Die interdisziplinäre Stadtforschung hat sich in den vergangenen Jahren weiter ausdifferenziert. Nie zuvor wurde so viel über städtische Phänomene, Urbanisierungsprozesse und urbane Theorien geforscht wie heute. Solche Forschungen werden mit unterschiedlichen Zielen und von unterschiedlichen Startpunkten aus betrieben, die sich auf unterschiedliche Traditionen und Routinen berufen. Was sich im anglo-amerikanischen Sprachraum als urban studies etabliert hat, ist hierzulande weiterhin breiter aufgefächert und dezentraler organisiert. Stadtwissen entsteht dabei nicht zuletzt auch außerhalb der Akademie: in den urbanen Bewegungen, in Initiativen und im stadtpolitischen Handeln. Dieses weite Feld der Entstehung von Stadtwissen und der damit verbundenen Positionierung wollen wir mit unserer sub\urban-Jubiläumsausgabe sichten. Wir möchten unser Zehnjähriges dafür nutzen, Erkundungen in verschiedene Bereiche der Stadtforschung und der urbanen Wissensproduktion zu versammeln und dabei mögliche Konturen aktueller Positionsbestimmungen zu erörtern.

Mit dem call for papers „sub\x: Verortungen, Entortungen“ möchten wir Autor_innen einladen, in ihren Beiträgen das Urbane als Variable zu betrachten. Das x hält den Platz offen und fordert dazu auf, ihn aus den eigenen Perspektiven und Positionierungen heraus neu zu füllen – und die eigenen Perspektiven dabei auch in die Reflexion einzubeziehen. Das Urbane hat aus unserer Sicht immer wieder als ein Freihalter fungiert, der ausreichend unbestimmt ist, um eine Vielzahl von kritischen Positionen zu versammeln. Diesen Ansatz möchten wir hier kenntlich machen und in den Mittelpunkt stellen, weshalb sub\x nach expliziten und impliziten Interpretationen des Städtischen sucht.

Jedoch ist nicht nur das ‚urban‘ in ‚sub\urban‘ ein x, auch das ‚sub‘ ist von unterschiedlichen Richtungen aus zugänglich. Aus Sicht des Redaktionskollektivs von sub\urban war das sub von Anfang an etwas, das vielleicht als ein ‚halbleerer Signifikant‘ bezeichnet werden kann. Das sub, so unsere Intention, transportiert ein Stück weit das Kritische eines kritischen Stadtforschungsansatzes. Ein solcher Ansatz ergreift Partei, er verbündet sich mit dem Unten, und beleuchtet die Dinge (und Nicht-Dinge) von unten – er nimmt gewissermaßen ihre Unterflächen und Unterströme in Augenschein. Gleichzeitig – auch darum geht es – lässt sich das sub verschiedenartig lesen: als subversiv, suboptimal, subaltern, subkulturell, substanziell, subjektiv, sublim, subtil, suburban[1]

Mit unserem call for papers laden wir Beiträge aus der kritischen Stadtforschung ein, die das Urbane der kritischen Stadtforschung thematisieren. Wir wünschen uns Texte, die über die Bedeutung des x in ‚sub\x‘ nachdenken. Ein solches Nachdenken kann viele Formen annehmen, etwa die Form von:

  • empirischen Untersuchungen und künstlerischen Projekten, die explizit bestimmte städtische Dinge oder Prozesse in den Vordergrund rücken;
  • aktivistischen Positionen, die ihre Positionsbestimmung im politisch-urbanen Handeln verorten;
  • historisch-materialistisch informierten Blicken auf planetarische oder nicht-planetarische Urbanisierungen, die in ihrem Fokus das x aufscheinen lassen (oder gerade dies zu vermeiden suchen);
  • Positionen aus Bereichen wie der Metabolismus-Forschung, die das Urbane als Teil von materiellen Strömen, Ökologien und Wechselwirkungen bestimmen;
  • rassismuskritischen, queer- und/oder feministisch verorteten Interventionen, die sich im Feld der Stadtforschung bewegen oder diese thematisieren;
  • radikaldemokratisch und/oder postfundamentalistisch grundierten Bemühungen, die das Urbane zu (ent-)gründen suchen;
  • spektralen Soziologien, die sich auf die Gespenster der Stadt eingelassen haben und mit ihnen ins Gespräch kommen;
  • kritischen Genealogien, die urbane Instrumente, Institutionen oder Begriffe ins Visier nehmen;
  • postkolonialen Analysen, die den globalen Spaltungen und Verflechtungen des sich als urban zu erkennen Gebenden nachgehen.

Dies ist natürlich eine unvollständige Aufzählung, zu deren Ergänzung wir ebenfalls einladen. Gemeinsam soll den Texten der Jubiläumsausgabe aber sein, dass sie ihren Fokus (und/oder ihren Background) mit dem Urbanen in Verbindung bringen und dieses in-Verbindung-bringen reflektieren. Dass sie also ihre Position ver- oder entorten, indem sie sie in ein Verhältnis zur Stadt und/oder zum Städtischen setzen und somit beitragen zu einer Diskussion um die Bedeutung des Urbanen.

Wir freuen uns auf eure Texte! Bitte reicht eure Abstracts für Aufsätze, Magazinbeiträge oder Debattenvorschläge im Umfang von 300-500 Wörtern mit Angaben zu Fragestellung, methodischem Vorgehen, theoretischem Ansatz und ggf. zur empirischen Basis bis zum 15.3.2021 ein über: info@zeitschrift-suburban.de. Auch Vorschläge für Rezensionen aktueller Bücher zum Thema nehmen wir gerne entgegen. Hier finden sich die Richtlinien für Autor_innen und nähere Informationen zu den einzelnen Rubriken der Zeitschrift: https://zeitschrift-suburban.de/sys/index.php/suburban/about/submissions.

Schöne Grüße

die Redaktion von sub\urban

[1] Wobei wir die letztgenannte Lesart immer eher als die Ausnahme und nicht als die Regel verstanden haben; der ‚\‘ war nie versehentlich.