sub\urban. zeitschrift für kritische stadtforschung 2024, 12(2/3), 69-95

doi.org/10.36900/suburban.v12i2/3.977

zeitschrift-suburban.de

CC BY-SA 4.0

Ersteinreichung: 6. März 2024

Veröffentlichung online: 3. Dezember 2024

Radikal Sorgende Stadt(‑teilkantine)

Eine Sorgende Ethnographie der ada_kantine in Frankfurt am Main

Susanne Hübl

Die Krisenhaftigkeit sozialer Reproduktion macht Formen städtischen Sorgens erforderlich, die derzeit als „shadow care infrastructures“ (Power et al. 2022) diskutiert werden und jenseits dezidiert staatlicher und kleinfamiliärer Sorgekontexte stattfinden. In diesem Artikel arbeite ich heraus, wie im konkreten Alltag einer solidarischen Stadtteilkantine Sorge geleistet und empfangen wird, welche Herausforderungen damit einhergehen und inwiefern dabei hegemoniale urbane Sorgeverhältnisse herausfordert werden. Konzeptionell greift der Beitrag die wissenschaftlich-aktivistische Debatte um Sorgende Städte auf und verbindet diese mit radical care als analytischer Perspektive. Die empirischen Ergebnisse sind Teil einer sorgend-ethnographischen Fallstudie in der ada_kantine in Frankfurt am Main von 2022. Ausblickend umreiße ich, welche transgressiven Potenziale für eine „sorgende Urbanisierung“ (Strüver 2021) sich in diesen Sorgepraktiken andeuten.

An English abstract can be found at the end of the document.

„Es ist Ende Mai 2022. Ich stelle mein Fahrrad in einem Hinterhof im Frankfurter Stadtteil Bockenheim ab und laufe die Treppen eines Gebäudes auf dem alten Campus hoch. An diesem schon fast sommerlichen Samstagvormittag habe ich mich zur zweiten Küchenschicht eingetragen. Ich öffne mit Schwung die Hintertür zur ada_kantine und rufe ein ‚Hallo‘ hinein. Noch im Türrahmen schlägt mir eine Geruchswolke von gedünsteten Zwiebeln, Kreuzkümmel und frisch gehackter Petersilie entgegen – es tränt sogar ein bisschen in meinen Augen. Fünf adaist:innen kochen schon seit 9 Uhr. Einer von ihnen begrüßt mich und sagt: ‚Schön, dass du da bist, der Schichtplan sieht ja sehr mau aus für heute.‘ Eine andere Person erwidert: ‚Cool, dann gibt’s heute doch Nachtisch, jetzt, wo du da bist. Irgendwie klappt es ja dann doch immer.‘“

(Feldnotiz vom 28.5.2022)[1]

In der ada_kantine werden an vier Tagen pro Woche kostenlos und aus geretteten Lebensmitteln gekochte Mahlzeiten serviert. Zum Essen kommen dürfen alle, unabhängig von ihrem Einkommen. De facto haben viele der Gäst:innen „am Ende des Monats nicht mehr genügend Geld übrig“ (Interview Gast, 19.9.2022[2]) oder leben in prekären Wohnsituationen bis hin zur Wohnungslosigkeit. Das Projekt initiierten 2020 mehrere stadtteilpolitische und künstlerische Gruppen aus Frankfurt. Getragen wird es mit städtischer Kofinanzierung von einem offenen Zusammenschluss aus rund 200 ehrenamtlichen adaist:innen. Das zuversichtliche „irgendwie klappt es dann doch immer“, das mir an jenem Samstagmorgen entgegengerufen wurde, hinterließ bei mir während meiner achtmonatigen ethnographischen Feldforschung in der ada_kantine einen bleibenden Eindruck. Denn angesichts der zunehmenden Ernährungskrise seit dem Einmarsch Russlands in die Ukraine (Monetti 2023) und der anhaltenden Krisenhaftigkeit sozialer Reproduktion (Peake et al. 2021) geht hier jenseits kleinfamiliärer, nachbarschaftlicher, kirchlicher, karitativer oder explizit sozialstaatlicher Strukturen gezielt und politisch engagiert eine sorgende Praxis vonstatten. Die seit Projektbeginn stetig wachsende Gäst:innenzahl verdeutlicht, dass die Versorgung mit Nahrungsmitteln durch etablierte Sorgearrangements wie städtische Einrichtungen der Wohnungslosenhilfe, Tafeln, aber auch private Sorgenetzwerke in Frankfurt für immer mehr Menschen nicht auszureichen scheint.

Ausgehend von dieser Beobachtung bearbeite ich in diesem Beitrag die Fragen, wie im konkreten Alltag der ada_kantine Sorge geleistet und empfangen wird, welche Herausforderungen damit einhergehen und inwiefern dabei hegemoniale urbane Sorgeverhältnisse herausfordert werden. Damit beziehe ich mich auf aktuelle Debatten der kritischen Stadtforschung sowie feministischer Kämpfe. Diese heben zunehmend – und zuletzt katalysiert durch die Coronapandemie und die Energiekrise – die Notwendigkeit care-zentrierter Perspektiven auf Stadt hervor (Schilliger 2022; Kern 2020; Schuster/Höhne 2017) und fordern im Anschluss daran einen grundlegenden(!), an den Bedürfnissen der Stadtbewohner:innen orientierten Umbau des Städtischen. So weisen beispielsweise Emma R. Power und Miriam J. Williams (2020) darauf hin, dass bisherige stadtgeographische Forschungsarbeiten die Ideen der nachhaltigen, der resilienten und der smarten Stadt maßgeblich analysiert und weiterentwickelt haben. Sie fragen: „Warum [erforschen sie] nicht die [Idee] der sorgenden Stadt? Ist es möglich, dass Städte nicht danach bewertet werden, wie wettbewerbsfähig sie sind, sondern wie gut sie darin sind, sich um die Menschen, den Planeten und zukünftige Generationen zu sorgen?“ (ebd.: 8; Übers. d. A.). Es wird eine „sorgende Urbanisierung“ (Strüver 2021) gefordert, die im Krisenkapitalismus eine Transformation urbaner Sorgeverhältnisse aus sorge-ethischer Perspektive einleitet und dabei Gerechtigkeit und Sorge relational zusammendenkt (Williams 2017). Das Ziel ist eine „caring city“ (Davis 2022; Gabauer et al. 2022) als utopischer Gegenpol zu den alltäglichen Zwängen der kapitalistischen, patriarchalen und klassistischen Stadt. Auch in aktivistischen und parteipolitischen Kreisen in deutschsprachigen Ländern formiert sich zeitgleich ein Fokus auf den emanzipatorischen Umbau urbaner Sorgeverhältnisse und die konkrete „Ausgestaltung städtischer Räume, Politiken und Institutionen, die sich sorgen und die Care ermöglichen“ (Schilliger 2022: 175). Beispiele hierfür sind die Konferenz „Sorgende Städte“[3] in Bremen 2023 oder das „Care Revolution Netzwerk“[4].

Während die Forderungen nach einer sorgenden Stadt immer prominenter werden, bleibe „jedoch oft vage, wie und von wem diese unter den gegebenen gesellschaftlichen Kräfteverhältnissen durchgesetzt und realisiert werden“ (Laufenberg/Uhlmann 2023; Herv. i. O.) und wo dies stattfindet. Denn zur praktischen Umsetzung der abstrakten Idee einer sorgenden Stadt bedarf es Bemühungen diverser Akteur:innen­gruppen, auch über Differenzen hinweg. So versuchen etwa Städte und Kommunen mit diversen Strategien die Krisenhaftigkeit sozialer Reproduktion zu bearbeiten. Inwiefern diese lokalstaatlich induzierten Bearbeitungsweisen nicht nur „care-fixes“[5] (Dowling 2022: 14 f.) bleiben oder ob sie darüber hinaus ihre eigenen Konstitutionsbedingungen aufbrechen können, bleibt jedoch fraglich (Schilliger/Schwiter/Steiner 2023). Kritisiert wird seitens der kritischen Stadtgeographie die Formation des Sozialstaats als Gewährleistungsstaat (Vollmer/Calbet i Elias 2022) wegen ihrer neoliberalen Responsibilisierungstendenzen (van Dyk/Haubner 2021; Laufenberg 2018) oder wegen ihrer individualisierten Vorstellungen von Resilienz (Edelman 2020). Im Unterschied dazu liefern beispielweise das Maßnahmenpaket feministischer Sorgepolitik von Barcelona en Comú (Fried/Wischnewksi 2023), die Etablierung von Care-Räten in Städten wie in Freiburg im Breisgau oder die räumliche Reorganisation von Daseinsvorsorge in sogenannten super care blocks (Kussy/Palomera/Silver 2023) emanzipatorische Vorschläge für den Aufbau eines „Care-Munizipalismus“ (Dowling 2022: 203). Gleichzeitig existiert seit Jahrzehnten eine Vielzahl informellerer und kleinräumigerer „shadow care infrastructures“ (Power et al. 2022) und lokaler Sorge-Infrastrukturen von unten (Flückiger/Maaroufi/Schilliger 2024). Manuela Zechner (2022) zeigt beispielsweise anhand von selbstorganisierten Kinderbetreuungsgruppen in Barcelona, welch bedeutsame Rolle Mikropolitiken des Alltags und damit auch Orte wie Spielplätze, Küchen oder Nachbar:innenschaftszentren für eine Sorgende Stadt spielen.

Im Folgenden skizziere ich zunächst das Konzept radical care als analytische Perspektive (1) und skizziere den Forschungsansatz einer Sorgenden Ethnographie (2). Anhand dreier konkreter Sorgepraktiken – dem Servieren von Essen am Tisch (3.1), der Suche nach neuen Räumlichkeiten (3.2) und der Selbstfürsorge im Team (3.3) – arbeite ich anschließend heraus, wie in der Frankfurter ada_kantine alltäglich gesorgt wird und welche Herausforderungen damit einhergehen. Abschließend umreiße ich die transgressiven Potenziale für eine „sorgende Urbanisierung“ (Strüver 2021), die sich in diesen Sorgepraktiken andeuten (4).

1. Radical care als analytische Perspektive

Grundsätzlich lassen sich mit radical care „all jene kollektiven Praktiken und Organisationsformen des Sorgens bezeichnen, die die herrschende institutionelle Organisation, Distribution und Ausführung von Sorge in grundsätzlicher Weise infrage stellen und hierzu Alternativen ausbilden, denen ein gesellschaftstransformierendes Potenzial innewohnt“ (Laufenberg 2020: 102). Seine historischen Ursprünge hat radical care in den kollektiven Antworten feministischer Selbsthilfegruppen, antirassistischer Bewegungen, des Aids-Aktivismus und von BeHinderten­rechtsbewegungen, welche die biopolitische Nicht-Sorge um marginalisierte Subjektpositionen nicht nur adressierten, sondern eine „Reihe an vitalen, aber unterschätzen Strategien [entwickelten], um prekäre Welten zu ertragen“ (Hobart/Kneese 2020: 2; Übers. d. A.). Auch heute umfasst radical care ein facettenreiches Spektrum. Darunter fallen beispielsweise illegalisierte Praktiken der piracy care (Graziano/Medak/Mars 2021), wie die Seenotrettung geflüchteter Menschen im Mittelmeer oder die queeren Kämpfe etwa von ACT UP (Gould et al. 2019) für eine queersensible Gesundheitsversorgung (Edelman 2020; Seeck 2021).

Radical care fungiert jedoch nicht nur als Deskription bestimmter Sorgepraktiken, sondern birgt als analytisches Werkzeug auch das Potenzial, konkrete sorgende Praktiken auf ihre Radikalität hin zu befragen und so neue Sorgeformationen zu erschließen (vgl. etwa zu Wohnpolitiken Thompson 2024). Damit gehen unterschiedliche analytische Prämissen einher: Erstens geht radical care von einem relationalen Verständnis von care aus. Dieses fußt auf dem Zusammenspiel der fünf Sorgedimensionen, welche die Begriffe caring about (sich sorgen um), taking care of (sorgen für), care giving (Sorgearbeit leisten), care receiving (umsorgt werden) und caring with (sich gemeinsam sorgen, solidarisch sein) umreißen und die im Wechselspiel mit anderen Menschen, Materialitäten und der Umwelt stattfinden (Tronto 2000: 27). Diese Sorgekonzeption betont die gegenseitige Abhängigkeit von menschlichen und mehr-als-menschlischen Akteur:innen (Zechner 2021) und hinterfragt damit die moderne Vorstellung autonomer Subjektivität.

Zweitens lenkt die Charakterisierung von Sorge als radical – in Abgrenzung zu einem „normalen“, also ausschließlich auf Erhalt und Wiederherstellung reduziertem Verständnis von Sorge – den Blick auf die machtgeladenen „materiellen Lebens- und Reproduktionsbedingungen“ (Laufenberg 2020: 104), die ein bedürfnisorientiertes Sorgen erschweren oder verunmöglichen. Denn es sind bestimmte „prekäre Sorgelagen und Sorgelücken“ (Aulenbacher/Décieux 2019: 819) sowie brüchige Sorgeinfrastrukturen, die Menschen in der permanenten Krisenhaftigkeit sozialer Reproduktion sehr ungleich treffen (vgl. Fraser 2016). Ursächlich ist häufig eine „jahrzehntelange Austeritätspolitik […] in Kombination mit oft selektiven und mangelhaften Investitionen in Folge von Privatisierungen […] [was] eine höchst ungleichmäßige Landschaft von Inseln mit privilegierten Versorgungsstrukturen einerseits und ausgedehnten Gebieten mit maroden Transport-, Gesundheits-, Versorgungs- und Freizeitsystemen andererseits“ zur Folge hat (Hutta/Schuster 2022: 100). Schlussendlich werden Sorgeerfordernisse in der kapitalistisch geprägten Stadt hintangestellt, „während verwertungs-, akkumulations- und profitorientierte Bestrebungen“ voranstehen (Aulenbacher/Dammayr/Décieux 2014: 216).

Drittens legt radical care den Fokus nicht nur auf eine Kritik an bestehenden machtvollen Normen des Sorgens, sondern beleuchtet bereits gelebte Praktiken, die „über die gegenwärtigen Bedingungen seiner Konstitution hinausweisen“ (Laufenberg 2020: 102). Damit gemeint sind Praktiken, die sowohl „Vorverkörperungen und Vorwegnahmen neuer Subjektivitäten und Beziehungsweisen“ (ebd.) als auch feministische Formen der Vergesellschaftung sozialer Reproduktion (Fried/Wischnewksi 2023) möglich werden lassen. Damit einher geht die Analyse des konflikthaften, manchmal auch komplett negierenden Verhältnisses von sorgender Praxis zum Sozialstaat (Laufenberg 2018).

Viertens geraten so auch die alltäglichen Widersprüchlichkeiten, mit denen sich radikale Praktiken und Organisationsformen des Sorgens konfrontiert sehen und zu denen sie sich zwangsläufig verhalten müssen, in den Fokus der Analyse. In der wissenschaftlich-aktivistischen Debatte um Sorgende Städte werden in diesem Zusammenhang drei zentrale widersprüchliche Felder benannt. Diese sind besonders prominent in Bezug auf die Frage, wie eine Sorgende Stadt innerhalb der gegenwärtigen Kräfteverhältnisse ausgestaltet werden kann (Fried 2023): Zum einen sind radikal sorgende Zusammenschlüsse häufig mit der Unmittelbarkeit menschlichen oder mehr-als-menschlichen Leids konfrontiert, das so groß ist, dass die reproduktiven Ressourcen kaum für dessen bloße Verwaltung und Abfederung ausreichen. Das Ziel, über eine reine Symptombekämpfung hinaus größere Sorgetransformationen im Blick zu behalten, wird angesichts fehlender ehrenamtlicher Kapazitäten oft nicht erreicht. Zum anderen sehen sich selbstverwaltete, zivilgesellschaftlich organisierte Formen des Sorgens häufig der Gefahr ausgesetzt, von einem aktivierenden Sozialstaat als Lückenbüßer für das Versagen sozialstaatlicher Absicherung im Sinne eines „Community-Kapitalismus“ (van Dyk/Haubner 2021) in die Pflicht genommen zu werden. Problematisch wird dies, wenn durch eine sozialstaatliche Indienstnahme, paternalistische und exklusive Sorgeformationen verstärkt anstatt aufgebrochen werden (für eine Problematisierung dieser Lückenbüßerthese vgl. Laufenberg 2021). Gleichzeitig wird sorgenden Gemeinschaften oftmals auch Exklusivität und reduktionistischer Lokalismus vorgeworfen, die keine gesamtgesellschaftlichen Veränderungen befördern könnten. Nicht zuletzt findet Sorge häufig mit einem paternalistischen Impetus statt, der klare Hierarchisierungen zwischen Sorgetragenden und Sorgeempfangenden aufspannt und diese als Subjektidentitäten fixiert (van Dyk/Haubner 2021: 99). Eine partizipative Aushandlung von Fürsorge als wechselseitiger und demokratisch ausgehandelter Praxis sowie der Frage, welche Formen des Sorgens von wem und für wen es überhaupt bedarf, sieht sich oft mit institutionellen Hürden und hegemonialen Sorgesubjektivierungen konfrontiert.

Fünftens bringt eine analytische Praxis der radikalen Benennung bestimmter sorgender Praktiken als dichotom verstandenes Gegenüber immer wieder auch die kritisierte Norm mit hervor (Edelman 2020: 113). Dabei gibt das Attribut radikal – ähnlich wie bei zeitgenössischen Formulierungen wie „radikale Zärtlichkeit“ (Kurt 2021) – eine kritische Distanzierung von der heterosexuellen Kleinfamilie und vom Staat als zwei zentralen herrschaftsförmigen Institutionalisierungen von Sorgeverhältnissen vor, bekräftigt diese aber zugleich.

Zusammenfassend birgt radical care als konzeptionelles Prisma das Potenzial, gegenwärtige Sorgepraktiken und Organisationsformen des Sorgens mit all ihren Widersprüchlichkeiten analytisch zu fassen. Radical care richtet den Blick auf die strukturellen Bedingungen des Sorgens und die Möglichkeiten, transgressive Sorgeformationen zu erschließen. Operationalisiert habe ich diesen analytischen Anspruch mit einem sorgend-ethnographischen Forschungsansatz, den ich im Folgenden skizziere.

2. Forschungsdesign: Die Küche als sorgend-ethnographische site

Neben dem Gesundheitssektor, der Pflege und der Kinderbetreuung gelten vor allem Küchen in ihrer schon immer engen Verzahnung mit Geschlechterverhältnissen und der Organisation des Wohnens bereits seit der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert in West- und Osteuropa als zentrale feministische Experimentierfelder urbaner Sorgetransformation (Kitchen Politics 2023: 9). So zeigten bereits die städteplanerischen Diskussionen im Roten Wien architektonische Vorschläge für die Reorganisation von Sorgearbeit, beispielsweise in Form von Einküchenhäusern als utopischem Vorschlag zur Kollektivierung ebendieser (Duma 2023: 154 f.). Aber auch die Frauenbewegung der 1968er oder die marxistisch-feministische Forderung nach Lohn für Hausarbeit stellte die Küche als Ort des counter plannings beziehungsweise des Aufstands ins Zentrum. Neben baulichen Veränderungen lässt sich das transformative Potenzial von kollektiven Küchen wie Demoküchen, Küchen für Alle (KüFas) oder Volxküchen in der alltäglichen Organisierung sozialer Bewegungen verorten:

„Placing the kitchen at the center of social mobilization implies a shift in the ways in which activists think of politics and engage with the communities around them. Caring becomes more relevant than leading, listening to the needs of people a more useful skill than mastering the arts of public speaking. Learning how to run a collective kitchen exercises the capacities to work together towards a common aim. A revolution built around the kitchen does not sever body and mind, collective dreams and individual needs, the discussion about the structures and the small gestures through which another world gleams in the capitalist desert.“

(Ruiz Cayuela/Armiero 2022: 68)

Bei meiner Feldforschung schaute ich mir eine Küche näher an, die ada_kantine in Frankfurt-Bockenheim. Dort kochen und servieren variable Küchenteams freitags bis montags bis zu 300 Mahlzeiten pro Tag. Besonders an Sonntagen reisen einige der Gäst:innen auch aus entfernteren Stadtteilen Frankfurts an, viele kommen jedoch aus Bockenheim und Umgebung. Die ehrenamtliche Arbeit wird über einen Online-Schichtplan organisiert, in den sich alle kurzfristig verpflichten können – wahlweise für eine Service-, Küchen,- Empfangs- oder Spülschicht oder zur Abholung von Lebensmitteln, etwa vom Wochenmarkt. Wer mitmachen will, sollte einmalig ein Onboarding-Treffen besuchen und eine Hygieneschulung durchlaufen. Entscheidungen werden konsensbasiert im Plenum getroffen. Durch ihren politischen Anspruch, eine Küche zu sein, „die sich mit ihrem Handeln gegen soziale Ungerechtigkeit, gegen gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit und für einen nachhaltigen Umgang mit den planetarischen Ressourcen einsetzt“ (Feldnotiz vom 21.9.2022), grenzt sich die ada_kantine explizit von bestehenden Orten der Versorgungsinfrastruktur mit Lebensmitteln und warmen Mahlzeiten wie Tafeln oder Bedürftigenspeisungen kirchlicher Träger ab. Durch ihre Einzigartigkeit im deutschsprachigen Raum ist sie eine geeignete ethnographische site zur Erforschung urbaner Sorgetransformationen.

2.1. Sorgend im Feld

Zur Erforschung des alltäglichen Sorgens in einer Küche entwickelte ich einen Forschungsansatz, den ich, inspiriert von Francis Seeck (2021: 35 ff.) als „Sorgende Ethnographie“ bezeichne. Darunter verstehe ich eine engagierte Forschungsweise, die ein relationales Verständnis von Sorge nicht nur bezogen auf den Forschungsgegenstand herausarbeitet, sondern auch in der Praxis der Feldforschung ernst nimmt. Das drückt sich für mich erstens darin aus, dass ich mein persönliches „besorgt-sein-um“ (caring about), die „strukturelle Verwundbarmachung bestimmter Körper“ (Govrin 2022), zum Ausgangpunkt genommen habe, um das Sorgen in der ada_kantine überhaupt erst als gesellschaftspolitisch relevantes Forschungsfeld zu konstruieren.

Zweitens leistete ich im Sinne eines „researcher volunteering“ (Williams 2016: 515) im Jahr 2022 acht Monate lang mit meinen körperlich-emotionalen Ressourcen Sorge (care-giving). Ich übernahm Küchen-, Service- und Spülschichten, schnitt kiloweise Äpfel, bis ich Blasen am Daumen hatte, servierte Essen an Gäst:innen, sortierte gerettete Lebensmittel im Kühllager, diskutiere auf Plena, schrieb Protokolle, schob Mülltonnen hinaus, bezog bei kleineren Konflikten Position, reinigte Toiletten, war künstlerisch an der „Akademie der Radikal Sorgetragenden“ im Oktober 2022 beteiligt und bot bei einem internen Ada-Wochenende selbst einen Workshop zu kollektiver Selbstfürsorge und nachhaltigem Aktivismus an. Leitend war für mich dabei die Frage, wie dort Sorge organisiert, praktiziert und erlebt wird.

Drittens wurde ich auch von meinen Forschungspartner:innen wertschätzend umsorgt (care receiving), beispielsweise indem ich Ratschläge bekam, wen ich noch für ein Interview anfragen könnte oder indem ich ermutigt wurde, auch mal eine Pause zu machen und etwas zu essen. Darüber gaben mir einige Interviewpartner:innen die Rückmeldung, dass „unser Gespräch eine Bereicherung im eigenen Nachdenken über die ada“ gewesen sei (Feldnotiz vom 17.6.2022).

Viertens nehme ich eine relational-sorgende Haltung auch in Bezug auf die Prozesse des Lesens, Schreibens und Diskutierens meiner ethnographischen Forschung ein. Die Literatur, zu der ich im Laufe meines Erkenntnisprozesses in Beziehung trat und die mich emotional-affektiv berührte, begreife ich als „Text, dessen Begleitung dich dazu gebracht hat, einem Pfad zu folgen, der noch nicht besonders ausgetreten war“ (Ahmed 2017: 31). Auch die fürsorglichen kollegialen Beziehungen innerhalb der Universität, bei denen sich symbolische Wertschätzung zumeist in Danksagungen ausdrückt, machen das Sorgegeflecht dieses Textes deutlich – ebenso wie die Frage, wessen Wissen ich im Sinne einer feministischen Politik des Zitierens repräsentiere (ebd.).

Insgesamt wurde ich während meiner Feldforschung zunehmend Teil des fürsorgenden Beziehungsgeflechts in der ada_kantine. Ich gestaltete mein Feld immer aktiver mit, obwohl ich zu keinem Zeitpunkt das Gefühl hatte, dass meine Anwesenheit unentbehrlich wäre. Ich erfuhr Sorgende Ethnographie als einen wechselseitigen Prozess des Unterstützens und Unterstützt-Werdens. Meine Positionierung als Forscherin verschwamm dabei oftmals mit jener als Aktivistin, Gästin oder Teil des künstlerischen Teams der Akademie. Das spiegelte sich sowohl in der Weise wider, wie ich von anderen gelesen und angesprochen wurde als auch in meinen Notizen im Feldtagebuch. Für Seeck (2021: 69) zeichnet sich eine Sorgende Ethnographie auch dadurch aus, dass sie „den Blick auf Sorgearbeit und Sorgebeziehungen, beides oft unsichtbare Bestandteile ethnographischer Praxis, [legt]; gemeint sind Sorgebeziehungen im Feld und die Selbstsorge und Fürsorge, die die forschende Tätigkeit überhaupt ermöglichen. Eine Sorgende Ethnographie nimmt Machtdynamiken und Machtungleichgewichte im Forschungsprozess kritisch in den Blick, auch in Bezug auf die Frage, wer von der Forschung profitiert und für wen sie zugänglich ist.“ So hatte ich beispielsweise einen sehr guten Zugang zum Feld, einerseits weil mir basisdemokratische Organsiationsstrukturen bereits vertraut waren und ich mich selbstbewusst in ihnen bewegen konnte, und andererseits, weil ich Frankfurt und den politischen Diskurs rund um den Kulturcampus Bockenheim bereits vorher schon gut kannte.

2.2. Datenerhebung und -auswertung

Im Rahmen meiner sorgenden Ethnographie hielt ich in Feldnotizen und Sprachaufnahmen meine alltägliche Eindrücke davon fest, wie in der ada_kantine Sorge geleistet wird. Neben dichten Situationsbeschreibungen hatte dies den Zweck, meine Positionalität und Involviertheit sowie meine unterschiedlichen Rollen im Feld zu reflektieren (Genz 2020: 19 f.) sowie erste Überlegungen zur Konzeptualisierung des Erlebten festzuhalten. Darüber hinaus führte ich semistrukturierte Leitfadeninterviews, darunter drei Einzelinterviews und sieben Interviews mit zwei Personen. Das Sampling fand nach dem Schneeballprinzip statt, wobei ich immer eine Person für ein Interview anfragte und sie bat, mir eine weitere Person für ein Tandeminterview vorzuschlagen. 15 Personen interviewte ich in ihrer Rolle als adaist:in und zwei in ihrer Rolle als Gäst:in. Die befragten adaist:innen waren zum jeweiligen Zeitpunkt des Interviews unterschiedlich lange und unterschiedlich intensiv in der ada_kantine aktiv. Zwar war es mir möglich, während meiner Serviceschichten Gespräche mit einigen Gäst:innen zu führen, meiner Anfrage nach einem formellen Interview wurde jedoch häufig mit Skepsis und Ablehnung begegnet (Feldnotiz vom 17.6.2024). Die Datenerhebung und die Auswertung des ethnographischen Materials folgte einem interpretativen Ansatz, der offenes und sequenziertes Codieren beinhaltete. Sämtliche Namen in diesem Artikel wurden zum Schutz der Persönlichkeitsrechte und in Absprache mit den Interviewpartner:innen pseudonymisiert, wobei ich die geschlechtliche Konnotation der Vornamen ebenso beibehielt wie Konnotationen zur ethnischen Herkunft (Nimführ 2023).

3. Empirie: Sorgende Praktiken in der ada_kantine

Im Folgenden arbeite ich anhand dreier konkreter sorgender Praktiken heraus, wie im Alltag in der ada_kantine Sorge geleistet und empfangen wird, welche Herausforderungen damit einhergehen und inwiefern dabei hegemoniale Sorgeverhältnisse herausgefordert werden.

3.1. Essen am Tisch servieren

In der ada_kantine müssen Gäst:innen nicht an einer Essensausgabe warten, sondern bekommen ein frisch zubereitetes veganes Drei-Gänge-Menü am Tisch serviert. Ein interviewter adaist beschrieb die Idee dahinter folgendermaßen:

„[D]ieser Restaurantgedanke, der in der ada getragen wird, kommt nicht von ungefähr. Wir könnten uns das Leben viel leichter machen, wenn die Leute sich da in eine Schlange stellen würden und mit ihrem Teller an der Essensausgabe vorbeigingen. Aber das haut ja genau in diese Kerbe, wir wollen auch ermöglichen, dass Menschen so dieses Restaurant-Feeling haben, dass sie bedient werden, dass sie sich mal verwöhnen lassen können. Dass es einfach mal ein bisschen mehr ist als nur ‚hier haste ne Dose Nudelsuppe‘.“

(I: adaist Luc, 28.9.2022)

Der Anspruch, ein Restaurant für alle zu sein, drückt sich auch darin aus, dass im Empfangsbereich der ada_kantine kein Nachweis der Bedürftigkeit erforderlich ist, wie beispielsweise ein amtlicher Bescheid über den Bezug von Sozialleistungen, wie ihn Tafeln oder karitative Einrichtungen verlangen. Denn, „wir sind hier keine Bedürftigenspeisung im klassischen Sinne, wo Leute sich erst mal abgrenzen müssen als bedürftig, um dann hier essen zu können“, formuliert es ein adaist (I: adaist Kai, 28.9.2022). Auch die Ausgabe von Lebensmitteltüten unter dem Motto „Inflation frisst Lebensmittel“ stand „unabhängig vom Status und auch für Menschen ohne Kochmöglichkeiten zur Verfügung […]. Denn die steigenden Lebensmittelpreise treffen die unterschiedlichsten Gruppen an Menschen“ (I: adaist Emil, 24.6.2023). Die seit Projektbeginn stetig steigende Nachfrage nach Lebensmitteltüten, warmen Mahlzeiten, aber auch nach einem Ort zum Aufenthalt und Wärmen machen deutlich, dass Ernährungssicherung in Frankfurt keineswegs gegeben ist. Vielmehr sind „Tafeln und Suppenküchen wesentlich für die Ernährungssicherung von Millionen Mitbürger:innen geworden – und doch nicht in der Lage, alle bedürftigen Menschen zu erreichen noch die Ernährungssicherheit langfristig zu verbessern“ (Monetti 2023: 331). Doch auch diese Almoseninfrastruktur kommt zunehmend an ihre Belastungsgrenzen. Der steigende Bedarf und der gleichzeitige Rückgang von Spenden führen bundesweit zu einem Ausnahmezustand bei der Verteilung von Lebensmitteln (ebd.). Gleichzeitig werden die Tafeln dafür kritisiert, dass sie einen Beitrag zur Aufrechterhaltung einer mangelhaften Versorgung und eine kategorische Exklusivität innerhalb dieser Versorgungsstrukturen leisten (Lorenz 2010: 11).

Indem hochwertiges und schön angerichtetes Essen am Tisch serviert wird und Lebensmitteltüten unabhängig vom Einkommen ausgegeben werden, finden in der ada_kantine dagegen Sorgepraktiken statt, die Gäst:innen nicht explizit als bedürftige Personen markieren. Darüber hinaus kann das Servieren von Essen und das Sich-Bedienen-Lassen sowohl von Gäst:innen als auch adaist:innen als eine performative Arbeit verstanden werden. Diese birgt das Potenzial, klassisch-karitative Sorgesubjektivierungen wie bittstellende Bedürftige und fürsorgliche Ehrenamtliche für den „Moment der Begegnung“ (Gabauer et al. 2022: 11) am Empfang oder am Tisch zu irritieren. Subjektpositionen werden dabei nicht als fixe Identitäten hervorgebracht, sondern in einem sozio-materiellen sowie in gesellschaftliche Machtverhältnisse eingebetteten Gefüge und somit als wandelbar begriffen. Darüber hinaus wird in der ada_kantine immer wieder darüber diskutiert, das Angebot auszuweiten und etwa Rechtsberatungen, mobile Friseursalons oder sozialarbeiterische Tätigkeiten anzubieten, die den Restaurantcharakter ergänzen könnten. Hier zeigt sich jedoch eine grundlegende Skepsis:

„Aliya: Wir wollen ja auch eigentlich nicht nur ein Ort für Bedürftige sein, sondern wir wollen, dass alle Leute herkommen und es sich eben vermischt. Und dann ist natürlich die Frage, wenn wir solche Angebote schaffen, sorgen wir nicht dann dafür, dass sich die [adaist:innen, Gäst:innen mit Bedarf nach solchen Angeboten und Gäst:innen ohne Bedarf an solchen Angeboten] gegebenenfalls wieder ein bisschen trennen? Oder würde das überhaupt wahrgenommen werden, weil es natürlich auch immer wieder eine Hürde ist? Und dann ist es vielleicht auch cooler, dass es halt solche Angebote woanders gibt, wo die Leute hingehen können. Und dass hier ein Ort ist, der Normalität an der Stelle bietet.

Nils: Ja, und dann gäbe es ja auch wieder Expert:innen und Leute, die Leistungen in Anspruch nehmen. Und das ist ja eigentlich hier nicht der Fall. Und ich glaube, das hat auch seine Vorteile.“

(I: adaist:innen Aliya und Nils, 26.6.2022)

Dass die beiden die Idee einer „gesonderten und damit auch sondernden Infrastruktur“ (Jahre/Schmiz 2023) ablehnen, unterstreicht den Versuch, Sorgeleistungen nicht als „gruppenspezifisches Angebot“ (ebd.) mit klarer Hierarchie zwischen Helfenden und Empfangenden zu organisieren. Auch andere Sorgepraktiken, etwa die Nachfrage, wie das Essen tatsächlich geschmeckt hat (I: adaistinnen Milena und Deborah, 30.9.2022), geben erste Hinweise auf mögliche Verschiebungen innerhalb der Widersprüche zwischen einer oftmals paternalistischen Praxis der Almoseninfrastruktur in Deutschland und dem „Anspruch, hier ein solidarischer Ort zu sein, in dem Menschen völlig losgelöst davon, was sie auf dem Konto haben, was sie für einen Pass haben oder so, einfach herkommen können“ (I: adaist Luc, 28.9.2022).

In solchen Momenten wird Sorge in der ada_kantine radikal insofern, als sie zeigt, dass „es nicht sozial-schwache Menschen [gibt], sondern ein sozial-schwaches System, dass es erst möglich macht, dass Menschen auf der Straße leben“ (Heindl 2022). Die Praktik des Servierens von Essen ist nicht nur eine nette Geste, vielmehr steckt darin eine grundlegende Kritik an der gegenwärtig von Klassismus geprägten Versorgung mit Lebensmitteln für marginalisierte Personengruppen, etwa wohnungslose Menschen.

3.2. Neue Räumlichkeiten suchen

Der Mietvertrag für die Räumlichkeiten auf dem alten Campus in Bockenheim, in der die ada_kantine kocht, war von Anfang an nur befristet – als Zwischennutzung. Die Frage, ob die ada_kantine weiter bestehen kann und wo sie hinziehen könnte, wird in der Arbeitsgruppe „ada bleibt!“ diskutiert. Einen Raum mit Kochgelegenheit und Platz für Gäst:innen sicherzustellen, ist angesichts der Zwänge wettbewerbsorientierter Stadtentwicklung eine komplexe Herausforderung. Seit einiger Zeit gibt es die Hoffnung, in ein anderes Gebäude auf dem alten Campus umziehen zu können – das Juridicum:

„Wenn es jetzt zum Beispiel um den Umzug ins Juridicum geht, dann werden wir getragen vom Sozialdezernat in Frankfurt, die nämlich die Idee haben, da kommen Geflüchtetenwohnungen rein. Und wenn du dann als Sozialdezernentin denkst, die [Geflüchteten] können wegen Brandschutz dort nicht kochen, müssen aber irgendwo essen und dann könnte man da eine Küche einrichten, dann kann die ada das machen. Aber [...] das Projekt muss immer aufpassen, dass es sich gerade nicht von Institutionen sozusagen auf so einen Schlitten setzen lässt. Zu sagen, dann macht ihr das halt für uns, dann sind wir eine Sorge los. So ehrbar das auch ist, finde ich, dass die ada da so ein bisschen eine andere Perspektive hat.“

(I: adaist Kai, 28.9.2022)

Kai rekurriert hier mit der Metapher der Schlittenfahrt auf die Gefahr, dass die ada_kantine als kostenlose ehrenamtliche Ressource für die sozialstaatliche Krisenbearbeitung – in diesem Fall bei der Verschränkung von Care- und Ernährungskrise – in die Pflicht genommen wird (van Dyk/Haubner 2021). Über diese Gefahr wird intern diskutiert:

„Es ist auch die Frage, was wir als ada der Stadt eigentlich abnehmen an ‚Sorge‘ (lacht etwas), also und auch an strukturellem Mangel. Und da Parallelstrukturen aufzubauen, war immer eine kritische Frage, auch als wir uns [um die Nahrungsversorgung] für Geflüchtete aus der Ukraine gekümmert haben.“

(I: adaistin Lilly, 22.9.2022)

Für ihr Fortbestehen ist die ada_kantine dringend auf neue Räum­lichkeiten angewiesen – und damit auch auf die Gunst der zuständigen Sozialdezernentin. Wie ein strategisches Sich-Indienstnehmen-Lassen aussehen kann und zu welchen Kompromissen die ada_kantine bereit ist, um einen neuen Raum zu erhalten, wird häufig im Plenum thematisiert. Gleichzeitig wird klar, dass die bloße Forderung nach mehr staatlichen Sorgeleistungen zu kurz greift:

„Ich glaube nicht, dass man einfach so eine politische Forderung ‚der Staat muss das alles ersetzen‘ [anbringen sollte], weil das kann er in der Vielschichtigkeit gar nicht ersetzen. Man kann jetzt nicht nur sagen, der Staat sollte vielleicht Leistungen erhöhen, das kann man vielleicht auch sagen, aber der Staat soll sich nicht wieder alleine (betont) um alle Bedürfnisse der Menschen kümmern, sondern Initiativen wie die ada daran teilhaben lassen. Die [Initiativen] muss es schon immer geben, weil du damit wesentlich vielschichtiger Bedürfnisse befriedigen kannst, als so eine Verwaltung, die ja immer sagen muss, wir haben 1000 Leute, die kommen aus da und daher und deswegen behandeln wir die alle gleich. Und diese Gleichmacherei entspricht ja gar nicht dem Wesen von Menschen (lacht), sondern, also ich glaube, da spielt die ada schon eine Rolle, wenn du fragst, wo werden doch so Grundbedürfnisse befriedigt, die der Staat nicht befriedigt, aber ich weiß gar nicht, ob der die so gut befriedigen kann.“

(I: adaist Kai, 28.9.2022)

In solchen Momenten wird Sorge in der ada_kantine insofern radikal, als hier die Frage virulent wird, inwiefern sich städtische Sorgepolitiken durch rebellische Praxen der Selbstorganisierung umgestalten lassen. So skizziert auch Tine Haubner in Bezug auf ihre Analyse zum Community-Kapitalismus: „Es geht darum, die Polarität zwischen öffentlicher und privatwirtschaftlicher Daseinsvorsorge aufzubrechen und die Rolle des Öffentlichen dahingehend neu zu denken, dass sie im Zusammenspiel mit Zivilgesellschaft neu bestimmt wird.“ (Haubner 2023) Konkret deutet sich in der Frage nach einer rebellischen Selbstorganisierung an, wie die neoliberale Strategie eines Outsourcings von Sorge umgekehrt und im Sinne eines Insourcings (Saltiel/Strüver 2022: 161) oder einer bottom-linked governance (Vollmer/Calbet i Elias 2022: 21) umgestaltet werden könnte. Damit ist der Versuch gemeint, zivilgesellschaftliche und aktivistische Forderungen (in diesem Fall „ada bleibt!“) in kritischer Zusammenarbeit mit sozialstaatlichen Akteur:innen sicherzustellen. Um durch diese Zusammenarbeit nicht in neoliberaler Manier eine einseitige Entlastung des Staates zu befördern, sondern kooperative Strategien auf Augenhöhe zu ermöglichen, schließt die ada_kantine sich mit anderen Initiativen zum Bündnis „Kulturcampus selber machen“ zusammen (Feldnotiz vom 25.6.2024). Gemeinsam mit dem Studierendencafé KOZ, der zeitweise besetzten Dondorf-Druckerei sowie dem Offenen Haus wird mit der Stadt über Raumnutzungsmöglichkeiten des alten Universitätscampus Bockenheim verhandelt – jenseits kapitalistischer Verwertungslogiken. Klar ist, dass es der ada_kantine nicht nur um eine Verbesserung staatlicher Daseinsvorsorge geht, sondern um das politische Eintreten für ein bedürfnisorientiertes und demokratisches Mitentscheiden darüber, wie diese ausgestaltet werden kann. Denn die Komplexität von Sorgebedürfnissen können staatlich professionalisierte Sorgeangebote bislang gar nicht vollständig abdecken. Damit schreibt sich in die Suche nach Räumlichkeiten immer auch die Forderung nach sicheren Rahmenbedingungen für ein umfassenderes Sorgeangebot ein.

3.3. Sich um das Team kümmern

Seit drei Jahren, so erzählte mir adaistin Lina, „haben wir es immer geschafft, irgendwas Leckeres auf den Tisch zu stellen, und wenn es dann nur Eintopf gab“ (I: adaistin Lina, 4.6.2022). Doch gerade während des Sommerlochs oder in besonders stressigen Hochphasen kommt das Team mit Catering, Lebensmittelabholungen und über 200 Gäst:innen an Spitzentagen doch an die Grenzen seiner Belastbarkeit. Während der oft hektischen Betriebstage, so Lina weiter, „merkt man gar nicht selbst, in was für Stresssituationen man so reinkommt“ (ebd.). Im Kantinenalltag besteht eine Herausforderung für die adaist:innen darin, den Bedarf an Fürsorge abzudecken. Sie fragen sich, was mit den knappen Ressourcen realisiert werden kann. Durch den steigenden Bedarf an warmen Mahlzeiten und die prekären sowie sehr flexibel organisierten ehrenamtlichen Strukturen entstehen Care-Lücken und Überlastungen im Team. Die alltägliche Sorgearbeit ist zwar anstrengend und erschöpfend, gleichzeitig betonen viele adaist:innen den sinnstiftenden sowie struktur- und energiegebender Charakter ihrer Tätigkeit. Auf den Plena thematisieren sie Lösungsvorschläge, wie das Team mit Kapazitätsengpässen umgehen kann, damit der „ada Organismus“ (I: Enno, 27.6.2022) nachhaltig funktioniert und adaist:innen nicht über ihre Grenzen gehen müssen. Die Strategien reichen von „notfalls Lebensmittel wegwerfen, bevor dann Leute auf dem Zahnfleisch gehen“ über „das Küchenteam soll bei der Essensplanung auch schauen, wie viele im Service und in der Spülküche sind und dann Geschirr reduzieren“ bis hin zu dem Vorschlag, „bevor Leute ausbrennen, können wir auch Betriebstage und die Komplexität beim Essen reduzieren. Die Entspannung, die daraus entsteht, haben manche noch gar nicht erlebt.“ (Feldnotiz vom 20.9.2022)

In meinen Gesprächen mit adaist:innen wurde deutlich, dass neben den bei Plena besprochenen Ansätzen, mit den alltäglich zu hohen Anforderungen umzugehen auch auf individueller Ebene unterschiedliche Strategien existieren, die beim alltäglichen Miteinander thematisiert werden: So sehen viele adaist:innen die Möglichkeit, anders als in gängigen Lohnarbeitskontexten „die eigene Frequenz zu finden” (I: adaist Moritz, 4.6.2022), etwa in Bezug auf die Häufigkeit, mit der sie eine Schicht übernehmen, auf das Arbeitstempo oder auf die Anzahl und Länge von Pausen. Sie beschreiben die ada_kantine als Ort, der die Möglichkeit gibt, im Vergleich zu gängigen Lohnarbeitskontexten „die eigene Frequenz zu finden” (I: adaist Moritz, 4.6.2022) und „auf sich selbst hören zu lernen“ (I: adaistin Nathalia, 4.10.2022). Dass der Kantinenbetrieb in einem ehrenamtlichen Kontext stattfindet, in dem „man auch viel Nein sagen darf“ (Feldnotiz vom 13.09.2022), wird im Plenum immer wieder deutlich. Mehrere adaist:innen verwiesen darauf, dass die ada_kantine für sie ein Lernraum ist, an dem sie individuell Nein-Sagen erlernen und einen Umgang des Teams mit individuellen Neins als Form der Selbstfürsorge etablieren können: „Es die Aufgabe der anderen, sozusagen keinen Rechtfertigungsdruck aufzubauen“ (ebd.), wenn ein:e adaist:in zu einer an sie herangetragenen Aufgabe nein gesagt hat. Neben dem Umgang mit Neins haben sich in der ada_kantine weitere kollektive Selbstfürsorgestrategien etabliert, etwa das gemeinsame Essen beim Plenum oder das gegenseitige Nachfragen, ob jemand schon Pause gemacht hat.

Die entstehende Atmosphäre befördert das individuelle Eintreten für die eigenen Bedürfnisse und ermöglicht kollektive Strategien, diese in ihrer Heterogenität zu unterstützen. Dabei bleiben zwangsläufig Spannungen zwischen Flexibilität und Verbindlichkeit im Ehrenamt bestehen: Zum einen führen Wissenshierarchien innerhalb des Teams dazu, dass einige wenige adaist:innen einen höheren mental load haben, während viele Helfende das Ausmaß an Aufgaben gar nicht überblickenund mitdenken können. Während eines internen Ada-Wochenendes entstand ein großes Wandplakat, das Arbeiten visualisiert und der Disbalance begegnen und einen Wissenstransfer über die internen Abläufe generieren soll. Dieser Transfer funktioniert jedoch nur bedingt in einem Ehrenamt, das keiner langen Einarbeitungszeit bedarf: Diejenigen, die häufig und schon lange dabei sind, sind oftmals auch dieselben, die sich eher verpflichtet fühlen, zusätzliche Aufgaben zu übernehmen oder bei großen Lücken im Schichtplan einzuspringen. Damit sind sie langfristig eher der Gefahr einer Überlastung ausgesetzt. Zum anderen stellt man in der ada_kantine die in ehrenamtlichen Kontexten gängige Notwendigkeit von Verbindlichkeit trotz hoher Flexibilität durch die emotional-affektive Ebene des Sich-aufeinander-Beziehens und ein geteiltes Verantwortungsgefühl für die Aufrechterhaltung des Betriebs her – im Gegensatz zu Strategien der Herstellung von Verbindlichkeit über klar festgelegte Arbeitszeiten oder an bestimmte Personen gebundene Aufgabenbereiche. Ein Verantwortungsgefühl entsteht für viele dadurch, dass die ada_kantine sowohl für Helfende als auch Gäst:innen ein wichtiger Ort für die eigene Selbstfürsorge ist. So erzählt eine adaistin: „Also tatsächlich ist es so, dass während den Lockdownphasen weiß ich nicht, wie es mir psychisch gegangen wäre, wenn die ada nicht da gewesen wäre […]. Weil das einfach der Ort war, wo man Menschen getroffen hat, wo ich mit anderen Leuten was essen konnte, wo ich was zu tun hatte, wo‘s halt irgendwie ein bisschen normal war“ (I: adaistin Aliya, 26.6.22). Der Kantinenbetrieb ist seit Beginn des Projekts im Sommer 2020 durchgängig geöffnet, wenn auch zu Pandemiezeiten mit geringeren Kapazitäten für Gäst:innen, ausschließlich draußen und mit strengen Hygienevorschriften. Andere adaist:innen berichten, dass die ada_kantine auch jenseits von Lockdowns „unglaublich viel Halt und Struktur“ gebe (I: adaist Nils, 26.6.2022) und wie schön es sei, „einen Ort zu haben, wo man eigentlich zu vielen Zeiten irgendwie einfach hinkommen kann, und man jemanden sieht, den man dann kennt oder mag oder so diese Gemeinschaft hat“ (I: adaistin Deborah, 30.9.2022). Mehr noch, sei „die ada ein Ort, der in manchen Extremsituationen schon auch ein bisschen ein Auffangnetz sein kann. Ja so psychosozial, dass man Unterstützung findet und dann auch gekoppelt mit materiellen Ressourcen“ (I: adaist Nils, 26.6.2022).

In solchen Momenten wird Selbstfürsorge in der ada_kantine radikal insofern, als der relationale Charakter von Selbstfürsorge anerkannt und damit einer neoliberalen und westlichen Vorstellung individualisierter Selbstfürsorge entgegengetreten wird. Das gegenseitige Beachten und kollektive Sorgen umeinander irritiert die Idee eines autonomen selbstfürsorglichen Subjekts (Fokianaki 2021). Durch die Verankerung einer Ebene der Reflexion über individuelle und kollektive Ressourcen sowie Möglichkeiten der Selbstfürsorge festigt sich diese Anerkennung. Diese radikal-selbstfürsorglichen Versuche bringen im Alltag prekärer ehrenamtlicher Arbeit jedoch Herausforderungen mit sich: Die Möglichkeiten, die Kapazitätsengpässe und die wachsenden Anforderungen an die ada_kantine intern abzufedern, sind begrenzt und stets von Kurzlebigkeit, Unsicherheit und Geringschätzung des Ehrenamts geprägt. Die finanziellen, zeitlichen oder zwischenmenschlichen Möglichkeiten, sich hinreichend um sich selbst zu sorgen – und damit langfristig auch die Voraussetzungen zur Sorge um andere mitzubringen, sind höchst unterschiedlich verteilt. In der ada_kantine wird zwar auf die strukturellen Bedingungen der Selbstfürsorge im sorgenden Alltag hingewiesen. Die Möglichkeiten, entsprechende Ressourcen zur Verfügung zu stellen – etwa durch die Schaffung bezahlter Stellen oder die Bereitstellung eines Ortes zum Aufwärmen oder Schlafen neben dem Essen – überschreiten jedoch schnell den eigenen Handlungsspielraum. Gleichzeitig gibt es diverse Versuche einer Distanzierung vom Alltagsgeschäft beziehungsweise von einer bloßen Verwaltung von Armut, beispielsweise bei politischen Picknicks, während interner Ada-Wochenenden oder in künstlerisch-performativen Diskursformaten. Diese sollen eine kritische Bezugnahme auf diese Bedingungen ermöglichen. So wurde beispielsweise beim Symposium „Akademie der radikal Sorgetragenden“ im Oktober 2022 in der ada_kantine nicht nur über Sorgearbeit diskutiert. Vielmehr wurde die ada_kantine als Bühne so inszeniert, dass unter dem Motto „how to be not too careful, but full of care?“ zwei Tage lang Sorgetätigkeiten im Vordergrund standen (andpartnersincrime 2022).

4. Von einer radikal sorgenden Stadtteilkantine zu einer radikal sorgenden Stadt?

Die Ergebnisse meiner Sorgenden Ethnographie in der ada_kantine verdeutlichen, wie in den alltäglichen Sorgepraktiken, mit denen hier experimentiert wird, gleichzeitig hegemoniale Sorgeverhältnisse herausgefordert werden: Beim Servieren von Essen wird als performativer Akt versucht, die paternalistischen Vorstellungen von Bedürftigkeit und damit einhergehende Sorgesubjektivierungen aufzubrechen. Auch beim Prozess der Suche nach neuen Räumlichkeiten wird deutlich, dass ehrenamtlich geleistete Sorgearbeit nicht davor gefeit ist, zum Spielball städtischen und damit sozialstaatlichen Zurücklehnens zu werden. Die Radikalität des Sorgens wird hier im konflikthaften Verhältnis zur Stadt deutlich. Die Suche zeichnet sich dadurch aus, dass die Gefahr der Vereinnahmung aktiv mitgedacht oder strategisch in Kauf genommen wird und man einen entsprechenden Diskursraum initiiert. Nicht zuletzt zeigt sich anhand zahlreicher Strategien kollektiver Selbstfürsorge eine radikale Kritik am neoliberal geprägten Verständnis von individueller Selbstfürsorge.

Im Mikrokosmos einer solidarischen Stadtteilkantine werden hier tagtäglich konflikthafte Formationen des Sorgens erprobt, deren Radikalität sich trotz unmittelbarer Armutsverwaltung durch ein widersprüchliches Experimentieren mit alternativen Sorgepraktiken auszeichnet. Auch adaist:in Ida skizziert, dass „die ada_kantine halt ein Ort ist, der so ein bisschen eine Form von Wirklichkeitsbehauptung macht und im Prinzip so ein Theater der Potenzialität ist, in dem Sinne, dass dort Sachen probiert werden, die vielleicht an anderen Orten als nicht möglich erscheinen, und eine andere Form von Zusammenkommen dort möglich ist […]. Und natürlich haben wir darin total viele tote Winkel.“ (I: Ida, 17.5.2022) Barbara Fried (2023) betont in der Debatte um Sorgende Städte, wie wichtig solche Orte sind – als transformative Einstiegsprojekte für eine Sorgende Stadt, „die dort ansetzen, wo die alltägliche Care-Krise stattfindet und überwunden werden kann“. Daran anknüpfend möchte ich abschließend anhand dreier Teilaspekte umreißen, welchen Beitrag das radikale Sorgen in der ada_kantine zu einer „sorgende Urbanisierung“ (Strüver 2021: 169) leisten kann.

Erstens kann die ada_kantine als Stichwortgeberin für die kollektive Mitbestimmung im Sinne eines demokratischen Umbaus der Daseinsvorsorge fungieren. Neben einer grundsätzlich basisdemokratischen Organisierung im Team zeigt sich das auch an einem tatsächlichen Interesse an den Sorgebedürfnisse der Gäst:innen anstelle paternalistischer und universeller Annahmen über Sorgebedarfe. So werden beispielsweise im Rahmen von Weihnachtsaktionen konkrete Wunschlisten eingefordert und Wünsche nach Möglichkeit erfüllt, anstatt standardisierte Geschenke als altruistische Gesten auszugeben (I: adaistin Feli, 29.9.2022). Auch wird an einer Demokratisierung gearbeitet. Die ansonsten oftmals hierarchisch strukturierte und starre Gegenüberstellung von Sorgeempfangenden und Sorgetragenden ist in der ada_kantine bewusst poröser. Ein Rollenwechsel zwischen Gäst:in und adaist:in ist möglich, wird aber keineswegs erwartet. Augenscheinlich wird hier die Aushandlung darüber, wie Partizipation möglich ist. Die Partizipation ist keineswegs verpflichtend und Phasen des Engagements dürfen in Phasen des Sich-Bedienen-Lassens übergehen und andersherum. So werden beispielsweise Menschen, die eher als adaist:innen gelesen werden am Empfang häufig gefragt: „Ach schön, bist du heute einfach nur zum Essen hier?“. Dieser poröse Charakter stellt die Relationalität des Sorgens heraus, ohne diverse (De-)Privilegierungsmechanismen des Sorgetragens und -empfangens zu unterschlagen. Der Rollenwechsel ermöglicht es Menschen auch, eine temporär sorgetragende Position einzunehmen, was ihnen auch viel zurückgeben kann. Gleichwohl geht mit dieser Porosität auch eine durchaus erwünschte Niedrigschwelligkeit und zeitliche Flexibilität für adaist:innen einher. Eine Vergrößerung und Professionalisierung des Konzepts solidarische Stadtteilkantine und eine damit einhergehende Effizienzsteigerung ehrenamtlichen Sorgetragens könnte diese beispielsweise nur bis zu einem gewissen Grad tragen (van Dyk/Haubner 2021: 96 f.). Das transgressive Potenzial steckt hier weniger in der Demokratisierung konkreter Kochentscheidungen als im Servieren von Essen, das sowohl die Bedürfnisse von adaist:innen als auch Gäst:innen zu vereinen versucht.

Zweitens zeigt sich in der ada_kantine die zentrale Rolle sogenannter Einstiegsprojekte bei der alltäglichen Sicherstellung der materiellen Ressourcen für eine Sorgende Stadt. So sagt adaist Luc: „Ich [habe] das Gefühl, dass das schon so ein bisschen eine gelebte Utopie hier ist, weil wir irgendwie so in dieser Realität von Frankfurt einen Ort etabliert haben, der eigentlich nicht den typischen Großstadtzwängen unterworfen ist.“ (I: Luc, 28.9.2022) Das Sorgen um langfristig nutzbare Räumlichkeiten wird politisiert und damit die fehlende Verfügbarkeit von Freiräumen in einer unternehmerisch geprägten Stadt problematisiert. Dabei zeigt sich, dass für eine „feministische Vergesellschaftung von Care“ (Fried/Wischnewksi 2023) die Sicherstellung der materiellen Grundlagen – in diesem Fall Räumlichkeiten und Küchenequipment – unabdingbar ist. Ein weiteres Beispiel für die Suche nach Raumpotenzialen im Sinne einer sorgenden Urbanisierung ist die derzeit diskutierte Idee eines Sorgezentrums. Beispielsweise schlägt die Kampagne „Sorge ins Parkcenter“ (2024) vor, ein leer stehendes Einkaufszentrum im Berlin-Treptow zu einem Ort für gemeinschaftlich organisierte Sorgearbeit umzugestalten.

Drittens zeigt beispielsweise das in Kapitel 3.3 herausgearbeitete geteilte Verantwortungsgefühl, dass es neben den gemeinschaftlich verfügbaren Ressourcen wie Räumlichkeiten auch Orte wie die ada_kantine braucht, um eine andere sorgende Sozialität überhaupt emotional-affektiv erfahren zu können. Die letzten Jahrzehnte des Neoliberalismus, so Mike Laufenberg (2023) in Anlehnung an die Social-de-skilling-These, haben uns „als eher ängstliche Subjekte sozialisiert, die Angst haben nicht gehalten zu werden. Und daher braucht es Räume, um wieder zu lernen, was es bedeutet und wie es sich anfühlt, wieder einander zu vertrauen, sich umeinander zu sorgen.“ Auch Zechner macht deutlich, dass ein Care-Munizipalismus nicht mit einer von städtischen Akteur:innen initiierten Idee von Gemeinschaft entsteht, sondern nur mit „sorgenden Gemeinschaften von unten“ (Zechner 2021: 168; Übers. d. A.) funktionieren kann. Um eine feministische Vergesellschaftung sozialer Reproduktion im Allgemeinen und das Fortbestehen der ada_kantine im Speziellen überhaupt als sinnhaft und begehrenswert zu begreifen – und zwar nicht nur in linken Szenekontexten, sondern für eine breitere Stadtgesellschaft –, braucht es Orte der Begegnung, die das (Wieder-)Erlernen vertrauensvoller, solidarischer Beziehungsweisen für eine sorgende Gemeinschaft jenseits von Kernfamilie oder Freund:innenschaften ermöglichen. In der ada_kantine werden solche Begegnungen neben dem regulären Kantinenbetrieb beispielsweise im Rahmen der rider cantina möglich. Unter dem Motto „gratis Mittagsessen mit Kollegen“ können prekär beschäftigte Plattformarbeiter:innen von Essenlieferdiensten hier niedrigschwellig bei einem warmen Mittagessen miteinander ins Gespräch kommen. Auch der Film Eigenbedarf – Leben auf dem Schleudersitz (Knipping und Trammer 2022) mit anschließender Diskussion in der ada_kantine brachte im Oktober 2022 eine Gruppe von Menschen dazu, die Frage nach mangelndem Wohnraum dahingehend in politische Aktionen umzusetzen. Kurze Zeit später unterstützten adaist:innen maßgeblich eine Hausbesetzung in der Günderrodestraße (Grodensky 2022). Dort wurde für und mit wohnungslosen Menschen ein temporäreres Zuhause für die Wintermonate erkämpft. Nach mehrfacher Duldung ergaben Verhandlungen mit der Stadt ein Weiterbestehen des Wohnprojektes in einem neuen Objekt im Frankfurter Stadtteil Höchst. Neben dem Kantinenbetrieb bietet die ada_kantine also einen Ort des Zusammenkommens und der Solidarisierung an. Dieser unterstützt sowohl Gäst:innen als auch adaist:innen – sei es als Nährboden für das Erstreiten besserer Arbeitsbedingungen im Bereich gering bezahlter Sorgearbeit oder durch die Schaffung kostenlosen Wohnraums als sorgende Infrastruktur (Thompson 2024).

Was diese drei Teilaspekten deutlich machen, ist das transgressive Potenzial der ada_kantine als einem „Ort der Wirklichkeits­behauptung“ (I: Ida, 17.5.2022) für eine sorgende Urbanisierung in Frankfurt – ohne dabei die Widersprüchlichkeiten einer kapitalistischen Stadt und Geringschätzung von Sorgearbeit zu unterschlagen oder einen urbanen Experimentalismus unreflektiert zu befürworten (Dzudzek 2024). Was meine Sorgende Ethnographie lokal gezeigt hat, verdeutlicht die Notwendigkeit weiterer feministisch-stadtgeographischer Auseinandersetzungen mit den Möglichkeiten der Infrastrukturierung einer sorgenden Stadt – ausgehend von solchen Schauplätzen radikalen Sorgens. Mit Infrastrukturierung meine ich das materielle und symbolische Aufbrechen der hegemonialen Versorgungsformen sowie den Versuch, alternative Beziehungsweisen in tragende Strukturen zu übersetzen, um diese langfristig in die Stadt einzuschreiben (Lock 1993; zu sorgenden Energieinfrastrukturen vgl. Aue 2024). Für das Wie des Infrastrukturierens liefert die ada_kantine erste Ankerpunkte, deren Verschränkung mit Ideen von care als urban common (Federici 2020), mit solidarischer Gemeinwesenarbeit, aber auch mit der Forderung „Shoppingmalls zu Sorgezentren“ (Sorge ins Parkcenter 2024) weiterführend diskutiert werden sollte. Die Idee einer radikal Sorgenden Stadt ist hier schon in vollem Gange, und zwar weniger als explosive Geste denn in den alltäglichen Widersprüchlichkeiten kollektiven Kochens.

Danksagung

Ich möchte mich ganz herzlich bei allen adaist:innen bedanken, die diese Feldforschung erst möglich gemacht haben. Auch ich drücke die Daumen, dass die ada bleibt! Darüber hinaus danke ich den zwei Gutachter:innen sowie Nina Gribat für die sehr wertschätzenden Rückmeldungen zu früheren Versionen dieses Artikels. Danke für den inhaltlichen und emotionalen Support auch an die Arbeitsgruppe Kritische Stadtgeographie der Universität Münster und Rosa Aue.