Ob und wenn ja wie mit Rechten im Sinne qualitativer Forschung zu reden wäre, erhitzt die Gemüter. Jedenfalls ist eine vielseitige und interessante Debatte entstanden, die einige wichtige Perspektiven und Feinheiten zutage fördert. Eine Replik formulieren zu dürfen (oder zu müssen), bedeutet auch, dass ich das letzte Wort habe. Allerdings ist mir viel daran gelegen, genau diese Geste zu vermeiden. Dafür gibt es viele Gründe: Die Fragestellung ist kompliziert und facettenreich, es gibt keine einfache oder klare Antwort, und die methodischen Perspektiven sind einerseits vielfältig und richten sich andererseits jeweils an konkreten Fragestellungen aus. Es gibt also kein einfaches Richtig im Hinblick auf die Werkzeuge der Forschung.

Einem Einwand, der an verschiedenen Stellen vorgetragen wurde, muss ich unbedingt zustimmen: Die Frage, ob und wie mit Rechten im Sinne der Forschung zu reden sei oder wie sie zu beforschen seien, lässt sich nur in Abhängigkeit vom konkreten Kontext entscheiden. Die Fragestellung, der methodische Plot und die genaue Gruppe, die untersucht werden soll, legen gewissermaßen die Gleise aus und bedingen den einen oder anderen methodischen Weg. Differenzierung ist angezeigt, die in meinem Debattenaufschlag ein wenig zu kurz kam. Einigkeit herrscht offenbar, dass es wenig ertragreich und mitunter einigermaßen kontraproduktiv sein dürfte, mit politischen Akteur_innen des rechten Spektrums zu sprechen, die im Rampenlicht stehen wollen. Zwar durften wir einige sehr gewagte Versuche dieser Art beobachten. Etwa wenn Armin Nassehi (vgl. Grimm 2016) versucht, Götz Kubitschek argumentativ auszuhebeln und nicht bemerkt, dass er einem Faschisten im konservativen Kostüm auf den Leim geht (vgl. Weiß 2016). Oder wenn Daniel-Pascal Zorn – aufreizend ignorant gegenüber den theoretisch ausgiebig vermessenen Untiefen von Sprache und Psyche – glaubt, er könne explizit in der Tradition von Sokrates Rechte argumentativ besiegen, als handle es sich um ein Schachspiel – mit Zorn als Großmeister.[1] Solche Albernheiten genehmigt sich die empirische Forschung in der Regel nicht, und die Beiträge dieser Debatte verdeutlichen, dass die Forschungspraxis zumeist sehr genau reflektiert, was sie leisten kann und wo Probleme liegen.

Eine bisweilen unausgesprochene, aber möglicherweise entscheidende Differenzierung scheint in unterschiedlichen Debattenbeiträgen auf: Jene verschiedener Sprecherpositionen und Rollen, die in der eher allgemeinen Fragestellung („Mit Rechten reden?“) nicht abgelegt ist. Wenn Regina Ammicht Quinn argumentiert: „Das Gespräch mit ‚Rechten‘ fragt nicht sinnvollerweise danach, wie viele Geflüchtete zu welchem Zeitpunkt mit welchen Papieren an welcher Stelle die deutschen Grenzen überschritten haben“, geht es, scheint mir, genau darum: Mit wem spricht die Forschung in welcher Rolle? Mit Rechten reden im Sinne der Forschung würde zunächst heißen, sie in ihrer Rolle als politische Akteure oder zumindest rechts politisierte Bürger_innen, Nationalist_innen oder AfD-Anhänger_innen zu befragen. Diese Art des Gesprächs läuft, grob vereinfacht, möglicherweise in die bereits beschriebene Sackgasse. Es reproduziert mitunter rechte Ideologie und erfüllt kaum den Zweck, Neues zu erfahren. Etwas Anderes ist es, wenn die Forschung mit Menschen spricht, die – tatsächlich oder vermutlich – rechte Haltungen mitbringen, sie aber nicht als rechte Akteure, sondern als Bewohner_innen des Quartiers, als Angestellte, Aktive im Sportverein oder was auch immer, also in einer anderen Rolle, befragt. Dann öffnet sich das berühmte weite Feld.

Freilich birgt auch diese eher allgemeine Befragung von Bürgerinnen und Bürgern Fallstricke. Ganz grob wäre vor allem die unausweichliche Unterstellung zu erwähnen, dass Individuen so besehen nicht oder mindestens nicht ausreichend wissen, welche persönlichen, sozialen oder politischen Kontexte zu ihren rechten Einstellungen führen. Wer etwa aus Erwerbsbiographien oder Quartiersentwicklungen Erkenntnisse darüber gewinnen will, warum Menschen rechts sind und was das heißt, nimmt unweigerlich an, dass diese Menschen selbst die Relationen nicht verstanden haben. Ohne Zweifel ist dieser Einwand nicht neu, und die methodische Selbstreflexion hat ihn intensiv thematisiert. Letztlich wirkt er sich vor allem auf die Reichweite und Stabilität der Erkenntnisse aus: Wer qualitative Daten dieser Art entsprechend vorsichtig und explorativ auswertet, läuft nicht unbedingt in die Falle zu starker und damit fragwürdiger Ergebnisse. Gleichzeitig öffnet sich das aktuell heiß umkämpfte Streitfeld, ob Rassismus ‚nur‘ ein Effekt sozialer Härten oder doch eine kulturell tief verwurzelte bzw. ins Subjekt versenkte Angelegenheit ist. Ohne darauf weiter eingehen zu können, will ich nur die Vermutung äußern, dass beide Pole womöglich Kunstgriffe sind, also gar nicht so widersprüchlich wie es scheint. Und vielleicht ließe sich im Sinne einer Verschränkung beider Pole argumentieren, dass gewissermaßen tief ins Subjekt eingelassene Einstellungen in bestimmten soziologisch beschreibbaren Konstellationen aktiviert werden.

Schließlich lässt die Debatte auch erkennen, dass eine bestimmte Art des Forschens anscheinend eher Erkenntnisse liefert als andere: Wann immer Erfolge oder Momente des Verstehens (ohne freilich Verständnis zeigen zu müssen) berichtet oder angedeutet wurden, handelte es sich um recht freie, eher narrative und deutende Versionen, um Interpretationen und Rückschlüsse, die – spitz formuliert – zwischen den Zeilen lesen und Unausgesprochenes deuten. Der von mir zitierte John Law (2010) und dessen pointiert formulierte Methodenkritik bricht im selben Text nicht zufällig eine Lanze für das Erzählerische, für die Narratologie, die sich nicht anmaßt, feste Konzepte, stabile Ableitungen oder gar kausale Aussagen zu treffen. Stattdessen beschreibt sie detailliert und ist sich des Umstands bewusst, dass der Weg von der dichten Beschreibung zu allgemeingültigen und stabilen Aussagen schwierig ist.

Im Sinne eines einigermaßen provokativen Debattenauftakts hatte ich zudem zwei Dinge gegeneinandergestellt, die durchaus parallel existieren und voneinander profitieren können: Die qualitative Forschung auf der einen Seite und die Theoriearbeit auf der anderen. Besonders wenn es um latente Sinnstrukturen rechter oder nationalistischer Akteure im frühen 21. Jahrhundert geht, könnte es helfen, aus dem alten Rahmen überlieferter Annahmen von Subjekt und Identität, von Politik und Gesellschaft, Stadt und Land oder Realität und Fiktion herauszuspringen. Vielleicht bedarf es an manchen Stellen neuer Konturen, Konzepte und Deutungsperspektiven, die aus einem Wechselspiel von (narrativer) Empirie und Theorie entspringen können und andere Sinnstrukturen lesbar machen. Empirische Forschungen zu Rechten bedürfen also möglicherweise einer Einschränkung und einer Erweiterung: Einerseits muss die Rolle der Befragten klar sein, und es spricht in der Tat nicht viel dafür, mit Rechten als politischen Subjekten sprechen zu wollen. Andererseits könnte es zielführend sein, Narrative und Sinnstrukturen theoretisch neu oder anders zu lesen, losgelöst von überkommen Kategorien und Strukturen. Dafür könnte Theorie- bzw. Begriffsarbeit hilfreich sein.

Die Publikation dieses Beitrags wurde durch Mittel des Thüringer Open-Access-Fonds gefördert.

Endnoten

  1. [1] Der Bezug zu Sokrates entstammt einem Tweet von Zorn, prinzipiell ist die Herangehensweise dargelegt in Leo et al. (2017).

Autor_innen

Robert Feustel ist Politikwissenschaftler und beschäftigt sich mit politischer Theorie sowie Wissens- und Stadtsoziologie.

robert.feustel@uni-jena.de

Literatur

Grimm, Rico (2016): „Wiewohl ich skeptisch bin, will ich wenigstens in dieser Weise offen sein“. In: Krautreporter. https://krautreporter.de/1284-wiewohl-ich-skeptisch-bin-will-ich-wenigstens-in-dieser-weise-offen-sein (letzter Zugriff am 20.3.2019).

Law, John (2010): Methodisch(e) Welten durcheinanderbringen. In: Robert Feustel / Maximilian Schochow (Hg.), Zwischen Sprachspiel und Methode. Perspektiven der Diskursanalyse. Bielefeld: trancript, 147-168.

Leo, Per, Steinbeis, Maximilian, Daniel-Pascal Zorn (2017): Mit Rechten reden. Stuttgart: Klett-Cotta.

Weiß, Volker (2016): Ab wann ist konservativ zu rechts? In: Zeit Online. https://www.zeit.de/kultur/literatur/2016-02/rechts-konservativ-nassehi-kubitschek (letzter Zugriff am 12.2.2019).