Ich danke meinen deutschen Kolleg_innen für ihre kurzfristige Bereitschaft, sich mit den vielfältigen epistemologischen, theoretischen und empirischen Fragen auseinanderzusetzen, die mein Vorschlag zur „Urbanisierung Bourdieus“ (Wacquant 2017a), d. h. der Anwendung seiner charakteristischen Denkweise in Untersuchungen der Stadt sowohl als urbs wie auch als civitas (Isin 2003), aufgeworfen hat. Ich gehe auf ihre Anmerkungen der Reihe nach ein – widerspreche ihnen, modifiziere oder bestärke sie, je nachdem –, dies aber stets in der Absicht, meine Argumente klarer herauszuarbeiten und ihre Implikationen für die Stadtsoziologie aufzuzeigen.

Katharina Manderscheid (2017) hat recht, wenn sie den übermäßigen Einfluss des Kapitels „Ortseffekte“ aus Das Elend der Welt (La misère du monde) in der deutschen Sozialwissenschaft hervorhebt (Bourdieu et al. 1997 [1993]); dieselbe kurzsichtige Fokussierung auf diesen einen Text findet sich auch unter den französisch-, spanisch- und englischsprachigen Kolleg_innen. Das liegt daran, dass es sich im einzigen Buch aus dem Spätwerk Bourdieus findet, das sich vordergründig mit einer städtischen Thematik beschäftigt, nämlich mit der Struktur und Erfahrung sozialen Leids in der Stadt. Dieser ausschließliche Fokus offenbart eine naive Akzeptanz der von den Eliten konstruierten Lesart des Urbanen als Oberbegriff für die lästigen ‚sozialen Probleme‘ in und mit der Großstadt – eine Lesart, die von den Sozialwissenschaften viel zu häufig bestätigt statt infrage gestellt wird. Eine Rückbesinnung auf Bourdieus frühe Arbeiten zu vordergründig ländlichen Themen hilft uns, diesen elementaren Fehler bei der Konstruktion des Objekts zu vermeiden. Tatsächlich laden uns diese frühen Arbeiten ein, uns die Stadt aus der Perspektive des ländlichen Raums zu vergegenwärtigen, und kehren damit die übliche Optik der Stadtsoziologie um, welche das ‚Urbane‘ als gegeben hinnimmt und viel zu häufig unausgereifte, aus alltagsweltlichen oder administrativen Konstrukten abgeleitete Vorstellungen zum Ausgangspunkt nimmt.

Die Lehre, die es hier aus zu ziehen gilt, ist nicht nur, dass wir Bachelards Forderung nach einem erkenntnistheoretischen Bruch beherzigen sollten; vielmehr sollten wir bestrebt sein, eine größere Bandbreite von Bourdieus Schriften – wenn nicht gar das komplette Spektrum seiner wichtigen Forschungen – zu berücksichtigen, wenn wir uns zur analytischen Orientierung auf ihn berufen. Dafür empfiehlt es sich, in sein Werk auch jenseits der Buchdeckel einzudringen: Es ist merkwürdig, dass Stadtforscher_innen seinen Band Les structures sociales de l’économie (Bourdieu 2000) nicht aufgegriffen haben, wo dieser doch ein theoretisches Modell und eine akribische empirische Analyse der politischen Herstellung des Wohnungsmarktes enthält – und welches Thema könnte schließlich für die Stadtsoziologie zentraler sein als das Wohnen (für ein Korrektiv siehe Desmond 2017)? Die beherzte Leserschaft wird sich noch weiter vorwagen und weitere von Bourdieu inspirierte herausragende Werke der Stadtforschung einbeziehen, darunter etwa die vielen Bücher von Michel und Monique Pinçon, die vor 30 Jahren bei der Anwendung des Modells der feinen Unterschiede auf die physische Gestalt von Paris und seiner Nobelviertel wahre Pionierarbeit geleistet haben (z. B. Pinçon und Pinçon 1989 und 1992), aber auch die von Bourdieu konzipierte und angeleitete Feldstudie, die Grundlage des erstklassigen Artikels Spatial propinquity and social distance: Large housing estates and their populations von Jean-Claude Chamboredon und Madeleine Lemaire (1970) war. Die Untersuchung wurde in Antony durchgeführt, einer kommunistisch regierten Kleinstadt im Süden von Paris, in der Bourdieu damals wohnte und die seinen Planungen zufolge in ein „lebendes Labor“ für die weitgespannten Forschungen des von ihm gerade gegründeten Centre de sociologie européenne verwandelt werden sollte (Pasquali 2012).

Unterstützen möchte ich Manderscheid in ihrer Aufforderung, die Mikrostrukturen sozialräumlicher Segregation und Vermeidung zu untersuchen, die durch die traditionellen demografischen Makroindikatoren wie den residentiellen Dissimilaritätsindex nur unzureichend erfasst werden. Zu Beginn dieses Jahrhunderts sind die Wohlhabenden und Mächtigen, einschließlich ihrer Familien und Unternehmen, zunehmend in der Lage, durch organisierte Selbstabgrenzung an der Spitze des physischen und sozialen Raumes exklusive Orte zu schaffen, die eine hohe Dichte an mannigfaltigem Kapital und eine ihnen vorbehaltene Versorgungsinfrastruktur aufweisen (Wacquant 2010a). Sie sind zudem in der Lage, sich örtliche Vielfalt zunutze zu machen und sogar eine fiktive Ortlosigkeit zu fabrizieren, um bspw. Steuern oder Strafverfolgung zu entgehen (Pinçon und Pinçon [2017] zeigen, wie die soziale Herrschaft des Pariser Großbürgertums durch seine doppelte räumliche Verwurzelung in den exklusiven Vierteln des Pariser Westens und auf Landsitzen in den Provinzen gestärkt wird). Demgegenüber sind die Bevölkerungsschichten am unteren Ende der sozialen Ordnung, denen es an Eigentum und Wertschätzung mangelt, zunehmend in stigmatisierten Wohnanlagen eingesperrt (siehe z. B. Keller 2005, McKenzie 2015) oder buchstäblich ortlos, wie im Falle der Obdachlosen, die zwischen Straße, Unterkünften und prekärem Wohnraum zirkulieren oder Lager errichten, deren schiere Sichtbarkeit sie zum Ziel von steuernden oder strafenden Interventionen der Kommunen macht (siehe z. B. Herring 2014 und Jackson 2015). Die Menschen an der Spitze der Sozialordnung gestalten sowohl die materielle Realität als auch das Image ihres Ortes in der Stadt, während jene am unteren Ende zusehen müssen, wie ihr Raum und Ort weitestgehend durch externe Kräfte für sie bestimmt wird. Bourdieu kann uns dabei helfen, die feinen Unterschiede der sozialräumlichen Differenzierung und Herrschaft auf diesen multiplen Ebenen auszuleuchten.

Entgegen Boike Rehbeins (2017) Interpretation meiner Argumentation, stimme ich ihm zu, dass Bourdieu im Kern ein Herrschaftssoziologe ist. Er ist in der Tat der Soziologe der Herrschaft – der sogar Max Weber als Inhaber dieses Titels abgelöst hat – insoweit als dass das originellste Konzept im Epizentrum seines Werkes das der symbolischen Macht ist als wirkmächtiger Bezeichnung und folgenreicher Klassifizierung mit der Fähigkeit, die soziale Welt durch die Gestaltung ihrer Repräsentation zu formen, zu verändern oder zu erhalten. Bourdieus Herrschaftssoziologie ist zudem notwendigerweise eine Kritik daran, insofern als sie selbstverständlich die versteckten Mechanismen der Herrschaft aufdeckt (dieses Argument habe ich in einer Vielzahl von Veröffentlichungen entwickelt, die sich sowohl an neue als auch an erfahrene Bourdieu-Leser_innen richten [siehe z. B. Wacquant 2005, 2008a, 2013, 2014 und 2017b]).

Ich stimme ferner Rehbein zu, dass es so etwas wie „räumliches Kapital“ schlichtweg nicht gibt, außer als den historischen oder geografischen Niederschlag anderer grundlegender Arten von Kapital, sei es ökonomisches, politisches oder symbolisches (mythisches, religiöses, rechtliches usw.). Das Versäumnis, diese sich an bestimmten physischen Orten kumulierenden Effekte des Kapitals zu erkennen, bedeutet einer Variante des räumlichen Fetischismus zu verfallen, nämlich, dem Raum Eigenschaften zuzuschreiben, die ihm durch andere Ausstattungen zugefallen sind. Wenn es eine Grundform des Kapitals gibt, die in Bourdieus häufig zitiertem, aber oft auch durcheinandergebrachtem Katalog fehlt, dann ist es nicht Raum, sondern physische Gewalt, die vom Aggressionspotenzial eines bestimmten Individuums bis hin zum organisierten und legitimierten staatlichen Gewaltmonopol reichen kann – aber dieses Thema gehört in eine andere Debatte.

Dies mindert jedoch nicht die Bedeutung der topologischen Denkweise, die Leibniz mit Durkheim verbindet, und diese Denkweise ist ausdrücklich nicht auf eine direkte Entsprechung der symbolischen, sozialen und physischen Ebenen beschränkt – ganz im Gegenteil. Bourdieu schlägt weder eine abstrakte Raumsoziologie vor, noch eine Wissenschaft, bei der es lediglich um die Verortung von Objekten, Akteuren, Ressourcen und Aktivitäten gemäß ihren geografischen Koordinaten geht (wie bei Logan 2012). Er bietet vielmehr eine konzeptionelle Triade an, mit deren Hilfe begriffen werden kann, wie physischer Raum durch die Ausstattung mit materiellem Wert und symbolischer Bedeutung in einen Ort verwandelt wird, und wie dieser Ort wiederum in einer sich endlos wiederholenden Dynamik der rekursiven Konversion die Reproduktion und Transformation eben jener sozialen und symbolischen Strukturen, die ihn hervorgebracht haben, vorantreibt. In diesem Rahmen werden räumliche Verortung und Entfernung sowohl als das Ergebnis als auch die materielle Grundlage von Kämpfen interpretiert, die darauf zielen, Entsprechungs- und Übertragungsverhältnisse zwischen symbolischen Kategorien und der sozialen Verteilung von Kapital anzupassen oder aufzuheben.

Hieraus ergibt sich eine Antwort auf Christoph Haferburgs (2017) Bedenken hinsichtlich der Möglichkeit, Bourdieus Modell jenseits entwickelter westlicher Länder auf die postkoloniale und letztlich auf die ganze Welt zu übertragen. Als erstes sei darauf hingewiesen, dass es ein Merkmal von Bourdieus frühen Ansätzen einer Stadtsoziologie ist, an der Schwelle des Zusammenbruchs der kolonialen Ordnung Algeriens angesiedelt zu sein. Dies gilt insbesondere für seine kühne und detaillierte Analyse der durch das Militär vorangetriebenen Umsiedlungslager als gleichermaßen proto-urbane wie anti-urbane Gebilde (Wacquant 2017a: 178-181). Was hier erfasst wird, sind die strukturellen Widersprüche eines Systems imperialer Herrschaft zu einem Zeitpunkt, als es genau jene sozialen Kräfte des glühenden Nationalismus und der raschen Verstädterung freisetzt, die in die postkoloniale Gesellschaft führen. In diesem Zusammenhang ist bemerkenswert, dass einige Geograf_innen, die sich dem Thema Lager verschrieben haben, sich die theoretische Hilfe bei Größen wie Giorgio Agamben, Carl Schmitt und Michel Foucault gesucht haben, Bourdieus empirisch fundiertes Modell jedoch komplett außer Acht ließen (z. B. Ek 2006 und das Sonderheft der Geografiska Annaler: Series B, Human Geography zu eben diesem Thema, Minca 2015). Könnte es sein, dass ihr Interesse mehr dem eleganten Wortspiel der reinen Theorie galt, als dem Ergründen der schmutzigen Strukturen und der undurchsichtigen Funktionen real existierender Lager?

Zweitens ist die Trialektik symbolischer Klassifikation, sozialer Verteilung effektiver Ressourcen und der gebauten Umwelt als angeeignetem physischem Raum hinreichend abstrakt, sodass sie es erlaubt, ihren empirischen Manifestationen in Berlin und Bogota, Madrid und Mumbai oder Dublin und Daressalam gleichermaßen nachzugehen. Nichts steht ihrer Anwendung auf die westliche Stadt – oder auf die Stadt im Allgemeinen – im Wege. Sie funktioniert in der Metropole ebenso wie in der Kleinstadt oder im Dorf. Es ist in der Tat einer der großen Vorzüge des Bourdieuschen Modells, dass es sich problemlos über unterschiedliche geografische Regionen und Skalenebenen (im Hinblick auf Größe, Dichte und Vielfalt, um an Wirths [1974/1938] Trinität zu erinnern) hinweg anwenden lässt, vom abgelegensten Dorf bis zur sich ausbreitenden städtischen Agglomeration. Diese Trialektik funktioniert auf der Mikroebene innerhalb einer Wohnstätte, beispielsweise, wenn Bourdieu (1976 [1960]) die Entsprechungsverhältnisse zwischen den mythischen Kategorien der Kabyl_innen, deren Projektion auf einen bedeutsamen Grundriss im Inneren des traditionellen Hauses und die Verteilung von männlichen und weiblichen Gegenständen und Aufgaben in der häuslichen Sphäre analysiert. Und sie funktioniert ebenso in einem näher an der Makroebene angesiedelten Kontext, wenn Bourdieu (1999 [1992]: Prolog) zum Beispiel darlegt, wie der dualistische Gegensatz zwischen den zwei Polen auf dem Feld der Macht, der Kunst und des Geldes – und [entsprechend] den zwei Lagern der herrschenden Klasse (das kulturelle und ökonomische Segment des Bürgertums) – die physischen Verortungen, die Bewegungen im Raum und die Beziehungen der verschiedenen Charaktere in Flauberts meisterhaftem Roman L’Éducation sentimentale am rechten und linken Ufer der Seine im Frankreich des späten 19. Jahrhunderts bestimmt. Nun ist der chiasmatische Gegensatz zwischen ökonomischem und kulturellem Kapital, der das Feld der Macht strukturiert, ein abstrakter Dualismus (der zum Topos des theoretischen Denkens gehört). Als solchen kann man ihn nicht beobachten, sondern muss ihn entlang der Idee des sozialen Raums konstruieren (innerhalb dessen das Machtfeld an höherer Stelle angesiedelt ist), der in physischen Orten eingeschrieben wird, die von den Akteuren auf der Grundlage desselben symbolischen Gegensatzes wahrgenommen werden.

Lars Meiers (2017) Aufforderung, den Blick auf die Rolle symbolischer Macht bei der Herstellung urbaner Konstellationen zu richten, hat meine vollste Zustimmung. Dies war in der Tat schon in den letzten zwei Jahrzehnten ein Kernbestandteil meines Forschungsprogramms an der Stadtfront (Wacquant 2014). Das Konzept territorialer Stigmatisierung habe ich entworfen, indem ich Bourdieus Begriff der symbolischen Macht mit Goffmans Verständnis von Stigma verband, um zu zeigen, dass ein Makel des Ortes nicht nur die Selbstwahrnehmung und sozialen Strategien der Bewohner_innen der übel beleumdeten Viertel beeinflusst, sondern auch einen Einfluss auf die Reaktionen ihrer Nachbar_innen, das Handeln öffentlicher Verwaltungen und privater Unternehmen sowie auf die staatliche Politik gegenüber vom Niedergang bedrohten Vierteln hat (Wacquant 2006, 2007, 2008b, 2010b; siehe Wacquant, Slater und Pereira 2014 für eine breite Anwendung des Konzepts auf acht Länder auf drei Kontinente). In Die Verdammten der Stadt argumentiere ich, dass das räumliche Stigma eine neuartige und spezifische Dimension einer „fortgeschrittenen Marginalität“ darstellt, welche die Stadtforschung bei der Analyse der Strukturen urbaner Ungleichheit im 21. Jahrhundert in den Vordergrund rücken muss.

In ähnlicher Weise prangere ich seit zwei Jahrzehnten unablässig den rhetorischen und metaphorischen Missbrauch des Begriffs ‚Ghetto‘ als Beteiligung an einem Herabwürdigungsdiskurs der städtischen Armen an, der die neue soziale Frage der misslichen Lage des städtischen Prekariats in der polarisierten Großstadt fälschlicherweise verräumlicht und ethnisiert. Dies ist sowohl in den Vereinigten Staaten der Fall, wo das gemeinschaftliche Ghetto der fordistischen Ära in den 1960er Jahren implodiert ist, um durch ein Hyperghetto ersetzt zu werden, als auch in Europa, wo sich die Arbeitergegenden in verarmte und benachteiligte Zonen verwandelt haben, die man insofern Anti-Ghettos nennen könnte, als dass sie sich in jeder Hinsicht vom Muster des Ghettos wegbewegen: Sie nehmen eine ethnisch heterogenere und durchlässigere Gestalt an, sind weniger umfassend ausgestattet und ihrer Organisationsfähigkeit beraubt und es ist ihnen nicht gelungen, eine gemeinsame Sprache und eine verbindende Identität ihrer Bewohner_innen hervorzubringen (Wacquant 2015).

Mit dem Schritt von der Kritik zu einem konstruktiven theoretischen Vorschlag habe ich – unter Anwendung der Bourdieuschen Prinzipien der erkenntnistheoretischen Reflexivität und dreifachen Historisierung – ein robustes analytisches Konzept des Ghettos als räumliches Instrument der ethnischen Schließung mittels der wechselseitigen Zuschreibung von Kategorie und Territorium formuliert, mit der Absicht, den unausgegorenen und wandelbaren Begriff, der in der Welt der Wissenschaft, in den politischen Debatten und den Medien kursiert, zu ersetzen. In The Two Faces of the Ghetto zeige ich, dass, im Gegensatz zu der in Wissenschaft und Politik allgemein akzeptierten Vorstellung, Ghettoisierung nicht mit Segregation deckungsgleich und keine Triebkraft von Desorganisation ist, sondern einen Modus gespaltener Integration darstellt (Wacquant 2018). Sie bringt eine stigmatisierte Bevölkerung in die Stadt, der in der städtischen Arbeitsteilung eine eindeutige Rolle zukommt (strukturelle Integration durch ökonomische Ausbeutung), der Gleichheit in face-to-face Interaktionen und engen Beziehungen aber verweigert wird (Zurückweisung sozialer Integration durch Ausgrenzung). Die Aufschlüsselung der Bourdieuschen Trialektik von symbolischem, sozialem und physischem Raum in den drei kanonischen Fällen der räumlichen Zwangsausgrenzung der jüdischen Bevölkerung im Europa der Renaissance, der Afroamerikaner_innen in den fordistischen Vereinigten Staaten und der Buraku im Japan der Post-Tokugawa-Periode – ermöglichte es, die Aufmerksamkeit auf die paradoxen Gewinne der Ghettoisierung für jene mit Makel behafteten Kategorien zu lenken, und so die ‚horizontale‘ Dimension der Reziprozität und Würde wieder in den Blick zu bekommen, die aus der ‚vertikalen‘ Dimension von Unterwerfung und Entwürdigung in jedem System der Herrschaft erwächst und diese ergänzt. Dieser Ansatz gibt uns ferner die Mittel an die Hand, die strukturelle und funktionale Verwandtschaft zwischen dem Ghetto, dem Gefängnis, dem Reservat und dem Lager zu fassen, just zu dem Zeitpunkt, da die Staatenlenker_innen der entwickelten Gesellschaften in zunehmendem Maße auf Grenzen, Mauern und abgegrenzte Quartiere als Mittel zurückgreifen, um die als problematisch erachteten Bevölkerungsgruppen als solche zu definieren, sie in ihrer Bewegungsfreiheit einzuschränken und zu kontrollieren.

Dies ist ein konkretes Beispiel für den wissenschaftlichen Ertrag, der sich ergibt, wenn man Bourdieu bei der Untersuchung des Nexus von Topos, Raum und Ort im Kontext der Stadt folgt. Bourdieu verabscheute die trockene theoretische Abhandlung, die einzig dem Zweck des demonstrativen Theoretisierens dient, und er war stets fasziniert von neuen empirischen Argumenten, die es uns erlauben, ein Konzept zu verfeinern, eine Theorie zu umreißen und die Leistungsfähigkeit eines Paradigmas durch das Kreieren neuer Objekte aufzuzeigen. Ich hoffe, dass diese Debatte in s u b \ u r b a n meine deutschsprachigen Kolleg_innen dazu anregt, die Thematik weiterzuverfolgen und ein Meer empirischer Blumen in der Bourdieuschen Stadt zum Blühen zu bringen.

Übersetzung aus dem Englischen von Stephan Elkins, wissenschaftliches Lektorat von Johanna Hoerning.

Autor_innen

Loïc Wacquant ist Soziologe und forscht u. a. zum strafenden Staat, zu ‚race‘ als Prinzip sozialer Spaltung, zu vergleichender städtischer Ungleichheit und Marginalität sowie zu klassischer und zeitgenössischer Gesellschaftstheorie.

loic@berkeley.edu

Literatur

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