Welcome to Athens. Ein Fotoessay zur Ästhetik der Krise

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Julia Tulke

Abstract

Even in this sudden calm, the fire and paint of a year of protests and uprisings still scars the streets, unlike in London, New York and other world cities swept by anti-austerity protests and urban uprisings. There, municipal authorities swept in to scrub away all evidence of civil unrest as quickly as possible. Here, the evidence of social breakdown is still daubed on every surface (Laurie Penny 2012).

Ruhig war auch der Winter, den ich in Athen verbrachte. Nach nahezu fünf Jahren des Aufbegehrens und der Straßenkämpfe scheint die Stadt müde, ein wenig vielleicht sogar angekommen in einem vorläufigen Status Quo. Demonstrationen und Auseinandersetzungen gehören mittlerweile genauso zu den Alltagsgeographien der Athener_innen wie die intensive Militarisierung öffentlicher Räume und die Scharen von „neuen Obdachlosen“. Dabei sind insbesondere Zeitlichkeiten nahezu außer Kraft gesetzt. Der urbane und soziale Zerfall findet im Zeitraffer statt, während politische Entscheidungen zuweilen stillzustehen scheinen. Auch die Wände der Stadt und die Farben auf ihnen haben darauf einen wesentlichen Einfluss. Einerseits als Manifestation des urbanen Stillstandes – selbst an bedeutsamen öffentlichen Plätzen und Gebäuden werden Graffiti und Street Art wenn überhaupt erst nach Monaten entfernt – andererseits als Strategie Momente politischen Widerstand nachhaltig in die urbane Landschaft einzuschreiben. Die Wände und Häuser der Stadt legen Zeugnis ab über die Proteste und Kämpfe der letzten fünf Jahre – Gasmasken, Molotov Cocktails, Protestszenen, Slogans und Botschaften –, erzählen aber auch vom Alltag mit Krise und Austerität, von Angst, Verzweiflung, Repression aber auch Hoffnung. Dabei stellt die Stadt nicht nur eine statische Leinwand für künstlerische Auseinandersetzungen dar, sondern bietet einen dynamischen, symbolisch aufgeladenen Diskussionsraum, in dem aktivistische Künstler_innen und künstlerische Aktivist_innen neben- mit- und gegeneinander arbeiten. Schon in Athen selbst ist die Fülle, Komplexität und Diversität der Street-Art- und Graffiti-Arbeiten kaum sinnlich zu erfassen. So ist auch der folgende Fotoessay lediglich ein Versuch, einen Ausschnitt der polyphonen Aesthetic of Crisis zu repräsentieren und so Diskurse zu urbanen Krisenlandschaften zu bereichern.

Artikel-Details

Zitationsvorschlag
Tulke, J. (2013) „Welcome to Athens. Ein Fotoessay zur Ästhetik der Krise“, sub\urban. zeitschrift für kritische stadtforschung, 1(2). doi: 10.36900/suburban.v1i2.84.
Rubrik
Magazin