Es klafft eine Lücke in der kritischen Stadtforschung, was die Kinder angeht, die in der Stadt leben. Während noch bis vor wenigen Jahrzehnten angesichts gewaltiger (Sub-)Urbanisierungsprozesse kontrovers diskutiert wurde, was die moderne Großstadt ihren Kindern an Erlebnisqualitäten und -orten überhaupt noch zu bieten hat, ist es zuletzt um das spezifische Verhältnis von Stadt und Kindheit vergleichsweise still geworden. Das mag vor allem daran liegen, dass das alte Schreckgespenst städtischer Kindheit sein bedrohliches Gesicht ein Stück weit verloren hat, seitdem sich Kindheit in Ländern des globalen Nordens immer umfänglicher in verhäuslichten Räumen und eigens für Kinder erdachten Institutionen abspielt – und die Kindheitsforschung ihnen in diese Räume gefolgt ist. Mit der aktuellen Corona-Krise rücken nunmehr wieder verstärkt die spezifischen Lebenswirklichkeiten von Kindern in Städten in den Blick, zeigen die „social distancing“-Maßnahmen doch wie durch ein Brennglas, dass Kinder in ihren Bewegungsmöglichkeiten im öffentlichen Raum wesentlich stärker eingeschränkt und an die häusliche Sphäre gebunden sind als Erwachsene. Für Kinder ist die Straßenöffentlichkeit der Stadt jedoch (immer noch) ein wichtiger Erlebnisraum. Kinder gestalten die Stadt auf ihre Weise mit und fordern bestehende Ordnungen und Kontrollbestrebungen urbaner Gesellschaften heraus. Das macht sie für eine kritische Stadtforschung interessant, die nach machtvollen Verräumlichungspraktiken einerseits und emanzipatorischen Potenzialen von Stadt andererseits fragt.

Mit diesem Themenschwerpunkt richtet sub\urban zusammen mit Verena Schreiber als externer Herausgeberin den Blick auf Kinder in der Stadt, die in der aktuellen kritischen Stadtforschung bislang nur selten die uneingeschränkte Aufmerksamkeit auf sich ziehen können. Wir freuen uns über Beitragsvorschläge, die zum Beispiel

  • die Beziehung von Stadt und Kindheit aus einer theoretisch-konzeptionellen Perspektive in den Blick nehmen. Inwieweit ist die gegenwärtige Stadt aus einem machtanalytischen Blickwinkel Ausdruck eines pädagogischen und/oder generationalen Verhältnisses zwischen Erwachsenen und Kindern? Mittels welcher Mechanismen reguliert die Stadt, in welche Beziehung junge Menschen zur Welt eintreten können? Wo dressiert sie, wo ist sie emanzipatorisch?
  • Spuren zu den städtischen Räumen gegenwärtiger Kindheit aufnehmen und nach den Bedeutungen dieser häufig unbedachten Ereignis- und Erlebnisorte für Kinder fragen. Hier wird auch zu diskutieren sein, wie das Städtische in Bezug auf Kindheit überhaupt gefasst werden kann, wenn sich das Leben von Kindern vorrangig in privaten und öffentlichen Institutionen vollzieht?
  • aktuelle Krisen (Klimawandel, Corona-Krise etc.) in ihren Auswirkungen auf Kindheit in der Stadt betrachten. Wie nehmen die in Zeiten von Corona verordneten Kontaktsperren Einfluss auf das Leben von Kindern und wie verstärken diese bestehende Ungleichheiten? In welcher Weise begreifen sich junge Menschen aber auch als kompetente Akteur_innen und Expert_innen ihres eigenen Lebens? Wie nutzen sie angesichts des Klimawandels den städtischen Raum als Ort des Protests, um ihrer Sorge um die Welt Ausdruck zu verleihen?
  • die Rolle von Kindheit in neuen Stadtvisionen (z. B. Smart City) und Beteiligungsformen von Kindern in neuen Stadtinitiativen (z. B. Transition Towns, Sanctuary Cities) diskutieren.
  • aus einem pädagogischen Anliegen heraus Utopien entwerfen, wie Kinder an der Entwicklung einer anderen Stadt mitwirken können.

Bitte reichen Sie Ihre Abstracts für Aufsätze, Magazinbeiträge oder Debattenvorschläge im Umfang von 300-500 Wörtern mit Angaben zu Fragestellung, methodischem Vorgehen, theoretischem Ansatz und ggf. zur empirischen Basis bis zum 31.07.2020 ein. Auch Vorschläge für Rezensionen aktueller Bücher zum Thema nehmen wir gerne entgegen. Richtlinien für Autor_innen und nähere Informationen zu den einzelnen Rubriken der Zeitschrift finden sich unter: http://www.zeitschrift-suburban.de/sys/index.php/suburban/about/submissions.

Die Aufsätze durchlaufen im Vorfeld der Publikation ein Peer-Review-Verfahren. Wir bitten nur um Einreichungen, für die sichergestellt ist, dass der vollständige Aufsatz bis zum 30.11.2020 nach Einladung eingereicht werden kann. Die Veröffentlichung des Themenschwerpunktes ist für Herbst 2021 geplant. Zusendungen der Beitragsvorschläge als Word-Dateien erbitten wir an: verena.schreiber@ph-freiburg.de und info@zeitschrift-suburban.de