durch Gefühle und überreizte Großstadtmenschen nicht einfach von medizinischen Texten in ein populäres Wissen. Als Agnes Fischer 1891 für ‚gewerbsmäßige Unzucht‘ in der Gegend der Friedrichstraße festgenommen wurde, hielt sie es für eine plausible Antwort, der Polizei zu sagen, dass ein Arzt ihr geraten habe, auf diesen Straßen zu gehen, um ihre Nervosität zu bekämpfen (LAB A Pr. Br. Rep 031-03 Nr. 2691). Ihre Aussage widersprach damit dem Großteil der wissenschaftlichen Literatur über Nerven und Aufregung, welcher die negativen Auswirkungen von Straßenverkehr und Vergnügen auf die Bewohner_innen Berlins betonte. Agnes Fischer nutzte das Wissen über Nerven in einer Weise, die von Ärzten und Psychiatern kaum intendiert war. In einem aufschlussreichen Aufsatz hat Susan Buck-Morss das im Berlin des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts mit Prostituierten assoziierte ‚Bummeln‘ als eine Handlung des Widerstands gegen Imperative eines kapitalistischen System gelesen (Buck-Morss 1986). In Anlehnung an Buck-Morss lässt sich auch der Einspruch von Agnes Fischer gegen die Maßnahmen der Sittenpolizei als eine Art des Widerstands verstehen. Aus dieser Perspektive zeigen ihre Aussagen nicht etwa ein falsches Verständnis des Zusammenhangs von Stadtraum, Gefühlen und Nervositätsdiskurs. Vielmehr dienen sie als Warnung vor einer homogenisierenden Darstellung, in der die Beschreibung einiger Akteure zu der ‚Erfahrung‘ des Stadtraums schlechthin erhoben wird.

Schluss

Häufig wird im Zusammenhang des Ansatzes der ‚inneren Urbanisierung‘ auf Georg Simmels Beobachtungen in Die Großstädte und das Geistesleben verwiesen. Simmels Text weist eine Affinität zu diesem Ansatz auf, da er die Lebensbedingungen in großen Städten am Ende des neunzehnten Jahrhunderts als „psychologische Grundlage“ (Simmel 2005) einer großstädtischen Subjektform beschreibt. Aus dieser Perspektive ist die historisch-spezifische Vorstellung des ‚Psychologischen‘ ebenso wenig Teil der Untersuchung wie das Problem der Verallgemeinerung von Aussagen zu ganz bestimmten Räumen in der Stadt. Stattdessen wird häufig von einem spezifischen Kontext auf ein großstädtisches Subjekt ‚an sich‘ geschlossen. Auf diese Weise wird eine Variante des universalen „Menschen der Moderne“ reproduziert (Cooper 2005: 148). Zwar wird dieser Mensch oft, wie etwa bei Simmel, als höchst ‚individuell‘ beschrieben. Die historische Hervorbringung bestimmter Subjektformen durch ein Konzept wie ‚Individualität‘ selbst wird dabei jedoch kaum hinterfragt (Föllmer 2013). Ein emotionsgeschichtlicher Ansatz kann hingegen gerade das Zusammenspiel von Subjektivierung und der Produktion bestimmter Stadträume untersuchen und somit andere Schwerpunkte setzten, die Vielfalt, Widersprüche und die Historizität von Subjektformen in den Vordergrund rücken.

Die verschiedenen emotionalen Praktiken in der Gegend um die Friedrichstraße im späten neunzehnten Jahrhundert zeigen, wie gerade das Ineinandergreifen von Vorstellungen von Subjekten und einem bestimmten Stadtraum zu Konflikten führen konnte. So wurde das neue Vergnügungsviertel mit ganz verschiedenen Gefühlen in Verbindung gebracht. Büchern, Zeitungsberichten, Polizei- und Gerichtsakten zufolge konnten Zeitgenoss_innen das Gehen in der Gegend mit Scham, Neugier, Angst, Wut, Ekel oder Liebe assoziieren. Die Bezüge auf diese ganz unterschiedlichen Emotionen kamen in der Beobachtung der dadurch hervorgerufenen ‚Aufregung‘ oder des ‚Reizes‘ zusammen. Hier zeigt sich, dass Beobachtungen über Gefühle in Berlin am Ende des neunzehnten Jahrhunderts oft von einem Sprechen über Nerven beeinflusst waren. Das Verständnis von ‚Überreizung‘ etwa durch einen beschleunigten ‚Gefühlswechsel‘ oder durch ‚nervöse Aufregung‘ aus Angst vor der Sittenpolizei gibt somit nicht Aufschluss über eine ‚unmittelbare‘ körperliche Erfahrung ‚des‘ Stadtraums. Diese Aussagen sind vielmehr Zeugnisse eines historisch spezifischen Wissens über Subjekte, deren Körper und Gefühle (Scott 1991). Ebenso ging es bei den Aussagen über die Gegend der Friedrichstraße um einen räumlich spezifischen Kontext, ja sogar um die Hervorbringung dieses Stadtraums. Zwar übertrugen Zeitgenoss_innen selbst häufig ihre Beobachtungen aus dem Vergnügungsviertel auf ganz Berlin – Martin Heidegger etwa schrieb 1918 an seine Frau Elfride: „der Charakter der Friedrichstraße hat auf die ganze Stadt abgefärbt“ (Heidegger 2005: 72). Doch trotz dieser Dominanz bestimmter Räume in der Beschreibung von Städten lohnt es sich, auf die Spezifik und Dynamik des räumlichen Kontexts zu achten. So unterscheiden sich zeitgenössische Aussagen über Gefühlen in der Gegend der Friedrichstraße deutlich von Beschreibungen anderer Räume, wie etwa dem Berliner Vorort Westend – der nicht zuletzt Wohnort Georg Simmels zum Zeitpunkt der Veröffentlichung von Die Großstädte und das Geistesleben war (Zöbel 2008). Im Gegensatz zum Berliner Zentrum entwickelte sich dieser grüne Vorort jedoch gerade nicht zur Blaupause einer vermeintlich allgemeinen Großstadterfahrung im 20. Jahrhundert.

Endnoten

Autor_innen

Joseph Ben Prestel ist Geschichtswissenschaftler. Seine Arbeitsschwerpunkte sind die Geschichte Europas und des Nahen Ostens, Globalgeschichte des 19. und 20. Jahrhunderts, Emotionsgeschichte sowie Sozialgeschichte.

joseph.prestel@fu-berlin.de

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