Vor 50 Jahren – im Jahr 1968 – kulminierten weltweit zahlreiche politische Bewegungen in einer Hochphase des Protests gegen den Vietnamkrieg, gegen die Ausbeutung am Arbeitsplatz, gegen die Diskriminierung von Frauen und die von Trans*, Lesben und Schwulen sowie gegen rassistische Gesellschaftsstrukturen, aber auch gegen autoritäre Erziehungs- und Lehrformen und ganz allgemein gegen den normierenden Staat. Für die Sozialwissenschaften ist das Jahr 1968 mehr als eine Chiffre. Der Anspruch, der mit der „gesellschaftlichen Selbstthematisierung“ (Bude 1994: 242) verbunden war, folgte in weiten Teilen einem Kritikverständnis, das sich auf eine Veränderung der thematisierten Verhältnisse richtete. In wenigen Bereichen wurde das wohl so konkret ausformuliert wie in der Auseinandersetzung mit den städtischen Verhältnissen. Insbesondere die Kritik an der Stadtplanung der Nachkriegsjahre und der Verwertungslogik, welche die Gestaltung der Städte und ihre Wohnungsmärkte immer tiefgreifender prägte, waren dabei wichtige Bezugspunkte.

In unserer Debatte nehmen wir das Jubiläum zum Anlass, um uns mit der historischen Kritik der Stadt der 1968er-Generation und ihrer aktuellen Relevanz auseinanderzusetzen. Die Autor_innen unserer Debatte machen dabei das Kritikverständnis selbst ebenso zum Gegenstand der Debatte wie aktuelle Anknüpfungsmöglichkeiten und Aktualisierungen, analysieren dabei aber immer auch die historisch spezifischen Diskurse zum Städtischen.

An der Stelle eines Ausgangstextes standen für die folgende Debatte lediglich Fragen, die wir aus der Redaktion an die Autor_innen gestellt haben: Wie stellt sich aus heutiger Sicht die damals geäußerte Kritik, zum Beispiel zum Massenwohnungsbau oder zu technokratischen Planungspraktiken, dar? Welche Rolle kommt den Protesten, die sich damals formiert haben, zu, zum Beispiel im Kontext des sozialen Wohnungsbaus? Wie lassen sich Verhältnisse von Politisierung und Entpolitisierung, aber auch das Selbstverständnis von Architektur und Planung vor dem Hintergrund dieser historischen Anleihen begreifen? Welche Veränderungen und Verschiebungen haben sie erfahren? Welche Bedeutung kommt einzelnen Texten – etwa der Unwirtlichkeit unserer Städte (Mitscherlich) oder Le Droit à la Ville (Lefebvre) historisch und aktuell zu – in Bezug auf die Forschung wie auf die politische Praxis? In welchem Verhältnis stehen Theorie und Praxis hinsichtlich einer Kritik und der „gesellschaftlichen Selbstthematisierung“ damals und heute? Welche positiven und negativen Bezugspunkte, welche Anleihen und Abgrenzungen werden in der Auseinandersetzung mit ‚1968‘ heute deutlich?

Die Debatte in s u b \ u r b a n umfasst sechs Diskussionsbeiträge mit unterschiedlichem Fokus von Nina Gribat, Maren Harnack, Sebastian Haumann, Felicita Reuschling, Anne Vogelpohl und Lisa Vollmer. Die Replik von Johanna Hoerning setzt die Beiträge in Bezug zueinander und diskutiert sie.

Autor_innen

Nina Gribat ist Stadt- und Planungsforscherin. Sie arbeitet zurzeit an international vergleichenden Forschungsprojekten, die sich mit Stadtentwicklungskonflikten, schrumpfenden Städten und den Studienreformen/-revolten um 1968 in der Architektur beschäftigen.

gribat@eus.tu-darmstadt.de


Johanna Hoerning ist Soziologin und arbeitet zu stadt- und raumtheoretischen Fragen, auch im Kontext von Postkolonialität und sozialen Bewegungen.

johanna.hoerning@tu-berlin.de


Nina Schuster ist Soziologin und forscht an der Schnittstelle von stadtsoziologischen und queer/feministischen Theorien zur sozialen und räumlich-materiellen Produktion sozialer Ungleichheit, zurzeit zu sozialem Wandel, Differenzaushandlung und Konflikt im Kleingarten. nina.schuster@tu-dortmund.de

Literatur

Bude, Heinz (1994): 1968 und die Soziologie. In: Soziale Welt 45/2/, 242-253.

Lefebvre, Henri (2016 [1968]): Das Recht auf Stadt. Hamburg: Edition Nautilus. [Titel des französischen Originals: Le Droit à la Ville]

Mitscherlich, Alexander (1965): Die Unwirtlichkeit unserer Städte. Anstiftung zum Unfrieden. Frankfurt am Main: Suhrkamp.