Bd. 9 Nr. 3/4 (2021): Kindheit in der Stadt

Call for Papers: Autoritärer Urbanismus

2022-04-29

Liebe Leser_innen,

angesichts der Zunahme autoritärer Tendenzen sowohl global als auch innerhalb Europas gewinnt die Auseinandersetzung mit dem Zusammenwirken von Autoritarismus und Stadt in der interdisziplinären und internationalen Stadtforschung seit einigen Jahren an Bedeutung. Autoritärer Urbanismus beschreibt ein zeitlich und räumlich differenziertes Phänomen: Die Materialisierungen und Produktionsbedingungen staatssozialistischer, faschistischer und nationalsozialistischer Stadtentwicklung, die mittlerweile global dokumentierte Aushebelung demokratischer Entscheidungsprozesse durch neoliberale Governance-Arrangements, Stadtdiskurse und Austeriätsmaßnahmen, die Verbreitung „illiberaler“ städtischer Politiken oder die Freilegung rechtspopulistischer städtischer Geographien in den USA und Zentraleuropa sind nur wenige Beispiele im Forschungsfeld zu autoritärem Urbanismus.

Anfangs beschäftigte sich vor allem die historische Forschung mit dem Thema, indem sie städtische Phänomene in autoritären und totalitären Regimen untersuchte. In den vergangenen Jahren kann jedoch ein Wandel beobachtet werden. Neuere Ansätze beziehen sich vermehrt auf praxistheoretische Perspektiven und betonen das gleichzeitige Nebeneinander autoritärer und demokratischer Praktiken in unterschiedlichen Regimetypen. Mit einer Rekonzeptualisierung von Autoritarismus weg von der nationalen Ebene hin zur Untersuchung städtischer Praktiken werden innerhalb des Forschungsfeldes zu autoritärem Urbanismus zunehmend auch autoritäre Entwicklungen in Demokratien beschrieben. So wird beispielsweise in Debatten zu autoritärem Neoliberalismus, Postdemokratie und Postpolitik analysiert, wie Stadtentwicklung in liberal-demokratischen Kontexten von scheinbar technischen, apolitischen Elementen durchdrungen wird, die ihrerseits autoritären Tendenzen Vorschub leisten. Wurde dieser Ansatz zunächst zur Erklärung von Phänomenen in westeuropäischen und US-amerikanischen Städten entwickelt, hat er in den vergangenen Jahren weit darüber hinaus Verbreitung gefunden. Doch auch umgekehrt stellen Beobachtungen gängige Annahmen in Frage: Zwar sind Städte in autoritären Regimen weiterhin von Entwicklungen geprägt, die üblicherweise mit repressiver Machtausübung verbunden sind. Gleichzeitig boomen vielerorts – wie etwa in China und Russland – partizipative Formen der Stadtplanung, also Praktiken, die gemeinhin als demokratiefördernd verstanden werden. Aus einer solchen Perspektive scheinen die Grenzen zwischen Demokratien und Autokratien zunehmend uneindeutiger zu werden.

Diese Parallelen, Verschiebungen und Widersprüchlichkeiten werfen neue Fragen für die Forschung zu autoritärem Urbanismus auf, die in unserem Themenheft diskutiert werden sollen. Dafür möchten wir verschiedene Forschungsstränge versammeln und in Dialog miteinander bringen. Wir freuen uns über Beiträge zu den folgenden Themenbereichen:

1) Erstens wollen wir die regimestabilisierenden Funktionen von Stadtentwicklungspolitik in den Blick nehmen. Wie werden Architektur, Städtebau und Stadtplanung von autoritären Machthabenden für regimestabilisierende Zwecke eingesetzt? Welche Produktionsformen und -bedingungen können dabei beobachtet werden und wie manifestieren sich diese baulich-räumlich? Welche Ähnlichkeiten und Unterschiede lassen sich zwischen historischen und aktuellen Formen auf der einen und verschiedenen räumlichen Kontexten auf der anderen Seite ausmachen? Beiträge können zum Beispiel Versorgungsversprechen mit Wohnraum und anderen Infrastrukturen, die Zurschaustellung von Stärke und Wachstum durch Leuchtturmprojekte oder die Konstruktion nationaler Identitäten durch städtebauliche Um- oder Neubauvorhaben in den Blick nehmen. Ebenso interessieren wir uns für mögliche Mechanismen der Kooptierung, etwa die Besänftigung oppositioneller Gruppierungen durch ästhetisch ansprechende Stadtaufwertungsprogramme oder zivilgesellschaftlicher Gruppen durch staatlich gelenkte partizipative Maßnahmen.

2) Zweitens wollen wir uns mit den konkreten Auswirkungen autoritärer Praktiken und den Handlungsspielräumen von Akteuren auf lokaler Ebene beschäftigen. Mit welchen Effekten und Einschränkungen geht autoritärer Urbanismus einher und wie wird darauf reagiert? Welche Handlungsspielräume stehen (oppositionellen) Akteuren – sowohl in der Lokalpolitik, der Verwaltung als auch zivilgesellschaftlichen Initiativen – auf lokaler Ebene offen und wie werden vorhandene Einschränkungen gegebenenfalls zu umgehen gesucht? In diesem Themenbereich können unterschiedliche Formen der Verdrängung und Diskriminierung, der Aussetzung oder Einschränkung von Rechten durch autoritäre und/oder illiberale urbane Politiken (z. B. Zugangsbeschränkungen und Handlungseinschränkungen z.B. in öffentlichen Räumen, Zwangsenteignungen) ebenso diskutiert werden wie die vielfältigen, offenen wie subtilen Formen des Widerstandes.

3) Drittens wollen wir uns mit den Mechanismen und Instrumenten von autoritärem Urbanismus sowie den dahinterliegenden Treibern befassen. Aus Sicht der Stadtforschung hat in den vergangenen Jahren insbesondere die Forschung zu autoritärem Neoliberalismus wichtige Impulse in dieser Hinsicht geliefert. Diese hat etwa konkrete Instrumente wie Public-Private-Partnerships oder Priority Areas, in denen übliche Verfahrensweisen ausgesetzt werden, kritisch in den Blick genommen. Die Bestrebungen, Autoritarismus zu „de-orientalisieren“, indem autoritäre städtische Praktiken als inhärente Bestandteile auch demokratischer Kontexte beschrieben und konzeptualisiert werden, bergen allerdings neue Herausforderungen. So erklären Studien in diesem Feld die Zunahme autoritärer städtischer Praktiken meist als Ausdruck neoliberaler Wirtschaftsformen; ein Ansatz, der für zahlreiche autoritäre Regime nur beschränkt übertragbar ist. Entsprechend laden wir zu einer kritischen Reflexion dieser Debatten ein: Welche Chancen, aber auch Herausforderungen birgt es, wenn autoritärer Urbanismus relativ breit definiert und zusehends auch für die Erforschung und Beschreibung von Prozessen in demokratischen Kontexten angewandt wird? Ausgehend von welchen Kontexten und Beispielen findet die Theoriebildung hauptsächlich statt, und werden damit womöglich profunde Unterschiede verdeckt?

Wir freuen uns sowohl über konzeptionell-theoretische Beiträge zum Themenfeld, z. B. zu den Definitionen von autoritärem Urbanismus und seiner Abgrenzung und Wechselwirkung mit illiberalen und rechtspopulistischen Praktiken; zu den konkurrierenden Definitionsversuchen in den verschiedenen Disziplinen der aktuellen Stadtforschung; zur Frage, welche neuen Ein- und Ausschlüsse eine praxistheoretische Konzeptualisierung von autoritärem Urbanismus hervorbringt, als auch über empirische Studien zu den oben genannten Themenfeldern. Dezidiert laden wir auch Beiträge ein, die sich mit den methodischen Herausforderungen der Erforschung von autoritärem Urbanismus befassen, z. B. zu Einschränkungen im Feldzugang und geeigneten Untersuchungsinstrumenten; zum Umgang mit sich dynamisch verändernden Bedingungen etc.

Wir freuen uns über Vorschläge zu Aufsätzen ebenso wie zu Debatten- und Magazinbeiträgen oder Rezensionen (siehe Informationen zu Rubriken). Dazu bitten wir um die Einreichung von Abstracts im Umfang von 300-500 Wörtern bis zum 30.06.2022. Vollständige Beiträge bitten wir nach Einladung bis zum 15.12.2022 einzureichen; Aufsätze durchlaufen ein Peer-Review-Verfahren. Wir bitten um die Beachtung der Richtlinien für Autor_innen.

Einreichungen von Vorschlägen bitte als Word-Datei an info@zeitschrift-suburban.de

Gast-Herausgeberin dieses Schwerpunkts ist Daniela Zupan. Wir freuen uns auf die Zusammenarbeit!

Schöne Grüße,

die Redaktion von sub\urban

Kristine Beurskens, Laura Calbet i Elias, Nihad El-Kayed, Nina Gribat, Stefan Höhne, Johanna Hoerning, Jan Hutta, Justin Kadi, Michael Keizers, Yuca Meubrink, Boris Michel, Gala Nettelbladt, Lucas Pohl, Nikolai Roskamm, Nina Schuster, Lisa Vollmer

Vorabveröffentlichung: „Wenn die Verhältnisse unter die Haut gehen. Urbane Gesundheit relational gedacht”

2022-03-29

Bild_Titel_für_Mitteilung2.jpgLiebe Leser_innen,

bestimmt habt ihr die neueste Ausgabe von sub\urban schon ausgelesen und könnt die nächste kaum erwarten. Deshalb möchten wir euch heute auf eine Vorabveröffentlichung aus unserem kommenden Heft aufmerksam machen. Der Beitrag „Wenn die Verhältnisse unter die Haut gehen. Urbane Gesundheit relational gedacht” von Richard Bůžek, Susanne Hübl, Lisa Kamphaus und Iris Dzudzek befasst sich mit dem Verhältnis von Gesundheit und Ungleichheit, das in der Kritischen Stadtgeographie unterrepräsentiert ist. Mithilfe eines relationalen Gesundheitsverständnisses fragen die Autor_innen, wie Machtverhältnisse – vermittelt über Gesellschaftsstrukturen und (politisch konstruierte) Umwelten – krank machen. Sie diskutieren, welche Relevanz Räume dafür haben, Krankheit hervorzubringen, und inwiefern die Stadtteilebene zu einer kollektiven Repolitisierung von Gesundheit geeignet ist. Dieser Beitrag zu einer Kritischen Stadtgeographie verkörperter Ungleichheiten zeigt, wie Machtverhältnisse sich in Form von Krankheit und Gesundheit in Körper einschreiben.

Hier geht es zum Beitrag.

Wir wünschen viel Spaß beim Lesen,

die Redaktion von sub\urban

Kristine Beurskens, Laura Calbet i Elias, Nihad El-Kayed, Nina Gribat, Stefan Höhne, Johanna Hoerning, Jan Hutta, Justin Kadi, Michael Keizers, Yuca Meubrink, Boris Michel, Gala Nettelbladt, Lucas Pohl, Nikolai Roskamm, Nina Schuster, Lisa Vollmer

Die große sub\urban-Leser*innenumfrage zum zehnjährigen Jubiläum!

2021-12-14

Liebe Leser_innen,

Im kommenden Jahr wird sub\urban zehn Jahre alt. Zu diesem runden Jubiläum wollen wir ein bisschen mehr über unsere Lesenden erfahren – wie alt sind sie? Warum lesen sie sub\urban? Wie oft? Und auf welchem Endgerät? Gibt es Themen, die in sub\urban fehlen, aber vorkommen sollten?

Diese und andere Fragen stellen wir Euch/Ihnen in der „Großen sub\urban-Leser*innenumfrage“ und würden uns über zahlreiche Antworten sehr freuen. An der Umfrage kann man unter folgendem Link teilnehmen (alle Antworten sind natürlich anonym): https://umfrage.hu-berlin.de/index.php/468489

Gerne könnt ihr die Umfrage auch weiterleiten an alle, die ihr im Verdacht habt sub\urban-Leser*innen zu sein - von Studierenden bis zu eurer Oma.

Die Ergebnisse werden in unserem Jubiläumsheft nächstes Jahr veröffentlicht.

Vielen Dank für’s Teilnehmen – wir sind schon gespannt.

Die Redaktion von sub\urban

Kristine Beurskens, Laura Calbet i Elias, Nihad El-Kayed, Nina Gribat, Stefan Höhne, Johanna Hörning, Jan Hutta, Justin Kadi, Michael Keizers, Yuca Meubrink, Boris Michel, Gala Nettelbladt, Lucas Pohl, Nikolai Roskamm, Nina Schuster, Lisa Vollmer

Veröffentlichung! Band 9, Heft 3/4 „Kindheit in der Stadt“ online

2021-11-26

cover_issue_47_de_DE.jpg Liebe Leser_innen,

unsere neue Ausgabe ist erschienen, diesmal mit dem Schwerpunkt „Kindheit in der Stadt“. Städte sind immer auch Räume der Kindheit, und städtisches Leben wird von Kindern ebenso hervorgebracht wie von Erwachsenen. Dennoch klafft eine Lücke in der kritischen Stadtforschung, was die Berücksichtigung von Kindern, die in der Stadt leben, angeht. Der Themenschwerpunkt versammelt ein großes Füllhorn anregender interdisziplinärer Beiträge, die sich mit historischen wie aktuellen Tendenzen der Stadtentwicklung und deren Auswirkungen auf das Leben von Kindern, aber auch mit den Möglichkeiten ihrer Teilhabe an der Stadtgestaltung befassen. Damit versteht sich der Schwerpunkt auch als Plädoyer, Kinder als eigenständige Subjekte in der Stadt ernst zu nehmen und ihren Positionen zu den Problemen der Gegenwart mehr Gewicht beizumessen. In diesem Sinne sind viele der Beiträge dem Anliegen verpflichtet, Kindern in der Stadtforschung und -planung eine Stimme zu geben und ihre Sichtweisen auf die sie umgebende städtische Umwelt stärker in die Analysen kritischer Stadtforschung einzubeziehen.

Neben den Beiträgen im Schwerpunkt versammelt die Ausgabe auch eine Reihe weiterer Beiträge, darunter Aufsätze zu den Themen künstlerische Forschungsmethoden, Demokratisierung öffentlicher Wohnungsunternehmen und vergeschlechtliche Hausarbeit am Beispiel des Thermomix.

Wie immer warten neben Aufsätzen auch eine Reihe von Debatten und Magazinbeiträgen sowie Rezensionen auf Eure lesende Neugier.

Viel Spaß beim Lesen – und diesmal auch beim Malen!

Herzliche Grüße
die Redaktion von sub\urban

Kristine Beurskens, Laura Calbet i Elias, Nihad El-Kayed, Nina Gribat, Stefan Höhne, Johanna Hörning, Jan Hutta, Justin Kadi, Michael Keizers, Yuca Meubrink, Boris Michel, Gala Nettelbladt, Lucas Pohl, Nikolai Roskamm, Nina Schuster, Lisa Vollmer

und Verena Schreiber als Mitherausgeberin des Themenschwerpunkts