Call for Papers: Stadt und Geopolitik (Herbstausgabe 2027)
Liebe Leser:innen,
hiermit möchten wir auf unseren Call für die Herbstausgabe 2027 mit dem Schwerpunkt „Stadt & Geopolitik“ aufmerksam machen.
Herzliche Grüße
die Redaktion von sub\urban
Kristine Beurskens, Laura Calbet i Elias, Nihad El-Kayed, Mina Godarzani-Bakhtiari, Nina Gribat, Stefan Höhne, Johanna Hoerning, Jan Hutta, Michael Keizers, Yuca Meubrink, Boris Michel, Gala Nettelbladt, Lucas Pohl, Nikolai Roskamm, Nina Schuster, Lisa Vollmer
Stadt & Geopolitik
3/4 (Herbst) 2027
Angesichts gegenwärtiger Kriege und verschärfter Konflikte um Ressourcen, Territorialität und regionale Hegemonie ist eine Auseinandersetzung mit Geopolitik momentan weit verbreitet. Der Begriff Geopolitik stand aufgrund der folgenschweren Nutzung geopolitischen Wissens unter anderem durch das Regime des Nationalsozialismus längere Zeit in der Kritik. In Folge neuerer Diskussionen einer „critical geopolitics“ (z.B. Campbell 1992; Ó Tuathail 1996) wurde Geopolitik jedoch zunehmend auch in deutschsprachigen wissenschaftlichen Debatten wieder ein gängiges und relevantes Thema (z.B. Hörschelmann 2008; Geographische Rundschau 5/2026; Reuber 2012). Und auch in internationalen Debatten der Stadtforschung wird die Relevanz von Geopolitik gegenwärtig hervorgehoben (z.B. Fregonese 2012, 2020; Laketa 2016, 2025; Rokem / Boano 2023).
Die aktuell verstärkte Thematisierung von Geopolitik nehmen wir zum Anlass, um nach einem geopolitischen Blick der kritischen Stadtforschung zu fragen: Inwiefern ist es relevant, die städtische Wirklichkeit von Geopolitik in den Blick zu nehmen? Und welche Rolle kann kritische Stadtforschung für geopolitische Fragestellungen spielen?
Dass sich in Städten geopolitische Projekte und Konstellationen über verschiedene Dimensionen des gesellschaftlichen Lebens hinweg konkretisieren – nicht zuletzt im Hinblick auf umkämpfte Positionierungen und Zugehörigkeiten –, erscheint plausibel. Wie dies jedoch konkret geschieht und welche Auswirkungen dies auf urbane Lebenswelten und Alltagspraktiken hat, bleibt eine weiter zu untersuchende Frage. Städte können einerseits als zentrale Arenen von Auseinandersetzungen fungieren, in denen sich geopolitische Konfliktlinien nicht nur auf spezifische Weise manifestieren, sondern diese auch aktiv (re-)produziert und verhandelt werden. Dies artikuliert sich unter anderem in Versicherheitlichungsdiskursen und der Militarisierung urbaner Räume sowie in der staatlichen Regulierung kultureller, sozialer und politischer Praktiken – etwa durch repressive Maßnahmen. Andererseits artikulieren sich in Städten soziale Bewegungen, Protestformen und komplexe, oft alltägliche Aushandlungen zwischen geopolitisch unterschiedlich situierten Subjektivitäten und Kollektiven.
Forschungen zu Geopolitik nehmen bislang häufig eine Top-Down-Perspektive ein und untersuchen beispielsweise, wie sich Militarisierung in städtische Räume einschreibt oder welche Ungleichheiten veränderte Rohstoffregime oder Transformationsprozesse wie die Dekarbonisierung hervorbringen. Zusammenhänge von Stadt und Geopolitik lassen sich jedoch auch ausgehend vom urbanen Leben und städtischen Bewegungen untersuchen. Speziell feministische und postkoloniale Forschungsansätze haben herausgestellt, wie Geopolitik in situierten Kontexten erlitten und erfahren aber auch verhandelt oder in Frage gestellt wird (z.B. Pain / Staeheli 2014; Smith 2020; Tyner / Henkin 2015). Geopolitik wird so als untrennbar verwoben mit gelebter Praxis analysierbar. Dabei geht es nicht nur darum, wie sich „globale“ Machtverhältnisse im „lokalen“ Raum niederschlagen, sondern auch darum, dass städtische Akteure ganz unterschiedlich in geopolitische Verhältnisse und Konstellationen verstrickt und von ihnen betroffen sind.
Mit unserem Themenschwerpunkt möchten wir zu einem differenzierteren Verständnis dazu beitragen, wie die meist mit nationalstaatlichen und makroregionalen Akteuren assoziierten geopolitischen Prozesse auch in städtischen Kontexten produziert, ausgehandelt oder herausgefordert werden. Der sub\urban -Themenschwerpunkt ist damit auch eine Einladung zu einer „Geopolitik von unten“, um so den Blick auf die Feinheiten, Komplexitäten und Vielschichtigkeiten des Zusammenlebens im urbanen Raum unter sich verändernden – und vielerorts zuspitzenden –geopolitischen Bedingungen zu schärfen.
Insbesondere laden wir zur Einreichung von Aufsätzen, Rezensionen sowie Magazin- und Debattenbeiträgen ein, die sich folgenden Themenfeldern widmen:
- Gelebte Erfahrung und Aushandlung von geopolitisch verankerten Formen der Überwachung, Kontrolle oder militärischen Präsenz in Städten
- Aushandlungen innerhalb und zwischen (diasporischen) Communitys im Kontext von Geopolitik, etwa im Zusammenhang mit Rassismus, Antisemitismus, Nationalismus oder ethnisierten und territorialisierten Konflikten sowie deren Auswirkungen auf das urbane Zusammenleben
- Verhandlung verschiedener Subjektivitäten und Identitäten in urbanen Begegnungsräumen im Kontext geopolitischer Dynamiken und Diskurse
- Praktiken und Umgangsweisen mit Architekturen der Versicherheitlichung im Hinblick auf (Diskurse um) Bedrohungen
- Städtische Produktion von Affekten und Atmosphären des Nationalen, des „Westens“, der Potenz, der Verteidigungsfähigkeit usw. im Hinblick auf Geopolitik
- Rassismus und Othering im Zusammenhang mit Geopolitiken der Angst
- Aushandlung von Konflikten rund um die städtische Geopolitik von Infrastrukturprojekten
- Umgang mit geopolitisch begründeter Ressourcenknappheit und Versorgungskrisen
- Praktiken und Repräsentationen rund um (Haupt-)Städte als geopolitische Machtzentren
- Anti-Kriegs-Proteste in Städten und die Thematisierung von Geopolitik in städtischen sozialen Bewegungen
- Mediale Präsenz von geopolitischen Konflikten, Gewalt und Krieg und deren Verhandlung in der Stadt
Wir freuen uns über Vorschläge zu Aufsätzen ebenso wie zu Debatten- und Magazinbeiträgen oder Rezensionen (mehr Informationen zu den Rubriken hier). Dazu bitten wir um die Einreichung von Abstracts im Umfang von 300-500 Wörtern bis zum 31. Juli 2026. Vollständige Beiträge bitten wir nach Einladung bis zum 18. Dezember 2026 einzureichen; Aufsätze durchlaufen ein Peer-Review-Verfahren. Wir bitten um die Beachtung der Richtlinien für Autor_innen. Einreichungen von Vorschlägen bitte als Word- oder RTF-Datei an info@zeitschrift-suburban.de
Literaturangaben
- Campbell, David (1992): Writing Security. United States Foreign Policy and the Politics of Identity. Minneapolis: University of Minnesota Press.
- Fregonese, Sara (2012): Urban geopolitics 8 years on. Hybrid sovereignties, the everyday, and geographies of peace. In: Geography Compass 6/5, 290–303.
- Fregonese, Sara (2020): War and the City. Urban geopolitics in Lebanon. London: I.B. Tauris.
- Bernzen, Amelie / Reuber, Paul (Hg.) (2026): Themenschwerpunkt „Die Rückkehr der Geopolitik“. In: Geographische Rundschau, 26/5, 4-45.
- Hörschelmann, Kathrin (2008): Populating the landscapes of critical geopolitics–Young people's responses to the war in Iraq (2003). In: Political Geography, 27/5, 587-609.
- Laketa, Sunčana (2016): Geopolitics of affect and emotions in a post-conflict city. In: Geopolitics 21/3, 661–685.
- Laketa, Sunčana (2025): Cities of banal warfare. Affective geographies in violent times. Bristol: Bristol University Press.
- Pain, Rachel / Staeheli, Lynn (2014): Introduction. Intimacy-geopolitics and violence. Area, 46(4), 344-347.
- Reuber, Paul (2012). Politische Geographie. utb GmbH.
- Smith, Sara (2020): Intimate Geopolitics. Love, Territory, and the Future on India's Northern Threshold. New Brunswick, NJ: Rutgers University Press.
- Rokem, Jonathan / Boano, Camillo (2023): Towards a global urban geopolitics. Inhabiting violence. In: Geopolitics 28/5, 1667–1680.
- Tuathail, Ó. Gearóid (1996): Critical geopolitics: The politics of writing global space. Minneapolis: University of Minnesota Press.
- Tyner, James / Henkin, Samuel (2015): Feminist geopolitics, everyday death, and the emotional geographies of Dang Thuy Tram. In: Gender, Place & Culture 22/2, 288–303.
