Fragen nach sozialen Formen intimer Beziehung und Verbindung in der Stadt haben die Stadtforschung von Anbeginn begleitet. Auch wenn die idealtypische Stadt oft als Raum anonymer Öffentlichkeit und der flüchtigen Begegnung von Fremden konzipiert wurde, so haben viele Arbeiten etwa der Stadtanthropologie oder der Lesbian & Gay und der Queer Studies spezifische Formen intimer Verbindung herausgearbeitet, die in Städten entstehen und das Städtische formen (z. B. Beachy 2015; Delany 1999; Schuster 2010; Nascimento 2018). Diese Arbeiten stehen auch in Bezug zu Diskussionen rund um Stadt und Körper (z. B. Bissell et al. 2020; Hamera 2009; Kern 2012; Wacquant 2014), zu Auseinandersetzungen mit Affekten und Emotionen in der Stadt (z. B. Gammerl und Herrn 2015; Hutta 2018), zu feministischen Beschäftigungen mit dem Verhältnis von öffentlichen und privaten Räumen (z. B. Hartman 2019; Hayden u.a. 2017; Wilson, 1992) oder zu Forschungen zu Städten des Globalen Südens, die auf vielfältige ökonomische, architektonische und soziale Konfigurationen jenseits der Binarität von ‚Innen‘ und ‚Außen‘ verwiesen haben (z. B. Romero et al. 2016; Quayson 2014; Simone 2019; Watson 2017). Fragen der Intimität stellen sich auch im Zusammenhang von Beschäftigungen mit Jugendlichen in der Stadt (siehe dazu Backer und Pavoni 2018), Obdachlosigkeit (z. B. Cloke et al. 2008) oder Rassismus, Migration und Solidarität (siehe etwa Ha 2016; Schilliger 2021). Ebenso lassen sich Bezüge zu aktuellen Diskussionen über städtische Commons und die Stadt als Gemeinwesen herstellen, in denen immer wieder die Notwendigkeit nicht-anonymer Beziehungen zwischen Menschen für die Hervorbringung von Formen des Gemeinschaftlichen betont wird. Dabei wird die Erschaffung von Räumen, die intime Gespräche und Beziehungen erlauben, etwa im Zusammenhang mit Gemeinschaftsgärten oder kollektiven Wohnformen diskutiert (Siehe z. B. Borch und Kornberg 2015; Dellenbaugh et al. 2015). Insbesondere in Arbeiten zu sexuellen Gegenkulturen wurde eine Reihe von Facetten gelebter städtischer Intimität herausgearbeitet (siehe z. B. Andersson 2012; Andrucki 2017; Bain und Podmore 2021; Berlant und Warner 1998; Buckland 2002; Dean 2009).

Diese unterschiedlichen Diskussionen haben gezeigt, dass gelebte Intimität an vielfältigen Orten im Zusammenhang etwa mit Formen sozialer Gemeinschaft, kultureller Praxis, erotischer Raumproduktion, politischer Assoziation, reproduktiver Arbeit oder kommerzieller Raumnutzung entsteht. Ebenso wurde deutlich, dass intime Begegnungen flüchtigen oder überdauernden, inklusiven oder exklusiven, lokalen oder translokalen Charakter haben können. Taucht die Frage städtischer Intimität in einer Reihe unterschiedlicher Diskussionen der kritischen Stadtforschung auf, so fehlt es bislang doch – gerade in deutschsprachigen Debatten – an einer stringenteren Beleuchtung der Thematik. Speziell die konkreten Ausformungen und Transformationen von queerer Intimität, wie sie in veränderten Arrangements der Familie und des Zusammenlebens oder in der Veränderung sexueller Subkulturen zum Ausdruck kommen, werden bislang nur selten im Zusammenhang städtischer Prozesse und Verhältnisse erörtert (siehe jedoch Chauncey 1994; Cook 2014; Gieseking 2020; Günther 2017). Dabei können besonders Ansätze, die queeren Dimensionen intimer Verbindung in der Stadt nachgehen, verschiedenen Diskussionsfeldern der Stadtforschung neue Impulse verleihen.

Dieser Themenschwerpunkt von s u b \ u r b a n widmet sich Beschäftigungen mit den vielfältigen Verbindungen zwischen Stadt und Intimität. Dabei laden wir speziell zu Beiträgen ein, die sexuelle Gegenöffentlichkeiten und queere Formen der Intimität in den Blick nehmen – mit empirischem oder theoretischem Fokus, in historischer oder gegenwartsbezogener Hinsicht, mit Bezug auf den Nordatlantik, den Globalen Süden oder anderswo. Zudem wünschen wir uns Einreichungen, die Fragen der Intimität im Zusammenhang unterschiedlicher Themen der Stadtforschung fokussieren und dabei der Frage queerer Verbindungen nachgehen.

Historische Beiträge können etwa folgende Themen in den Blick nehmen:

  • Sexuelle Subkulturen, Gegenöffentlichkeiten und Formen der Sorge und Intimität, die im Zusammenhang mit Urbanisierungsprozessen entstanden sind, in denen das Familienheim eine neue Rolle für die soziale Produktion und Reproduktion gespielt hat;
  • räumliche Dimensionen von queerem städtischem Aktivismus, ästhetischer Praxis oder Formen des Zusammenlebens in Bezug auf die Rolle von Intimität;
  • Formen der Mobilität und der Migration von queeren Menschen – zwischen Nachbarschaften, Stadt und Land oder über nationalstaatliche Grenzen hinweg.

Gegenwartsbezogene Arbeiten könnten darüber hinaus beispielsweise Folgendes untersuchen:

  • Intimitätsformationen im Kontext von Modellen des Mehrgenerationenwohnens, die in Folge der Finanz- und Wirtschaftskrise von 2007/08 in vielen Kontexten des Globalen Nordens weiter zugenommen haben;
  • Formen und staatliche Kontrolle sexueller Dienstleistungen in städtischen Kontexten;
  • Veränderungen intimer Praktiken wie Cruising;
  • die Effekte des verstärkten Polizierens von Obdachlosigkeit im Zusammenhang von Gentrifizierungsprozessen, die Verdrängung, Verbürgerlichung oder Privatisierung queerer und öffentlicher Infrastrukturen zur Folge haben;
  • städtische Räume von Jugendlichen jenseits der Intimität des familiären Zuhauses;
  • die wachsende Bedeutung digitaler Medien – vom Entstehen neuer sozialer Foren und Netzwerke bis zur Ausbreitung von Dating-Apps;
  • queere Antworten auf durch Intimität übertragbare Krankheitserreger von HIV bis SARS-CoV-2 sowie den Einfluss, den gesundheitspolitische Maßnahmen und Behandlungsformen auf urbane und speziell queere Intimitätskulturen haben;
  • Ausformung oder Verhinderung von Formen der Intimität im Zusammenhang mit der Nutzung und Regulierung von Drogen.

Neben historischen und gegenwartsbezogenen Arbeiten könnten auch zukunftsgerichtete Beiträge eingereicht werden, die sich etwa mit Intimität in stadtbezogener Science Fiction oder visionären Planungsansätzen beschäftigen. Diese Auflistung ist nicht erschöpfend, und wir freuen uns über Beitragsvorschläge zu weiteren Aspekten queerer Verbindung und Intimität.

Vorschläge können zu Aufsätzen ebenso wie Debatten- und Magazinbeiträgen oder Rezensionen eingereicht werden (zu den Rubriken siehe https://zeitschrift-suburban.de/sys/index.php/suburban/about/submissions). Dazu bitten wir um die Einreichung von Abstracts im Umfang von 300-500 Wörtern bis zum 31.5.2021. Vollständige Beiträge bitten wir nach Einladung bis zum 30.11.2021 einzureichen; Aufsätze durchlaufen ein Peer-Review-Verfahren. Wir bitten zudem um Beachtung der Richtlinien für Autor_innen.

Einreichungen bitte als Word- oder RTF-Datei an info@zeitschrift-suburban.de

s u b \ u r b a n kooperiert für diesen Themenschwerpunkt mit Ben Trott, der ihn mit herausgibt.

 

 

Zitierte Literatur

  • Andersson, Johan (2012): Heritage discourse and the desexualisation of public space. The “historical restorations” of Bloomsbury’s Squares. In: Antipode. 44/4, 1081–1098.
  • Andrucki, Max (2017): Queering Social Reproduction, Or, How Queers Save The City. In: Beyond Binaries and Boundaries in “Social Reproduction”, ein Forum bei Society and Space https://www.societyandspace.org/articles/queering-social-reproduction-or-how-queers-save-the-city
  • Backer, Mattias de / Pavoni, Andrea (2018): Through thick and thin. Young people’s affective geographies in Brussels’ public space. In: Emotion, Space and Society. 27, 9–15.
  • Bain, Alison L / Podmore, Julie A (2021): Placing LGBTQ+ Urban Activisms, introduction to the forthcoming special issue on Placing LGBTQ+ Urban Activisms, in: Urban Studies online first.
  • Beachy, Robert (2015): Gay Berlin. Birthplace of a Modern Identity. New York City: Vintage Books.
  • Berlant, Lauren / Warner, Michael (1998): Sex in public. In: Critical Inquiry. 24/2, 547-566.
  • Bissell, David / Straughan, Elizabeth R. / Gorman-Murray, Andrew (2020): Losing touch with people and place. Labor mobilities, desensitized bodies, disconnected lives. In: Annals of the American Association of Geographers, 1–16.
  • Borch, Christian / Kornberger, Martin (Hg.): Urban Commons. Rethinking the City. Abington: Routledge.
  • Buckland, Fiona (2002): Impossible Dance. Club Culture and Queer World-Making. Middletown, Conn: Wesleyan University Press.
  • Chauncey, George (1994): Gay New York: Gender, Urban Culture, and the Making of the Gay World 1890-1994. New York City: Basic Books.
  • Cloke, Paul / May, Jon / Johnsen, Sarah (2008): Performativity and Affect in the Homeless City. In: Environment and Planning D: Society and Space. 26/2, 241–263.
  • Cook, Matt (2014): Queer Domesticities. Homosexuality and Home Life in Twentieth-Century London. Basingstoke, New York City: Palgrave.
  • Dean, Tim (2009): Unlimited Intimacy. Reflections on the Subculture of Barebacking. Chicago: University of Chicago Press
  • Delany, Samuel R. (1999): Times Square Red, Times Square Blue. New York City: New York University Press.
  • Dellenbaugh, Mary / Kip, Markus / Bieniok, Majken / Müller, Agnes / Schwegmann, Martin (Hg.) (2015): Urban Commons. Moving Beyond State and Market. Gütersloh: Bauverlag.
  • Gammerl, Benno / Herrn, Rainer (2015): Raumgefühle – Gefühlsräume. Perspektiven auf die Verschränkung von emotionalen Praktiken und Topografien der Moderne. In: sub\urban. zeitschrift für kritische stadtforschung 3/2, 7–22.
  • Gieseking, Jen Jack (2020): A Queer New York. Geographies of Lesbians, Dykes, and Queers. New York: New York University Press.
  • Günther, Jana (2017): Verdammt zum Leben in der ‚Rama-Frühstücksfamilie’. Rezension zu Gisela Notz (2015): Kritik des Familismus. In: sub\urban. zeitschrift für kritische stadtforschung, 5(3), S. 167–171.
  • Ha, Noa K. (2016): Straßenhandel in Berlin. Öffentlicher Raum, Informalität und Rassismus in der neoliberalen Stadt. Bielefeld: transcript Verlag.
  • Hamera, Judith (2009): Dancing Communities. Performance, Difference and Connection in the Global City. Basingstoke: Palgrave Macmillan.
  • Hartman, Saidiya (2019): Wayward Lives, Beautiful Experiments. Intimate Histories of Riotous Black Girls, Troublesome Women, and Queer Radicals. New York City: W. W. Norton & Company.
  • Hayden, Dolores u.a. (2017). Debatte zu „Wie könnte eine nicht-sexistische Stadt aussehen? (1981) Überlegungen zum Wohnen, zur städtischen Umwelt und zur menschlichen Arbeit“ von Dolores Hayden. sub\urban. Zeitschrift für kritische Stadtforschung, 5(3), 69–128.
  • Hutta, Jan S. (2018): Affekte und Emotionen. In: Bernd Belina / Matthias Naumann / Anke Strüver (Hg.), Handbuch kritische Stadtgeographie. Münster: Westfälisches Dampfboot, 79–84.
  • Kern, Leslie (2012): Connecting embodiment, emotion and gentrification. An exploration through the practice of yoga in Toronto. In: Emotion, Space and Society 5/1, 27-35.
  • Nascimento, Silvana de Souza (2018): Desire-cities. A transgender ethnography in the urban boundaries. In: Vibrant: Virtual Brazilian Anthropology. 15/1, 1–19.
  • Quayson, Ato (2014): Oxford Street, Accra. City Life and the Itineraries of Transnationalism. Durham: Duke Univ. Press.
  • Romero, Manuela Linck de / Zamora, Maria Helena (2016): Pesquisando cidade e subjetividade. Corpos e errâncias de um flâneur-cartógrafo. In: Psicologia em Estudo 21/3, 451–461.
  • Schilliger, Sarah (2021): Infrastrukturen der Solidarität gegen racial profiling. In: Niki Kubaczek, Die Stadt als Stätte der Solidarität. Wien: transversal texts, 229–255.
  • Schuster, Nina (2010): Andere Räume. Soziale Praktiken der Raumproduktion von Drag Kings und Transgender. Bielefeld: transcript.
  • Simone, AbdouMaliq (2019): Maximum exposure. Making sense in the background of extensive urbanization. In: Environment and Planning D: Society and Space 37/6, 990–1006.
  • Wacquant, Loïc (2014). Für eine Soziologie aus Fleisch und Blut. sub\urban. Zeitschrift für Kritische Stadtforschung, 2(3), 93–106.
  • Watson, Vanessa (2017): Learning planning from the south. Ideas from the new urban frontiers. In: Susan Parnell / Sophie Oldfield (Hg.), The Routledge Handbook on Cities of the Global South. London: Routledge, 98-108.
  • Wilson, Elizabeth (1992): The Sphinx in the City. Urban Life, the Control of Disorder, and Women. Berkeley u.a.: Univ. of California Press.